Eine Zugfahrt, die ist lustig!

Ich kann endlich mal wieder ins Stadion, da ich den Dauerkartenplatz meiner VFB-Freundin Bianca übernehmen darf. Ihr ist es im Winter einfach zu kalt. Mein Glück, ich muss mich nur fünflagig anziehen inklusive Heizweste und Fußsack. Dieses Mal schaffe ich es sogar rechtzeitig zum Anpfiff, da die DB ausnahmsweise mal pünktlich ist. Alles gut also und dann auch noch ein superspannendes Spiel mit positivem Ausgang.

Der schwierigste Teil steht uns jedoch noch bevor. Wir müssen so schnell wie möglich in der vollen S-Bahn mit lauter verrückten Fußball-Fans zum Hauptbahnhof kommen. Für die Strecke, die die S-Bahn normalerweise in drei Minuten schafft, benötigt die Bahn diesmal bestimmt 20 Minuten. In der Bahnhofshalle gibt mein Bekannter mit mir Vollgas, aber vergebens, der Zug ist weg. Uns bleibt keine andere Wahl, als die Bummelbahn zu nehmen. Die ist relativ  voll, aber es ist ok! Allerdings steigen immer mehr Menschen in unser Abteil… Als drei Betreuerinnen mit einer spanisch sprechenden Kindergruppe den Zug besteigen, wird’s endgültig kriminell. Es ist jetzt so eng, dass man sich fast nicht mehr drehen kann und kaum mehr Luft zum Atmen hat. Die Lage aus meinem kleinen Rollstuhl sieht recht bedrohlich aus, einmal bekomme ich fast einen Ellenbogen ins Gesicht…IMG_0725

Natürlich war das noch nicht das Ende der Fahnenstange, ein leicht angetrunkener Mann will um jeden Preis zusteigen, obwohl es einfach keine Möglichkeit mehr gibt. Aber es interessiert ihn nicht, es entsteht eine Diskussion, die immer emotionaler wird. Mein Begleiter wird’s irgendwann zu bunt und er macht dem Typ in äußerst gereiztem Ton unmissverständlich klar, dass er nicht mehr zusteigen darf. Als die Türen endlich zugehen, atmen alle Insassen erst mal kräftig durch. Aber es kommt noch besser: An den zwei folgenden Haltestellen wollen weitere Menschen zusteigen. Und wieder darf mein Bekannter völlig ineffektive Diskussionen führen. Die Botschaft: Es gibt einfach keinen Platz mehr, Punkt! Klar, die Leute sind genervt, dass sie nicht mehr in den Zug kommen. Aber da kann niemand was dafür außer die Deutsche Bahn. Es ist wirklich eine absolute Fehlplanung bzw. Frechheit, dass die DB an einem Samstag in der Vorweihnachtszeit nach einem VfB-Spiel nicht in der Lage ist, eine Regionalbahn mit genügend Wagen auszustatten.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Verlasse dich nie auf die Deutsche Bahn und die Rücksichtnahme von potentiellen Mitfahrern.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Etwas mehr gesunder Menschenverstand würde beim Bahnfahren nicht schaden.

 

Ämter-und Bürokratie-Episode Teil 2 – Die Ineffizienz des Bürokratiemonsters

Es ist schon länger her, dass ich über die schwerfälligen Mühlen der Bürokratie geschrieben habe. Daher scheint es längst überfällig, dass jetzt endlich der nächste Artikel darüber kommt. Ich habe mich entschlossen, eine Serie – die Ämter-und Bürokratie-Episode – daraus zu machen. Trotz allem Ärger über den fast schon normalen Wahnsinn der Bürokratie müssen wir – wie ich damals andeutete – uns immer wieder bewusst machen, dass wir in Deutschland auf einem recht hohen Niveau jammern.

Wie ich ja schon berichtete, habe ich mit etwas Mühe erreicht, dass mir das Sozialamt Kulturfahrten bezahlt und ich so problemlos in die Kirche komme, selbst wenn es Minusgrade hat.

IMG_0168Läuft alles normal, gibt es keine Probleme, aber wehe ich habe mal einen außerplanmäßigen Wunsch… Dann wird es kritisch, weil jederzeit und überall die Fallstricke des bösen und geheimnisvollen Bürokratiemonsters lauern. Entweder kann mein Taxiunternehmen zu der veränderten Uhrzeit nicht fahren oder ich muss erst einmal meinen Extrawunsch vom Sozialamt genehmigen lassen. So geschehen bei meiner längeren Fahrt zum Foreigner-Konzert. Ich wollte ganz unkompliziert ein paar Fahrten sparen und dafür eine lange Fahrt machen. Obwohl mein Taxiunternehmen nicht explizit nur für meine Kirchenfahrten beauftragt ist,  hat der nette Mann von der Rechnungsabteilung Bedenken: Für die lange Fahrt sei ich ja gar nicht versichert, aber insgeheim hat er ja nur Angst vor dem jederzeit und überall lauernden Bürokratiemonster.ch muss also beim Sozialamt anrufen und dem zuständigen Sachbearbeiter verklickern, was mein Plan ist. Der hört gar nicht lange zu und sagt gleich, ich solle es bitte schriftlich machen, das könne er nicht ohne seinen Chef entscheiden. Das ist wohl die gängige Kommunikation bei den Ämtern in Deutschland… Ich setze also kurz ein Schreiben auf und 5 Tage später habe ich die Genehmigung in der Tasche. Dem Bürokratiemonster bin ich somit gerade noch entwischt.

Bürokratiemonster_WebWenn es um Hilfsmittel geht, ist die Sache heikler. Zugegeben, ich bin was Hilfsmittel angeht inzwischen sehr gut ausgerüstet – inklusive Trinkhilfe und Telefonieren mit Bluetooth-Headset. Das i-Tüpfelchen wäre jetzt noch, wenn ich mit meiner Umfeldsteuerung ein spezielles Infrarottelefon ansteuern und damit selbständig Anrufe annehmen und starten könnte. Mit zwei verschiedenen Argumentationsansätzen bin ich bislang bei der Krankenkasse gescheitert, im Moment befindet sich mein Widerspruch in einem schwebenden Verfahren, in einer Warteschleife sozusagen. Auf  Nachfrage bekomme ich lediglich die Auskunft, dass ich nur abwarten und auch niemanden zum aktuellen Stand der Dinge befragen könne.

IMG_0646Wegen diesem Vorfall und noch anderen Hintergründen haben wir als Familie die Krankenkasse gewechselt. Aber deshalb ist natürlich noch nicht alles gut und das Bürokratiemonster leider weiter unbesiegt. Prinzipiell ist es mit dem Wechsel gar nicht so kompliziert, da die neue Kasse, die alte Kasse abfragt und die bestehenden Verordnungen einfach übernimmt. Aber wie befürchtet läuft es natürlich nicht reibungslos ab. Kurz vor dem offiziellen Wechsel häufen sich bei mir die Panikanrufe. Das Sanitätshaus, von dem ich meine Beatmungsgeräte habe, meldet sich. Die Beatmungsgeräte werden ja jetzt bald abgeholt, da sie Eigentum der BKK Bosch sind. Ich entgegne nur, dass sie das ja gerne tun könnten, wenn sie ein Menschenleben auf dem Gewissen haben wollen. Die Frau am anderen Ende der Leitung ist kurz überrascht, geht aber gleich wieder zur Tagesordnung über. Sie teilt mir mit, dass sie bei der neuen Kasse zwei neue Beatmungsgeräte beantragt hat. Ich finde es absolut überflüssig und schwachsinnig, wieso die neue Kasse nicht einfach die bestehenden Beatmungsgeräte übernimmt. Sie funktionieren doch einwandfrei und erfüllen ihren Sinn und Zweck. Auf weitere Diskussionen lasse ich mich überhaupt nicht ein und außerdem will ich auch nicht, dass es dem Bürokratiemonster langweilig wird.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Lasse dich nicht vom Bürokratiemonster ärgern, sondern ziehe einfach dein Ding durch!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Vorsicht, bitte nicht komplett vom Bürokratiemonster vereinnahmen lassen!

Selbsthilfe hört sich grausamer an wie es in Wirklichkeit ist

Im Journalismus problemlos an eine Festanstellung zu kommen, ist ungefähr so wahrscheinlich, wie dass derzeit irgendeine Fußballmannschaft dieser Welt den FC Bayern schlägt. Der Bezug von Printmedien ist nicht erst seit diesem Jahr stark rückläufig, weshalb es mittlerweile zahlreiche arbeitslose Journalisten gibt. Eine der wichtigsten Ursachen ist der zunehmende Internetkonsum. Das Internet ist Untergang und Chance zugleich für die Printmedien und das gilt auch für mich. Denn alle meine aktuellen und potentiellen Auftraggeber bauen ihre Onlinepräsenz kontinuierlich aus, wollen Leute, die sowohl Texte schreiben können als auch Facebook beherrschen. Nur so ist heute gutes Marketing möglich. Eine andere Chance von mir liegt darin, ein Projekt aufzuziehen oder bei einem solchen mitzumachen, für das sich ein potenter Sponsor interessiert. Der Ansatzpunkt könnte im Selbsthilfebereich liegen. Zunächst geht es darum, dass ich mich bekannt mache und Kontakte knüpfe, um dann gemeinsam mit anderen engagierten Menschen etwas auf die Beine stellen zu können. Deshalb habe ich mir überlegt, eine kleine Serie über Selbsthilfegruppen aus der Rhein-Neckar Region zu starten.

Mein Vorhaben beginnt in Mannheim, beim Arbeitskreis Barrierefrei. Ausgerechnet an diesem Tag kommt mein Zeitplan völlig durcheinander und ich habe ziemlich Verspätung, als ich irgendwann doch noch ankomme. Aber vielleicht kann ich ja wenigstens zwei, drei gute Gespräche führen, denke ich mir. Ich hatte zuvor dem Vorsitzenden per E-Mail angekündigt, dass ich gerne zum monatlichen Routinetreffen erscheinen will. Meine Helferin klopft am Sitzungsraum an und sofort geht die Türe auf. Ein Rollstuhlfahrer rollt hinaus und meint, dass die Sitzung jetzt vorbei sei. Die Diskussion ist allerdings noch in vollem Gange und ich sammle noch einige nützliche Eindrücke. Mir fällt eine sehr engagierte Frau auf, die sich ziemlich intensiv einbringt. Nach der Sitzung fahre ich sofort auf sie zu, da sie eine wichtige Kontaktperson für mich sein könnte. Wir unterhalten uns gut und sie ist sehr interessiert an meinen Ausführungen. Bevor wir uns verabschieden, tauschen wir noch unsere Visitenkarten aus. Einer der Vorsitzenden ist sehr auskunftsfreudig und kennt natürlich – wie könnte es auch anders sein – meinen derzeitigen Hauptauftraggeber. Echt unglaublich, aber er hat wirklich ein sehr großes Netzwerk in der Behinderten- und Selbsthilfeszene aufgebaut. Da habe ich noch eine Menge Arbeit vor mir, denn als Redakteur von einer Zeitschrift wie RehaTreff sind Kontakte wie diese wahnsinnig wichtig. Und irgendwann muss ich ja mal anfangen.

IMG_0333Wenige Tage später bekomme ich eine Mail von der engagierten Frau vom Arbeitskreis Barrierefrei mit Infos über interessante Veranstaltungen. Unter anderem weist sie mich auf die Regionalkonferenz in Mannheim hin, über die ich unlängst berichtet habe. Meine nächste Station ist der Beirat für Menschen mit Behinderung in Heidelberg. Die Vorsitzende des Beirats ist in der Geschäftsführung meines Pflegedienstes und sie empfiehlt mir auf jeden Fall den Stammtisch des Beirats zu besuchen. Da hätte ich sogar mehr davon, als mir die Sitzung im Rathaus anzuhören. Ich fahre also zu einem Restaurant am Heidelberger Hauptbahnhof, um Zeuge vom BMB-Stammtisch zu werden. Wieder mal etwas knapp in der Zeit düse ich ins Restaurant und will schon fast wieder enttäuscht abdrehen, da sehe ich im hinteren Bereich einen einzigen Rollstuhlfahrer an einem Tisch sitzen. Es ist der stellvertretende Vorsitzende des Beirats, mit dem ich schon Mailkontakt hatte. Er begrüßt mich freundlich und meint, dass heute wohl keiner Zeit gefunden habe, am Stammtisch teilzunehmen. Es ist eben immer mit einem Zeitaufwand verbunden, für einen Selbsthilfeverein tätig zu sein oder in ihm präsent zu sein. Es sei eines der größten Probleme, dass viele Menschen mit Behinderung seine Interessen gewahrt haben wollen, aber nur die wenigsten dafür bereit seien, Zeit und Energie für ehrenamtliche Arbeit aufzuwenden. So kommen wir ins Gespräch und da wir alleine sind, bekomme ich eine interessante Einführung über den BMB und kann mich in Ruhe mit dem Vorsitzenden austauschen.

IMG_0327In der Zeit danach beschäftige ich mich durch meine Tätigkeit beim RehaTreff etwas näher mit dem Thema MS. Ich gehe auf die Internetseite des Bundesverbandes MS-Erkrankter und stoße auf den sehr gut organisierten und mitgliederstarken Landesverband Baden-Württembergs mit dem gut einzuprägenden Namen „AMSEL“. Nach einer ausführlichen Internetrecherche nehme ich Kontakt mit der Leiterin der Regionalstätte Nord-Baden auf. Nach ein paar Mails und einem Telefongespräch schlägt die Leiterin vor, dass wir uns mal in einem persönlichen Gespräch austauschen. Das ist einfach besser und eine ganz andere Ebene, findet sie. Sie lässt mich auch ohne zu zögern den Treffpunkt festlegen, dem sie sofort zustimmt. Die Frau versteht etwas von pragmatischen Lösungen und spricht nicht nur von Inklusion. Und sie macht es für mich als Journalist einfach, an interessante Informationen zu kommen. Als ich bei strömendem Regen etwas gestresst am Treffpunkt einfahre, sehe ich eine wartende Frau und schicke sofort meinen Helfer zu ihr. Er soll fragen, ob sie die Frau von der AMSEL ist. Sie ist es natürlich nicht und mir ist die Situation etwas unangenehm, mein armer Helfer!

Also fahre ich in das Lokal hinein und kurze Zeit später kommt eine Frau auf mich zu und stellt sich als meine Gesprächspartnerin vor. Sofort frägt sie uns, ob sie uns etwas bestellen darf. Echt ziemlich nett und zuvorkommend! Ich erfahre alles über die Struktur der Amsel und bekomme sämtliche Fragen beantwortet, die mir wichtig erscheinen. Am Ende des Gesprächs gibt sie mir noch mit auf den Weg, dass ich bei den Stammtischen der lokalen Amsel-Kontaktstellen die wirklich interessanten und spannenden Details zum Alltagsleben von MS-Betroffenen erfahre. Richtig toll finde ich, dass sie die Kontaktstellen, deren Ansprechpartnerin sie ist, von unserem Gespräch berichten will. Das macht die weitere Beschäftigung mit dem Thema MS einfacher und erleichtert es mir, weitere Kontakte zu erschließen. In der Bahn beschäftige ich mich zufrieden mit dem Gespräch und stelle plötzlich entsetzt fest, dass ich ganz vergessen habe, gleich ein Bild von ihr zu machen. Aber so etwas soll angeblich selbst besten Journalisten passieren.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es bringt nix, gemütlich zu Hause zu sitzen und darauf zu warten, bis andere Initiative ergreifen.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Der Begriff Selbsthilfe ist für die meisten Menschen in der Bevölkerung negativ besetzt. Dabei bietet Selbsthilfe unglaublich viel Potential.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin!!!

Es ist doch völlig klar, dass ich es dem diesjährigen Pokal-Finalisten VFB Stuttgart einfach gleichtun und unserer Hauptstadt dieses Jahr eine Stippvisite abstatten musste. Für diese Reise habe ich mich entschlossen, zwei Begleitpersonen mitzunehmen, das ist viel entspannter und es bleibt nicht alles an einer Person hängen. Frühzeitig habe ich mit zwei altbewährten Helferinnen den gemeinsamen Trip klargemacht. Außerdem ist meine Schwester mit ihrem Freund zwei Tage mit dabei, sie wohnen im gleichen Jugendgästehaus. Also noch mehr Entlastung für meine zwei Mädels. Als wir ohne große Komplikationen ankommen, hat meine Schwester aber gleich mal eine schlechte Nachricht parat: Genau bei der U-Bahn-Station, über die wir am schnellsten ins Stadtzentrum gekommen wären, funktioniert der Aufzug nicht. Das bedeutet, dass wir immer etwas länger brauchen, bis wir an unsere gewünschten Zielorte kommen. Rekord sind durch mehrmaliges Umsteigen zweieinhalb Stunden. Zum Glück kann ich mich nach dieser Odyssee mit einer echten Berliner Currywurst trösten.

31082013714Es sind echt gute Nerven nötig, wenn wir mit dem öffentlichen Nahverkehr die Stadt erkunden. Dabei ist Berlin in diesem Punkt echt fortschrittlich, da selbst die älteren Bahnen ohne Probleme nutzbar sind. Jede U- und S-Bahn-Station ist mit einer stationären Klapprampe ausgestattet, die der Zugführer bei Bedarf völlig unkompliziert anlegen kann. Berlin ist eine von den wenigen Städten, wo ich ganz entspannt und ohne Schweißausbrüche von A nach B komme. Leider bringt dies eben nicht so viel, wenn die Aufzüge kaputt sind. Allerdings scheint die Auszeichnung Berlins zur barrierefreisten Stadt Europas schon ein bisschen sehr optimistisch, wenn Aufzüge selbst an Knotenpunkten wie dem Zoo oder dem Kudamm kaputt sind. Einer deutschen Hauptstadt unwürdig. Natürlich muss man zur Ehrenrettung anmerken, dass es kaum möglich ist, dass ein derart riesiges U- und S-Bahn-Netz ohne irgendeine Unterbrechung funktioniert.

IMG_0511 Das Dreibett-Zimmer unserer Unterkunft ist soweit in Ordnung, mit den üblichen Defiziten, wenn der Preis niedrig ist und der Träger kein Selbsthilfe- oder Behindertenverein ist: Recht klein, sehr niedriges Bett, was für meine Helferinnen natürlich suboptimal ist und ein Bad mit Ecken und Kanten. Zunächst muss der WC-Stuhl über eine am Boden installierte Kabelleiste geschoben und dann von beiden Seiten kurz angehoben werden, damit ich über die Kloschüssel komme. Gut, dass wir zu dritt sind, es ist sowieso genial, wie sich meine beiden Helferinnen ergänzen und mich in Turbogeschwindigkeit stadterkundungstauglich machen. Es geht tatsächlich schneller, wenn vier statt zwei Arme an einem herumschrauben. Da wir Einiges an Gepäck und sonstigen Dingen dabei haben, ist es in unserer Bude sehr voll. Dass noch jemand durch die Türe passt, ist alles. Falls der Notstand in Berlin ausgerufen wird, sind wir jedenfalls gut gerüstet, da meine Oberplanerin aus Franken einfach Alles, was man zum Überleben braucht, eingepackt hat 🙂
IMG_0468Am zweiten Tag fahren wir mit dem Bus zur Siegessäule, selten habe ich so einen zuvorkommenden und netten Busfahrer erlebt, die meisten anderen Fahrer und Zugführer sind hier ebenfalls recht nett. Dann geht’s weiter zu einer der Schiffsanlegestellen an der Spree. Es gibt einige rollsuhlgerechte Rundfahrtschiffe. Wir haben nicht mehr viel Zeit, bis unser Schiff ablegt. Dummerweise finde ich keinen geeigneten geteerten Abgang zur Anlegestelle, es sei denn, ich lege einen halben Kilometer Umweg zurück. Ich beschließe einfach, dass mein Rollstuhl geländegängig genug ist und fahre das relativ steile Stück Wiese hinunter. Der kurze Ausritt lohnt sich und mir wird auf dem Schiff richtig bewusst, wie groß das Bundeskanzleramt ist. Die immense Investition, die dahinter steckt, wirft nicht nur bei mir Fragen auf.

IMG_0490Da passt es doch perfekt, dass wir am gleichen Abend noch ins politische Kabarett gehen. Über einen Seiteneingang lässt uns ein Techniker des Theaters ins Innere des Gebäudes und mit dem Personalaufzug geht’s nach oben. Der Aufführungsraum ist im Stile eines alten Kinosaals gehalten, der recht eng ist, aber eine gute Atmosphäre bietet. Nachdem sich alle Besucher an mir vorbeigequetscht und mich einige von Ihnen mit einem strengen Blick bedacht haben, ist der Spaß für alle Beteiligten groß. Ich verdränge sogar eine weitere VfB-Niederlage sehr effektiv 🙂 Am nächsten Tag steht der alte Tempelhofer Flughafen auf dem Programm, ich bin vor allem an einer Führung durch das alte Gebäude interessiert. Es dauert schon relativ lange, bis wir am Tempelhofer Feld ankommen und bis wir rausfinden, wo der richtige Eingang ist und wir uns für eine Führung anmelden können, vergeht noch einmal sehr viel Zeit. Und dann kommt die Ernüchterung: Führungen, die auch für Rollstuhlfahrer angeboten werden, soll es erst nächstes Jahr geben. Immerhin erklärt sich einer der Führer bereit, uns zumindest einen kurzen Einblick in das Gebäude und seine Geschichte zu geben. Schon ein imposantes Bauwerk, das Adolf der „Größenwahnsinnige“ da hingestellt hat. Zumindest eignet es sich großartig dafür, mit dem E-Rollstuhl hindurchzurasen. Unser Kurzzeit-Führer ist ebenfalls schwer beeindruckt von meinem schnellen Gefährt.

IMG_0526Zu erwähnen sind natürlich noch meine drei Treffen mit Bekanntschaften aus Berlin. Ich treffe mich unter anderem mit einem Rollstuhlfahrer, den ich auf einem Berufseinstiegsseminar kennengelernt habe und mit einem E-Rollstuhlfahrer, den ich bisher nur aus Erzählungen kenne. Er ist auch auf Assistenz angewiesen und hat den Schritt gewagt, vom vergleichsweise beschaulichen Mainz nach Berlin zu ziehen. Das nötigt meinen größten Respekt ab! Dort arbeitet er für die Grünen-Fraktion und kümmert sich um die Bearbeitung behindertenpolitischer Themen. Wenige Tage später leitet er mir eine sehr interessante Stellenanzeige weiter, zum Glück ist es keine Stelle in Berlin sondern in Heidelberg. Zum Abschluss meines Berlintrips treffe ich mich mit einem alten Schulkamerad in Kreuzberg, da ich mir dieses Viertel unbedingt mal reinziehen möchte. Es ist ziemlich viel los, das Stadtleben pulsiert hier. Ich fahre an Kneipen, Bars und kleinen Restaurants vorbei, aber entweder sind sie zu eng, zu voll oder nicht barrierefrei. Zu meiner Erleichterung komme ich in eine der zahlreichen Imbissbuden hinein und kann einen leckeren Gemüse-Kebab essen.

IMG_0547Am nächsten Tag geht’s ohne Komplikationen wieder heimwärts. Die sonst übliche kleine Urlaubs-Katastrophe bleibt aus. Im Gegenteil: Es fällt mir sogar ein bisschen schwer, die coole Stadt zu verlassen und keine Doppelversorgung durch meine Mädels mehr zu bekommen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Berlin im E-Rollstuhl zu besichtigen, ist ein Genuss – wenn man ein Helferinnen-Dream-Team am Start hat.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Ohne funktionsfähige Aufzüge bringen alle barrierefreien Bahnen der Welt nichts!

Live-Sport macht einfach Spaß

Der Sommer ist doch noch gekommen und zwar richtig. Natürlich jammert jetzt alle Welt wieder herum, wie ich das liebe… aber es ist so heiß, dass sogar ich ins Schwitzen komme! An zwei, drei Tagen bekomme ich fast nichts gebacken, mein Gehirn will einfach nicht wie ich will. Heute ist meine Laune deshalb mal wieder auf dem Tiefpunkt. Immerhin gibt es heute Abend etwas Kontrastprogramm zum trägen Alltag, Basketballländerspiel zwischen Deutschland und Frankreich. Ist aber nur ein Testspiel und selbstverständlich ohne Nowitzki. Ich wollte zwar immer mal live zu einem Basketballspiel, so richtig heiß bin ich aber nicht darauf. Mit relativ geringen Erwartungen fahre ich los, die Anfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln läuft problemlos, wir sind frühzeitig dort.

IMG_3077Die SAP-Arena in Mannheim ist prädestiniert für Rollstuhlfahrer, man hat einen super Platz mit toller Übersicht, so auch dieses Mal. Die Stimmung ist erstaunlich gut, was auch am sehr engagierten Hallensprecher liegt. Bei der eingespielten Hymne, als die Spieler in die Halle kommen und vorgestellt werden, bekomme ich Gänsehaut, denn die gleiche Musik ertönt auch, wenn bei einem Heimspiel meines VFB die Mannschaft auf den Platz kommt (http://www.youtube.com/watch?v=waVl_q6HLBA&feature=youtu.be, v.a. ab 3:00). Das Spiel geht hin und her und ist  sehr abwechslungsreich. Bei jedem Korb für die Deutschen wird es mega laut in der Halle. Mein Helfer versteht kein Wort mehr. Irgendwann liegt Deutschland über 20 Punkte hinten, schafft es aber tatsächlich noch, das Spiel fast zu drehen. Die Halle steht Kopf!

IMG_3084Meine Erwartungen werden übertroffen und ich verstehe jetzt auch, wieso sich mein Helfer so frühzeitig für den Dienst an diesem Tag angemeldet hat. Als wir uns nach dem Spiel zur Abfahrt bereit machen, kommt der Ordner auf uns zu, der uns vor dem Spiel zu den richtigen Plätzen schickte. Er möchte genau wissen, wie es uns gefallen hat und freut sich, dass alles gut geklappt hat. Er erklärt uns, dass es ihm sehr wichtig sei, den Sportfans guten Service zu bieten. So eine Einstellung ist top und sehr gerne verspreche ich ihm, dass ich bald mal wieder komme! Gut gelaunt und entspannt fahren wir zurück.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Barrierefreie Sportveranstaltungen sorgen bei mir für die richtige Abwechslung!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Die SAP-Arena Mannheim bietet sehr gute Rahmenbedingungen für Rollstuhlfahrer.

Foreigner at its best

Vor zwei Wochen war Mosbach! Foreigner! Echt herausragend, die Altrocker um Mick Jones haben alles gegeben und eine tolle Show abgezogen! http://www.youtube.com/watch?v=qzZB7eeXA8k. Auch bei mir waren die Vorzeichen für ein tolles Konzert an einem lauen Sommerabend gegeben. Aber der Reihe nach: Es war nicht ganz unkompliziert, die Fahrt nach Mosbach zu organisieren. Ich bekomme wie schon einmal erwähnt, jeden Monat eine bestimmte Anzahl von Kulturfahrten bezahlt. Um die ganze Geschichte abzukürzen an dieser Stelle nur mal soviel: Ich habe mir so viele Kulturfahrten zusammengespart, dass ich mit dem Taxi zumindest vom Konzert zurückfahren konnte.

IMG_0421Die Hinfahrt wickle ich also mit den öffentlichen Verkehrsmittel ab. Etwas kompliziert, aber letztlich klappt alles sehr gut. Erstmals nutze ich die rollstuhlgerechte Toilette der Deutschen Bahn. Ich komme zwar gut hinein, aber bei dem Versuch, aus dem WC rauszufahren, bestätigen sich meine Befürchtungen. Ich verschätze mich um wenige Millimeter und bleibe am Türrahmen hängen, rückwärts zu fahren war eben noch nie meine große Stärke! Etwas  kleinlaut überlasse ich es meiner Helferin, mich hinauszufahren. Auch sie scheitert, wobei ich sie von jeder Schuld freispreche, weil es wirklich nicht ganz einfach ist. Also versuche ich, im WC zu drehen und siehe da es klappt! Hätte ich nur gleich auf meine Helferin gehört, manchmal haben die Assistenten halt doch recht 🙂

IMG_0394In Mosbach angekommen, müssen wir uns erst mal orientieren und schlagen dann den kürzesten Weg Richtung Elzpark ein. Irgendwann stoßen wir auf weitere Konzertgänger. Um zum Eingang zu gelangen, müssen wir erst mal um den Park herumfahren. Und bekommen schon einen guten Vorgeschmack, was uns erwartet: Es wir immer lauter und mir haut es fast die Ohren weg. Kurz vor dem Eingang bekommen wir noch etwas Vorprogramm geboten und werden Zeuge wie ein alter Mercedes-Fahrer rückwärts punktgenau das Schild einer Verkehrsinsel umrammt. Ein ziemlich verwirrter Mann steigt aus, um dann aber schnell weiterzufahren. Eine Frau empört sich wegen Fahrerflucht und notiert die Nummer. Na ja, wenn sie meint, ich habe jetzt jedenfalls Besseres zu tun! Auf dem Konzertgelände atme ich beruhigt durch: So laut wie es draußen erschien, ist es auf dem Gelände nicht. Die Verständigung mit meiner Helferin ist trotzdem sehr eingeschränkt. Ich muss die Songpausen abwarten, um etwas loszuwerden.

IMG_0422Ansonsten ist alles perfekt, die Rollstuhltribühne ist sehr großzügig mit einem super Überblick; nebenbei kann ich mich amüsieren, wie das fast ausschließlich 20 Jahre ältere Volk um mich herum abgeht 🙂 Neben mir ist eine Rollstuhlfahrerin kaum zu bremsen und bewegt sich wie wild im Takt. Meine Stimmung wird von Lied zu Lied besser, die Altrocker sind einfach klasse! Der spaßige Abend wird nur einmal von einer Wespe gestört, die – gerade als meine Helferin etwas zu trinken holt – nichts Besseres zu tun hat, als auf meiner Nasenmaske zu landen. Sie krabbelt langsam Richtung meines Gesichts und ich bekomme leichte Panik. Wie ein Irrer kreisle ich herum, um das Vieh loszuwerden. Zwei Ehepartner vor meiner Tribüne grinsen über das ganze Gesicht, weil sie denken, ich würde vor Spaß abdancen. Zum Glück kommt meine Helferin im nächsten Augenblick, ich habe die Attacke überlebt. Jetzt kann es mit Volldampf weitergehen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Rollstuhlfahrer können nichts falsch machen, wenn sie ein Konzert besuchen.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Lasse niemals hilflose Rollstuhlfahrer bei einem Konzert alleine.

Großes Spektakel in Fraktfurt

Erstmals besuche ich ein Sportevent live, bei dem Sportler mit Behinderung die Protagonisten sind: Die Europameisterschaft im Rollstuhlbasketball in Frankfurt. Ich habe eine Tageskarte und frage vor der Veranstaltung nach, ob ich mich zwischendurch irgendwo hinlegen kann, denn sonst komme ich nur in den Genuss eines einzigen Spieles. Obwohl mir die Antwort keine vollständige Verlässlichkeit garantiert, gehe ich das Wagnis ein. Bis zum Frankfuhrter Hauptbahnhof läuft noch alles glatt, dann beginnt die Suche nach der richtigen Straßenbahnlinie. Für stadtfremde Menschen ist die Lage hier alles andere als leicht zu überblicken und spätestens jetzt beginnt Frankfurt zur Lieblingsstadt meiner Helferin aufzusteigen. Nachdem wir die Haltestelle gefunden haben, ist das Problem noch nicht gelöst. Die Straßenbahnschienen laufen mitten auf der Straße und es ist nicht eindeutig, wo sich der Einstieg genau befindet. Während wir verzweifelt nach dem Fahrplan schauen, kommt auch schon die Bahn: Natürlich eine alte Version, das gleiche Spiel wie in Heidelberg.

IMG_0342Als endlich die richtige Bahn einfährt, sehe ich mich einer sehr steilen Einstiegsrampe gegenüber. Ich verstelle den Rollstuhl so, dass ich besser hinaufkomme, wobei mein Gefährt zu viel Schwung bekommt und an einer Stange hängenbleibt. Als es nicht sofort weitergeht, wird der Fahrer ungeduldig und wiederholt gefühlte zehnmal, dass ich noch ein paar Zentimeter nach vorne fahren soll. Um mir dies zu veranschaulichen, hat er nichts Besseres zu tun, als dreimal die Klapprampe auf meinen Rollstuhl zu schmeißen. Jetzt ist bei mir endgültig die Grenze überschritten und ich lasse einen Brüller fahren. Das kann ja wohl nicht angehen, die Fahrgäste derart zu drangsalieren. Dieser Meinung ist auch meine Helferin, die mega wütend ist; irgendwie verständlich, aber ich bleibe relativ ruhig, da ich solche Situationen schon sehr oft erlebt habe! Mein Rezept für solche Fälle: Einmal kräftig Dampf ablassen und dann sofort abhaken.

IMG_0340Als wir endlich in der Eissporthalle ankommen, wird mir augenblicklich bewusst, dass ich die ganze Situation unterschätzt habe. So viele Rollstuhlfahrer auf einem Haufen habe ich noch nie gesehen, die Halle ist brechend voll und ich kann leider immer nur eine Hälfte des Spielfelds sehen. Aber die Stimmung ist prächtig, der Lärm ohrenbetäubend. Meine Helferin ist trotzdem nicht einverstanden, dass ich nur einen Platz zweiter Klasse habe und sie lässt nicht locker, bis wir einen netten und unglaublich engagierten Ordner finden. Es dauert einige Zeit, aber irgendwann schleust er uns zu einem Aufzug und wir fahren ein Stockwerk tiefer. Er will mich tatsächlich auf Ebene des Spielfelds bringen. Da das Fernsehen am Start ist, muss ein Orga-Mann erst einmal auf die Freigabe warten. Ich bin skeptisch und bereue insgeheim, dass ich nicht einfach auf dem schlechten Platz geblieben bin. Aber plötzlich gibt uns ein freundlicher Mann vom Fersehen das Signal, ihm zu folgen. Wenig später finde ich mich hinter der niederländischen Bank wieder und sehe eine atemberaubend spannende zweite Hälfte. Dank dem engagierten Organisationsteam und meiner hartnäckigen Helferin bin ich hautnah dabei.

IMG_0344IMG_0350Danach muss ich mich endlich einmal hinlegen und deshalb werden wir nochmal beim Orga-Team vorstellig. Ein netter Mann bringt uns zum medizinischen Dienst. Der Sanitäter dort ist sehr hilfsbereit und stellt uns eine tragbare und nicht unbequeme Liege zur Verfügung. Diese stellen wir irgendwo in den Katakomben auf, wo ich relativ ungestört kurz durchschnaufen kann. Nur der Sanitäter kommt ab und zu mal vorbei und frägt, ob alles in Ordnung ist. Als meine Helferin gerade überlegt, wo sie sich etwas zu essen kaufen kann, möchte er wissen, ob er uns noch was Gutes tun kann? Kurze Zeit später steht er mit einem Lunchpaket da. Als ich wieder senkrecht im Rollstuhl sitze, ziehe ich mir noch die deutschen Männer – ebenfalls gegen die Niederlande – rein. Es geht zwar lange nicht so spannend wie bei den Frauen zu, aber immerhin machen sie die Qualifikation für die WM im nächsten Jahr klar.

IMG_0352Auf dem Rückweg zum Hauptbahnhof macht meine Helferin dann nochmal mit einer Frau aus ihrer neuen Lieblingsstadt Bekanntschaft. Auf die Frage, ob die Straßenbahnhaltestelle am Hauptbahnhof rollstuhlgerecht sei, antwortet sie: „Jaja, kein Problem, im Hauptbahnhof gibt es Aufzüge!“ Alles klar, wir haben verstanden 🙂

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es lohnt sich, hartnäckig nach dem besten Platz zu suchen.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Reden ist Silber, unkonventionelles Handeln ist Gold!

Mit dem E-Rolli ganz entspannt in Freiburg Urlaub machen

Seit letztes Jahr im Oktober studiert meine Schwester in Freiburg Medizin. Ich bedaure es ein wenig, dass sie nicht in Heidelberg studiert und ich mich öfter mit ihr treffen kann. Jetzt muss ich mich halt weiterhin alleine gegen die Badener-Übermacht durchsetzen. Aber in den letzten über zehn Jahren habe ich mich ja ganz gut geschlagen und meine Eltern haben den Vorteil, dass sie jetzt in Süd- und Nordbaden einen Vorposten installiert haben 😉 Naja, außerdem ist Freiburg echt eine schöne Stadt, weshalb ich natürlich gleich beschließe, meine Schwester ein paar Tage dort zu besuchen. Für eine passende Unterkunft muss ich nicht lange suchen, da sich in Freiburg der Bundesvorsitz der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) befindet. Der Verband betreibt dort zwei Probewohnungen, in denen Kumpels von mir schon übernachtet haben. Ist zwar recht weit außerhalb, aber von der Stadt aus gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, wie ich mir sagen lasse. Die Ortsansässigen müssen es ja wohl wissen, denke ich mir bei der Reservierung. Normalerweise ist es eine wichtige Prämisse von mir, dass sich meine Ferienwohnung zentrumsnah befindet. Dann habe ich jederzeit die Möglichkeit, kurz zur Unterkunft zurückzufahren Deutschlandfahren und mich dort auszuruhen. Außerdem ist man weniger abhängig von den öffentlichen Verkehrsmitteln.

bahn frAls wir am ersten Abend zur Bushaltestelle kommen, scheint sich im ersten Augenblick meine böse Vorahnung zu bestätigen. Denn dort wo der Bus hält, ist weit und breit kein abgesenkter Bordstein, ich müsste erst mal einen halben Kilometer fahren. Bevor ich mich richtig aufregen kann, kommt der Bus angefahren und ich düse so schnell wie möglich Richtung abgesenkter Bordstein. Mit etwas gutem Zureden schafft es mein Kumpel, dass der Busfahrer auf mich wartet. Dann beginnt die Hoppeltour in die Freiburger Innenstadt. Mich schüttelt es ganz schön durch, aber egal, Hauptsache im Bus! Später müssen wir in die Straßenbahn umsteigen, was sehr gut klappt. Mir fällt auf, dass die Straßenbahnen zwar im Allgemeinen etwas älter aussehen als in Heidelberg, aber besser zugänglich sind. An den meisten Haltestellen gibt es im Gegensatz zu Heidelberg einen Hochbahnsteig. Ich will jetzt zwar nicht Alles schlechtreden, aber ein Hauptbahnhof in einer Studentenstadt wie Heidelberg ohne Hochbahnsteig geht einfach gar nicht! Da sind die Freiburger eindeutig einen Schritt voraus. Am meisten erstaunt mich, dass selbst die altertümlichen Straßenbahnen dank ihrer Bauweise rollstuhlgerecht sind. In Heidelberg würde ich die alten Bahnen am liebsten auf den Mond schießen 🙂

IMG_0245Aber selbst in Freiburg ist nicht alles perfekt: Ausgerechnet an der Haltestelle am Münsterplatz gibt es keinen Hochbahnsteig; mit der fadenscheinigen Begründung, dass ältere Menschen über die Erhöhungen stolpern könnten. Wenn das zuträfe, müssten die Freiburger erstmal ihre tausend Bächlein in der Altstadt stilllegen. Aber darüber sehe ich eher locker hinweg. Weniger witzig ist schon, dass ich auf dem Weg zur Talstation der Schauinsland-Bergbahn zwei Busse passieren lassen muss, weil – wie sich später herausstellt – einige neuangestellte Fahrer keine Ahnung haben, wie sie die Klapprampe bedienen müssen. Einige wissen scheinbar nicht mal, dass eine solche existiert. Aber das sehe ich den Freiburger Bahn- und Busfahrern nach, da sie normalerweise sehr freundlich sind und eine wahr Gemütsruhe ausstrahlen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Freiburg und Rollstuhlfahrer passen gut zusammen!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Höfliche und kompetente Bus- und Bahnfahrer sind einfach angenehm.

Behindertenrechtskonvention ganz demokratisch!

Die meisten von Euch haben sicher schon von der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) gehört, die 2009 verabschiedet wurde und die von zahlreichen Ländern unterzeichnet worden ist. Sie enthält grundlegende Bestimmungen, um für Menschen mit Behinderung eine inklusive Alltagsumgebung herzustellen. Das heißt, die staatlichen Institutionen und die Gesellschaft eines Landes schaffen Bedingungen, die sich auf ihre behinderten Mitmenschen einstellen und ihnen ein gleichberechtigtes Leben ermöglichen. Dafür formuliert zur Zeit jede Stadt, jede Kommune, jedes Bundesland und schließlich die Bundesregierung einen Aktionsplan und will diesen umsetzen. Das hört sich jetzt alles ziemlich theoretisch an, ist es aber nicht, wie ich bei der Regionalkonferenz in Mannheim erlebe. Bei der Veranstaltung haben Betroffene, Angehörige, Vertreter von Selbsthilfevereinen, Behindertenwerkstätten und Schulen die Möglichkeit, sich zu den bisher ausgearbeiteten Leitlinien des Landesbehindertenbeirats zu äußeren.

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Das ist für mich echte Demokratie, jeder hat die Chance, mitzureden und seine Erfahrungen einzubringen! Wenn man sich die große Vielfalt unterschiedlicher Behinderungen und Bedürfnisse vor Augen führt, was mir hier in Mannheim so richtig bewusst wird, ist das besonders wichtig. Und Politiker brauchen diese Außensicht ihrer mitten im Alltagsleben stehenden behinderten Mitmenschen, um gute Gesetze zu verabschieden, die möglichst vielen von ihnen gerecht werden. Mir gefällt das wirklich, mitgestalten statt mitjammern mit allen anderen Politikverdrossenen! Zur Konferenz hatte der Landesbehindertenbeauftragte aufgerufen, der die Interessen der Menschen mit Behinderung im jeweiligen Bundesland vertritt. Ich bin im Vorfeld etwas skeptisch, denn solche Bürgervertreter versprechen in schönen Reden oft sehr viel und können kaum etwas davon umsetzen. Letztes Jahr habe ich eher negative Erfahrungen mit dem Behindertenbeauftragten gemacht, als ich bei einem sehr wichtigen Anliegen mit drei Sätzen abgespeist wurde. Natürlich vertritt er eine ganze Menge Menschen und kann sich nicht um alles kümmern, was mich etwas milder stimmt. In seiner Eröffnungsrede gefällt er mir sehr gut: kompakt, prägnant und mit Nachdruck!

Der engagierte dicke Mann

In drei Arbeitsgruppen unterteilt – „Erziehung und Bildung“, „Wohnen und Wohnumfeld, Kultur, Freizeit, Vereine, Tourismus“ und „Gesundheit und Arbeit“ finden sich die Teilnehmer zusammen und diskutieren. Ich bin letzterer Gruppe zugeteilt. Die Diskussion läuft gut und ich habe das Gefühl, dass einige sehr engagierte Anwesende richtig gut vorbereitet sind. Vor allem einige Eltern von Menschen mit geistiger Behinderung, setzen sich nachdrücklich für ihre Kinder ein. Ich merke schnell, dass einige Aspekte durchaus emotional aufgeladen sind. Die meisten Anwesenden legen großen Wert darauf, endgültig mit allen Facetten der Diskriminierung aufzuräumen! Engagement ist sehr notwendig, aber alles hat seine Grenzen, finde ich. Manche nehmen sich schon verdammt wichtig und nehmen sehr viel Diskussionsraum ein. Ein dicker Mann, der sich als Angstpatient vorstellt und an einer Esssucht leidet, schießt den Vogel ab. Ständig gibt er einen Zwischenkommentar ab und ergreift bei jeder passenden Gelegenheit das Wort, um seinen Unmut zu äußern. Er wirft mit Ausdrücken wie „Das kann es echt nicht sein“ und „Das ist unter aller Kanone!“ um sich. Ist ja gut, denke ich irgendwann, finde es aber auch schon wieder amüsant 🙂

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Inklusion in der Praxis will gelernt sein!

Dass auch manche Teilnehmer auf einem Seminar, bei dem Inklusion im Mittelpunkt steht, im Umgang mit E-Rollstuhlfahrern noch dazulernen müssen, merke ich in der Mittagspause. Ich sitze mit meinem Helfer an einem Tisch, gegenüber zwei Herren. Der eine spricht meinen Helfer an und fragt, wieso ich ständig beatmet werden muss und möchte wissen, ob es heute sehr anstrengend für mich ist. Ich bin etwas verwundert und frage mich, wieso er mich nicht selber anspricht. Ein Anfängerfehler und das bei dieser Veranstaltung… Ich sage gerade heraus, dass er schon viel zur Inklusion beitragen würde, wenn er mich einfach selber anspricht. Die anderen Männer grinsen und immerhin befreit sich der Angesprochene umgehend aus seiner Zwangslage. Es entwickelt sich ein angenehmes Gespräch und die drei Herren interessieren sich sehr für meine Tätigkeit. So bekomme ich drei Zeitschriften, in denen ich publiziert habe, an den Mann. Hoffentlich habe ich bleibenden Eindruck hinterlassen.

Emotionen pur

Dann geht es auch schon weiter, jetzt geht es um das Thema Arbeit und die Diskussion gewinnt an Fahrt. Es ist ein hoch emotionales Thema und die meisten finden es absolut nicht in Ordnung, von einem zweiten, nachrangigem Arbeitsmarkt zu sprechen. Dies vermittelt ihnen den Eindruck, Menschen mit Behinderung würden minderwertigere und unprofitable Arbeit abliefern.Die Erfahrungen bezüglich der Unterstützung der Arbeitsagentur sind durchweg negativ und alle Anwesenden wünschen sich als Alternative unabhängige Beratungsstellen. Naja, es gibt eine Ausnahme, ein Reha-Berater, der die Welt nicht mehr versteht. Er finde die Beschwerden haltlos und steht dem Wahrheitsgehalt der Äußerungen in Frage. Die Reha-Berater würden eine super Arbeit machen und könnten auch nichts dafür, wenn die Unternehmen keine Menschen mit Behinderung einstellen würden.

IMG_0191Nachdem ich mich bis zu diesem Zeitpunkt noch einigermaßen im Griff habe, platzt es jetzt aus mir heraus. Ich berichte, dass man der Wahrheit ja wohl ins Auge sehen müsse und ich noch nie ein vernünftiges Job-Angebot vom Jobcebter vermittelt bekommen habe. Das tut gut, ich musste meinem Ärger einfach Luft machen. Danach beruhigt sich die Diskussion etwas, bis die Moderatorin uns mitteilt, dass wir die letzten beiden Punkte auf der Agenda nicht mehr schaffen. Sie provoziert damit den letzten Auftritt unseres Angstpatienten. Er beschwert sich, dass dies ja wohl überhaupt nicht gehe! Zum Glück kann er sich wieder beruhigen, da er eine E-Mail Adresse mitgeteilt bekommt, an die er alle seine offenen Fragen richten kann. Gut, dass ich nicht der Empfänger bin.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Engagement ist gut, übertriebene Polemik weniger!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Die Teilnahme an einer Diskussion mit behinderten Menschen gewährleistet nicht automatisch inklusives Verhalten.

Zu schön zum Arbeiten

Es ist mal wieder zum Verrückt werden, ich komme heute einfach nicht zum Arbeiten. Entnervt lasse ich mich ins Bett und von dort aus auf meinen WC-Stuhl setzen. Es geht ins Bad, den Ort meiner Träume 🙂 Ich kann mir wirklich nichts Schöneres vorstellen, als den halben Vor- und Nachmittag ganz einsam und verschlossen in einem schön gefliesten Raum zu verbringen. Die Geschichte hört sich zwar komisch an, aber es ist wirklich sch…,  Verdauungsprobleme zu haben und gleichzeitig arbeiten zu müssen.

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Gut, ich habe genug Zeit, mir in der Zwischenzeit Texte zu überlegen, aber es ist eben auch blöd, sämtliche Bürotätigkeiten in einem dafür nicht vorgesehenen Raum zu verlagern. Wer wollte nicht schon immer mit seinem Chef telefonieren, wenn er zum Beispiel gerade auf dem Klo sitzt? Na ja, Stress machen bringt eh nix und deshalb versuche ich mich nicht aufzuregen. Es kommen sicherlich wieder bessere Tage. Auch wenn der Zeitverlust für mich nur schwer zu ertragen ist.

P.S.: Damit wir uns nicht falsch verstehen, es geht nicht nur um Klogeschichten, denn es gibt noch andere Umstände, die mich sehr viel Zeit kosten: Ich sollte mich zur Entlastung jeden Tag zwei Mal hinlegen; wenn ich mich verschlucke, hat das langwierige Abhustprozeduren zur Folge; zum Essen brauche ich verhältnismäßig viel Zeit.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es ist nicht unbedingt erstrebenswert, mehrere Arbeitsplätze zu haben.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Schätze es, in Ruhe und ohne Unterbrechung arbeiten zu können.