3) Wo bleibt der Blick aufs Positive?

Die Lockerungen sind bei vielen Menschen bereits voll im Alltagsleben integriert. Für alle Bundesländer gemeinsam gilt unter anderem: Alle Geschäfte dürfen seit letzter Woche wieder öffnen, Angehörige aus zwei Haushalten dürfen sich ab sofort wieder treffen und die Fußball-Bundesliga läuft wieder. Weitere Entscheidungen zur Umsetzung von Lockerungen dürfen die Bundesländer für sich allein treffen, zum Beispiel wann Kitas, Hotels und kulturelle Einrichtungen weder öffnen sollen. Um eine zweite heftige Infektionswelle möglichst zu verhindern, gilt ein Notfallmechanismus, nach dem im Ernstfall von mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche die strengen Kontaktbeschränkungen wieder eingeführt werden müssen. Wie das unsere Gesellschaft aufnehmen würde, steht auf einem ganz anderen Blatt. Der Weg in die Zukunft und zurück in die Normalität wird also ziemlich spannend, zumal es nun auf jeden Landkreis ankommt.

Zunächd möchte ich noch mal kurz innehalten und den Blick zurückwerfen, denn mir stellt sich eine wichtige Frage: Was bleibt vom Lockdown hängen? Wenn ich so manche Menschen reden höhere, könnte man meinen nur Negatives… Ich persönlich kann einige positive Aspekte erkennen! Haben wir womöglich etwas aus den letzten Wochen gelernt? Haben wir durch unsere ganz persönlichen Erfahrungen aus der letzten Zeit eine andere Perspektive oder Sichtweise bekommen?

Keine Frage: Die Corona-Krise war und ist für manche Menschen nicht nur hart, sondern verheerend! Einige kleinere Unternehmen und mühevoll aufgebaute Existenzen werden trotz staatlicher Hilfe Pleite gehen, was viele Arbeitsplätze kosten wird. Auch wenn es die Wirtschaft jetzt verdammt schwer haben wird und viele Mitmenschen vor einer ungewissen Zukunft stehen; Immerhin haben wir einen potenten Staat, der Selbstständige mit Soforthilfe unterstützt, einige Unternehmen retten oder Arbeitslosengeld sofort unbürokratisch bezahlen kann. Außerdem bietet die Krise uns allen die Möglichkeit, innovative Ideen zu kreieren, um diese spezielle Zeit kreativ zu umschiffen. Der renommierte Heizungsbauer Viessmann macht es vor und stellt einen Teil seiner Produktion auf dringend benötigte Beatmungsgeräte um. Dafür setzt der Mittelständler auf einen ambitionierten Plan: Die innerhalb von gerade mal drei Wochen entwickelten Beatmungsgeräte nutzen ausschließlich Teile, die Viessmann in seinen sonstigen Heizungsgeräten und Wärmepumpen einsetzt. Die Geräte hat das Unternehmen gemeinsam mit Krankenhausärzten und der Medizinischen Fakultät der RWTH Aachen im Schnellverfahren konzipiert. Hierbei handelt es sich freilich nicht um HighTech-Geräte, die auf einer Intensivstation und bei einer Intubation einsetzbar sind. Dafür eignen sie sich hervorragend für provisorische Hospitäler oder Feldlazarette bestens. Vor allem auch der Einsatz in Entwicklungsländern ist für Viessmann eine Option.

Gesundheit und Menschenleben haben Priorität

In einer sachlich geführten Diskussion bieten solche Beispiele Lockdown-Befürwortern die Chance, den Lockdown-Gegnern, denen der Ausstieg aus dem Lockdown viel zu lange dauert, nicht nur argumentativ zu begegnen, sondern auch ihre Sorgen vor der wirtschaftlichen Superkrise etwas zu nehmen. Aus meiner Sicht ist es zumindest schwer vorstellbar, dass unser Staat diesbezüglich seine Bürger komplett im Regen stehen lässt, auch wenn der Weg zurück für den einen oder anderen nicht einfach sein wird und die Mühlen der staatlichen Bürokratie oft viel zu langsam mahlen. Allerdings finde ich, dass es zuvorderst doch um die Gesundheit geht und darum, Menschen vor dem Tod zu bewahren. Nicht zuletzt hat unser Staat das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 Satz 1 GG) zu erfüllen – immer im angemessenen Verhältnis, wie ich bereits mehrfach in meinem Corona-Blog erwähnt habe. Deshalb frage ich mich: Wieso sind wir nicht einfach erstmal dankbar, dass sich die Zahlen der Neuinfektionen so gut entwickelt haben?? In anderen europäischen Ländern waren die Maßnahmen zum Teil noch viel krasser, wenn ich nur an die Ausgangssperre in Spanien denke, wo die Menschen nicht mal das Haus verlassen durften.

Aber auch wenn mancher Coronamaßnahmen-Skeptiker nervt, muss das Ziel sein, zuerst unvoreingenommen und nüchtern nach dem Warum eines anderen Standpunktes zu fragen. Denn nachdem zunächst sehr viele Menschen hierzulande an einem Strang zu ziehen schienen und viele liebe gesunde Menschen ihren Mitmenschen aus der Risikogruppe Hilfe beim Einkaufen und sonstigen Erledigungen anboten, stehen sich die Befürworter und Gegner der politischen Corona-Maßnahmen inzwischen immer öfter unversöhnlich gegenüber. Hier sind wir alle -Befürworter wie Gegner- aufgefordert, bewusst gegenzusteuern und nicht einfach stupide auf unsere Meinung zu beharren, auch wenn wir vielleicht Recht haben. Bleiben wir doch lieber bei solidarischem Handeln und aufeinander Zugehen! Bei Hygiene- und Abstandsregeln darf es jedoch keine großen Ausnahmen geben, denn auf gewisse Normen und Regeln, die für alle gelten, muss sich eine Gesellschaft einlassen! Sonst öffnet sich für Egoismen der Menschen Tür und Tor. Aber auch hier gilt Maß halten und unseren Kindern nicht um jeden Preis eine Maske aufzuzwingen und sich aufzuregen, wenn diese mal jemand nicht ordnungsgemäß angezogen hat.

Viel Jammern hilft nicht viel

Als Teil der ambulanten Pflege, hätten ich und manch anderer Mensch mit Dauerbeatmung Grund genug, sich hinzustellen und zu jammern. Diese Variante habe ich nach einem ersten kurzen Schrecken für mich definitiv ausgeschlossen. Auch wenn es natürlich ärgerlich ist, dass ich bis heute keine Masken von meinem Versorger für Pflegehilfsmittel bekommen habe. Ein Beinbruch war und ist es deshalb noch lange nicht: Die Devise lautete deshalb ganz einfach selbst zu nähen und den gesunden Menschenverstand einzuschalten – etwa in Bezug auf Sinn und Zweck von schützender Ausrüstung und schützenden Maßnahmen. Ich kann und will es beispielsweise meinen Assistenten nicht zumuten, dass sie die ganze Zeit einen Mundschutz tragen. Zumal dieser in einer 24 Sunden Rundum-Versorgung nur bedingteen Nutzen hat. Mein eingebauter Virenfilter im Beatmungsgerät und regelmäßiges Lüften sind da doch um einiges effektiver. Deshalb habe ich mit meinen Leuten ausgemacht, dass sie nur bei der Körperwäsche und in den Momenten ohne Beatmungsgerät eine Maske aufsetzen sollen.

Aber um eines klarzustellen: Auch wenn ich die Dinge am liebsten positiv sehe und ich mich auf pragmatische Lösungen konzentriere, fällt es mir ebenso schwer, diszipliniert durchzuhalten und mich nicht so häufig und intensiv wie sonst mit Freunden zu treffen oder nur eingeschränkt. Oder jeden Tag wieder neu zu hoffen, dass ich nicht angesteckt werde und die Viren-Lage stabil bleibt!

Das Positive in der Krise

Bei allem Übel gilt es sich bewusst zu machen, dass jede Krise einen Wendepunkt bedeutet und einen Aufbruch zu neuen Erkenntnissen und Wegen möglich machen kann – also im Endeffekt etwas verbessert. Meines Erachtens hat uns oder zumindest mir die Krise mehrfach die Augen geöffnet!

  • Die Kontaktsperre hat mich motiviert, regelmäßig mit einem oder maximal 2 BegleiterInnen raus in die Natur zu fahren – vielmehr Sicherheit geht quasi nicht. Ich habe mal wieder bemerkt, dass es in der Rhein-Neckar- Odenwald-Region wunderschöne Natur gibt und man gar nicht weit weg fahren muss. Mir hat am Wochenende nicht mal der Fußball gefehlt, es war sogar mitunter erholsam 🙂 und wenn ich das als alter Fußballfan sage, dann muss da was dran sein. Ich könnte wetten, dass es einigen Menschen ähnlich ging und in ganz Deutschland wunderschöne Natur wiederentdeckt wurde; und neue Motivation entstand, wieder mehr für Umwelt und Klima einzusetzen, zum Beispiel weniger Reisen mit Flugzeugen! Denn so schön blau war der Himmel über Deutschland schon lange nicht mehr.
  • Das Gefühl, dass sich die Räder im Lande etwas langsamer drehen und der Alltagsstress etwas gedämpfter ist, hat gut getan. Diese „aufgezwungene Entschleunigung“, d.h. viel mehr Zeit für andere Dinge außer Arbeit und Freizeittermine zu haben, hat bei vielen Mitbürgern dazu geführt, mehr über sich selbst nachzudenken, längst verstaubt geglaubte alte Kontakte wieder aufzufrischen, zum großen Heimwerker zu mutieren und Dinge zu tun, für die sie schon lange keine Zeit mehr hatte.
  • Scheinbare Selbstverständlichkeiten wie die jährliche Geburtstagsfeier und der Besuch kultureller Veranstaltungen werden wir nach dieser Krise wieder viel mehr schätzen. Ich freue mich jetzt schon auf ungezwungene Grillabende in größerer Runde, Konzertbesuche, gemeinsame Gottesdienste in der Kirchengemeinde und Reisen ins Ausland.
  • Die Corona-Pandemie hat den Blick auf die systemrelevanten Berufsgruppen in unserem Land geschärft, weil ohne diese das Gemeinwesen nicht mehr funktionieren zum Erliegen gekommen wäre. Ich hoffe sehr, dass daraus ein nachhaltiges Bewusstsein in der Gesellschaft entsteht, wie viele engagierte Bürger in den genannten systemrelevanten Berufsgruppen arbeiten: Feuerwehrleute, ErzieherInnen, PolizistInnen sowie KassiererInnen. Da ich persönlich auf gute Pflege und persönliche Assistenz angewiesen bin und ich diese Arbeit sehr schätze, ist es mir ein besonderes Anliegen, dass Pflege- und Assistenzkräfte endlich die notwendige Honorierung bekommen. Und zwar nicht nur in Form von klatschenden Händen, sondern auch finanziell! Von Politikern hört man ja oft nur Lippenbekenntnisse, aber immerhin wurde schon vor Corona eine schrittweise Erhöhung des Mindestlohns für alle Pflegekräfte bis April 2022 beschlossen. Damit stehen die Chancen nicht schlecht, dass das Lohnniveau in Zukunft insgesamt steigt. Also, ein Anfang ist gemacht und darauf lässt sich aufbauen.

Für mich ganz persönlich hat sich gezeigt, dass mir meine selbstbestimmte Lebensform gegenüber einer stationären Unterbringung im Heim die Möglichkeit gibt, individuell passende Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Das Risiko, im Heim angesteckt zu werden, ist nicht unbedingt größer. Aber die Folgen einer einzigen Ansteckung wären fataler – wenn es dort ausbricht, hat es gefühlt jeder. Meine Selbstbestimmung wäre -wie ich schon angedeutet habe- bis auf weiteres völlig ausgesetzt. Auch die tatkräftige Unterstützung von außen (Freunde, Familie, Bekannte …), die ich für meine Lebensform brauche, wäre nicht mehr möglich.

Bei allen positiven Aspekten – meine Zeilen sollen keine Schönfärberei sein. Es ist klar, dass sich die Politik etwas überlegen muss: Ein zweiter Lockdown ist in vielerlei Hinsicht eigentlich nicht machbar und das neuartige Corona-Virus wird es wahrscheinlich auch noch im neuen Jahr geben. Aber nicht nur die Politik, sondern auch wir selbst sind gefordert: Denn wenn jeder im Krankheitsfall oder bei Symptomen einer Viruserkrankung zu Hause bleibt sowie die bereits „eingebrannten“ Hygiene- und Verhaltensregeln einhält, haben wir sehr gute Chancen, hier in Deutschland glimpflich davon zukommen. Jeder sollte für sich selbst Verantwortung übernehmen und ein möglichst solidarisches Verhalten an den Tag legen!

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Jede Krise bietet einen Neuanfang!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Jammern und schimpfen ist viel zu einfach und führt keinen Millimeter voran! Konstruktive Kritik und das richtige Mittelmaß sind das Gebot der Stunde.

Noch mehr Natur während dem Lockdown:

Meine Heimat Ostelsheim

Rheinauen bei Stockstadt am Rhein

Das Schattendasein der ambulanten Pflege

Ausführlich geht und ging die Presse auf die Situation in den „Corona-Hotspots“ Krankenhaus und Pflegeheim ein, was gut und wichtig ist und war. Leider hat sie einen gerade auch für mich absolut existenziellen Bereich vergessen die ambulante Pflege.Ich organisiere mein Assistenzteam selbst, angestellt sind die AssistentInnen bei einem ambulanten Pflegedienst. Eine höhere Verantwortung, den „Kunden“ nicht anzustecken, verschärfte Hygienemaßnahmen und Arbeiten in 24-36-Stundenblöcken führen zu einer nicht unerheblichen Mehrbelastung. Hinzu kommt die Problematik, dass ich als Teil außerklinischer Beatmung zur Zeit nur sehr zeitverzögert an Schutzausrüstung wie professionellen Mundschutz, Handschuhe und Hände-Desinfektionsmittel komme. Zum Glück bin ich als ordentlicher Schwabe gut strukturiert und habe noch etwas Vorrat 🙂

Meine derzeit immer noch größte Sorge ist aber: Was mache ich, wenn eine/r meiner AssistentInnen das Virus bekommt und gleichzeitig ein Großteil meines Assistenzteams ausfällt. Falls die ambulante Versorgung von Personen mit hohem Unterstützungsbedarf zu Hause nicht mehr gewährleistet werden könnte, müssten diese Menschen entweder zu ihrer Familie oder in ein Krankenhaus eingewiesen werden. Das Horrorszenario Krankenhaus brauche ich nicht schon wieder, auch wenn das Pflegeteam bei meinem letzten Aufenthalt echt super war. Aber es gibt halt die üblichen organisatorischen und bürokratischen Probleme: Erstens wird Assistenz im Krankenhaus grundsätzlich nicht bezahlt, weil ja das Krankenhaus die Pflege sicherstellen muss (in der Praxis ist das bei mir aber nur in Ansätzen möglich, da die Unterstützung und Handreichungen, die ich brauche, sehr individuell auf mich abgestimmt sind). Im Falle des oben beschriebenen Szenarios hätte ich zeitweise sowieso nicht genügend Assistenten zur Verfügung, weil sie sich in Quarantäne befänden.

Der worst case wäre natürlich, wenn ich selbst erkranken und in Quarantäne kommen würde. Wer weiß schon, wen das Personal dann überhaupt noch zu mir vorlassen würde. Der eine oder andere Fall in den Medien, wonach Angehörige ein im Sterben liegendes Familienmitglied nicht sehen/besuchen dürfen, ist für mich ein absolutes Nogo. Dann müssen alle Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, zum Beispiel Besuch mit 100 % sicherer Schutzausrüstung.

Covid 19 verboten bei der persönlichen Assistenz

Also noch mal auf den Punkt gebracht: Für den Fall, dass ich ohne Assistenz und ein Familienmitglied in die Klinik müsste, hätte ich große Bedenken, dass sich die Ärzte und Pfleger angesichts der Corona-Krise für mich genügend Zeit nehmen könnten. Einige Betroffene haben noch schwerwiegendere Befürchtungen , nämlich dass sie bei einer möglichen „Triage“ aufgrund ihrer Behinderung keine lebensrettende Behandlung bekommen. Der Begriff “Triage“ kommt aus dem Französischen und bedeutet “Auswahl“ oder “Sichtung“. Im medizinischen Kontext beschreibt er die Einteilung von Patienten nach der Schwere ihrer Verletzungen. Mithilfe des sogenannten „Triage-Systems“ sollen Ärzte und Pfleger leichter entscheiden können, wer zuerst behandelt wird. Dabei spielen die Erfolgsaussichten einer Behandlung eine entscheidende Rolle. Um diese bei der derzeitigen Pandemie und den jeweils bestehenden Ressourcen zu prüfen, haben die wichtigsten ärztlichen Fachgesellschaften Handlungsempfehlungen in einem Leitfaden verabschiedet. Hauptkriterien sind folgende:

  • den Schweregrad der Erkrankung
  • den allgemeinen Gesundheitszustand
  • mögliche Begleiterkrankungen, die die Diagnose verschlechtern können (z.B. eine fortgeschrittene Krebserkrankung oder Immunschwäche)

Wichtig dabei ist das Mehraugenprinzip: Am besten sollten mindestens zwei Ärzte der Intensivmedizin und ein erfahrenes Mitglied aus dem Pflegeteam gemeinsam entscheiden. Das klingt in der Theorie gut, Behindertenverbände wie die International Disability Alliance (IDA) oder der Behindertenaktivist Raul Krauthausen befürchten allerdings, dass Menschen mit schweren Behinderungen im Ernstfall benachteiligt werden. Was auf jeden Fall nicht passieren darf: Grundsätzlich und pauschal alle Menschen eines gewissen Alters und mit Behinderung –unabhängig von der patientenindividuellen Erfolgsaussicht von Behandlungen –negativ zu bewerten. Das Institut für Menschenrechte mahnte die deutsche Regierung, dass sie genau auf die Anwendung der Leitlinien achten muss!

Um auch noch etwas Positives zu sagen: Ich habe ehrlich gesagt ein positives Gefühl, denn zu einem derartigen Problem wird es gar nicht kommen; wir haben genügend gute und emphatische Ärzte – vor allem von der jungen Nachwuchsgeneration habe ich bislang diesen Eindruck! Allerdings finde ich es äußerst schade, dass bei der Erstellung des Leitfadens nicht die Meinung von Menschen mit Behinderung nicht mit einbezogen wurde. Das ist nicht inklusiv und man verzichtet auf wichtige Erfahrungen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Ambulante Pflege und außerklinische Beatmung brauchen unbedingt Unterstützung in der Corona-Krise, denn sie leisten einen großen Beitrag! Danke an alle, die das erkennen und sich dafür engagieren.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Jetzt heißt es Positiv Denken, seit jeher eines der wichtigsten Rezepte, um aus einer Krise gestärkt hervorzugehen!

2) Eindimensionale Berichterstattung in der Corona-Krise

Was ich zeitweise ebenfalls etwas schade und auch langweilig fand, war die recht eindimensionale Berichterstattung über die Corona -Krise. Eine lange Zeit ging es immer nur um Corona selbst. Immerhin haben meine FachkollegInnen im Verlauf der Pandemie einen genaueren Blick auf die von strengen Maßnahmen besonders in Mitleidenschaft gezogenen Bürgern geworfen! Die Besitzer von kleinen Geschäften, Restaurants, Selbständige oder auch zum Beispiel Regionen, die stark vom Tourismus leben. Zahllose, nicht mehr enden wollende  Reportagen über unsere Mitmenschen, die sehr stark von der Krise betroffen sind, waren die Folge. Auch wenn das wirklich tragisch ist und mich selbst auch immer wieder sehr erschüttert – irgendwann ist das Maß einfach voll und man kann die ewige Negativspirale nicht mehr sehen und hören. Zumal es irgendwann auf die Psyche schlägt …

Kaum ein Wort verlor die Politik und die öffentlich-rechtliche Berichterstattung über die doch recht weitgehenden Grundrechtsbeschränkungen, wie zum Beispiel bei der Versammlungsfreiheit, der Freiheit der Person bei Quarantäne und beim Eingriff in das Brief- und Postgeheimnis, wenn schriftliche Mitteilungen möglicherweise Infizierter gelesen werden. Mein von mir geschätzter und renommierter Journalistenkollege Heribert Prantl hat sich sehr besorgt dazu geäußert und an die Verfassung erinnert, nach der bei Grundrechtseingriffen immer das mildest mögliche Mittel gewählt werden müsse; eine hierfür notwendige Debatte habe aber nicht stattgefunden. Er appellierte, „nicht nur entschlossen gegen das Virus kämpfen, sondern auch gegen eine Stimmung, die die Grund- und Bürgerrechte in Krisenzeiten als Ballast, als Bürde oder als Luxus betrachtet.” Da hat er nicht unrecht.

Die Kernfrage für mich ist, inwieweit die Menschen die Beschränkungen nur aus Angst recht klaglos hinnehmen und ob die Einschränkungen im rechtlichen Rahmen stattfinden. Die rechtliche Grundlage für die aktuellen Maßnahmen bietet vor allem das Infektionsschutzgesetz (IfSG). Der Staat darf auch in der aktuellen Ausnahmesituation nur in unsere Grundrechte eingreifen, wenn dies verhältnismäßig ist. Wenn man sich laut der Juristin Anika Klafki die zentrale Norm des Infektionsschutzrechts, den § 28, Absatz 1 IfSG anschaut, stellt man fest, dass diese erstaunlich unbestimmt ist. Darin heißt es, dass Behörden die „notwendigen Schutzmaßnahmen“ verhängen können, „soweit und solange es zur Verhinderung der Verbreitung übertragbarer Krankheiten erforderlich ist“. Kürzlich wurde noch ergänzt: „Sie können insbesondere Personen verpflichten, den Ort, an dem sie sich befinden, nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen zu verlassen oder von ihr bestimmte Orte oder öffentliche Orte nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen zu betreten.“ Hierauf haben dann die Bundesländern unterschiedlich weitgehende Ausgangsbeschränkungen gestützt. Wichtig wäre Anika Klafki zufolge aber eine genauere rechtliche Regelung, unter welchen Umständen genau solche Maßnahmen verhängt werden dürfen – schon bei der saisonalen Grippe oder nur bei epidemischen Notlagen? Weitere interessante Ausführungen zum Thema „Grundrechtseingriffe in Zeiten von Corona“ sind unter https://freiheitsrechte.org/corona-und-grundrechte zu lesen.

Mit diesem Hintergrundwissen ist es sinnvoll und wichtig, zumindest darüber nachzudenken, was alles möglich wäre und wie Regierungen die derzeitige Situation für sich manipulieren könnten. Wenn die Bürger in der Türkei vier Stunden vor in Kraft treten von einer Beschränkung bzw. einem Grundrechtseingriff erfahren, grenzt dies tatsächlich an Willkür. Glücklicherweise gibt es da für mich auf Deutschland bezogen eine klare Antwort: Obwohl ich mitunter viel Vertrauen in die meisten deutschen Politiker verloren habe und oftmals Bürgernähe vermisse, glaube ich absolut nicht an Manipulation oder dauerhafte Einschränkung von Bürgerrechten. Warum sollte eine deutsche Regierung plötzlich zu einem totalitären Polizeistaat mutieren? Daran kann sie kein Interesse haben, zumal wir uns in der westlichen Welt so sehr an das freie Leben gewöhnt haben und es schätzen – auch die Politiker selbst. Corona darf nur nicht als Erklärung für alle Maßnahmen herangezogen werden – dies gilt es von uns allen sorgfältig zu beobachten.

Wissenschaftlicher Diskurs

Abseits der derzeit bekanntesten Virologen wie Drosten und Kekulé schaute die öffentlich-rechtliche Presse lange Zeit recht wenig auf alternative Meinungen und Lösungsansätze. Zeitweise hatte ich den Eindruck: Alle Ärzte und Experten, die eine etwas andere Meinung vertraten und denen der Shutdown etwas zu weit geht, werden kategorisch abgelehnt. In meinem Bekanntenkreis, dem ich vertraue, empfand ich das ähnlich. Mein Gedanke ist nach wie vor folgender: „Bei solch drastischen Maßnahmen mit unabsehbaren bis unangenehmen Folgen für die gesamte Wirtschaft und damit für viele Menschen muss ich als mündiger Bürger ja wohl wenigstens über alternative Modelle nachdenken dürfen! Außerdem: Nur wenn wir auch alle „sogenannten und teils selbsternannten Fachxperten“ anhören, können wir sie im Zweifelsfall richtig schön widerlegen. Der bekannte Talkmaster Markus Lanz schien mich gehört zu haben und trug in seinen Sendungen zu mehr Vielfalt bei. Er lud etwa Klaus Püschel ein, Hendrik Streeck gleich mehrfach. Püschel ist Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf (UKE). Er und sein Team obduzieren seit Beginn der Pandemie die Menschen, die in Hamburg im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben sind. Zum Zeitpunkt der Lanz-Sendung hatten laut Püschel alle Verstorbenen mindestens eine Vorerkrankung gehabt. Das unterstreicht, dass vor allem Vorerkrankte und Risikopatienten von Corona betroffen sind, heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass jüngere, fitte Menschen per se verschont bleiben.

Prof. Hendrik Streeck, Direktor des Instituts für Virologie und HIV-Forschung an der Uni Bonn, machte in den letzten Wochen als wichtiger Experte des Sars-CoV-2-Virus von sich reden. Nach Meinung des Wissenschaftlers wäre es wahrscheinlich besser gewesen, abzuwarten, was die kurz zuvor angeordneten Maßnahmen, wie z.B. Hygieneregeln und die Absage von Großveranstaltungen bringen. Ihm zufolge sei es entscheidend, dem „Virus Zeit zu lassen, um Ergebnisse langfristig zu sehen“. Streecks sogenannte „Heinsbergstudie“ schien seine Einschätzung in den Zwischenergebnissen zu bestätigen, zumal er für den untersuchten Bereich zu einer wesentlich niedrigeren Sterblichkeitsrate kam, als das Robert-Koch-Institut (RKI) für ganz Deutschland prognostizierte. Die Studie löste heftige Kontroversen aus, beispielsweise inwieweit diese Ergebnisse auf andere Gebiete übertragbar seien. Auch Streeck selbst betonte inzwischen mehrfach, dass es immer auch auf die Art der Testung ankommt und man den weiteren Verlauf der Pandemie nicht seriös vorhersagen könne.

Die Grenzen der Wissenschaft

Dirk Steffens, Wissenschaftsjournalist und Moderator der bekannten ZDF-Sendung Terra X, bringt es auf den Punkt: Es sei gut, wenn die Wissenschaft streitet, dann würden verschiedene Denkansätze und Forschungen geteilt werden. Die absolute Wahrheit könnten auch wir von der Wissenschaft nicht erwarten und sie könne nur Hinweise an die Politik geben. Diese umzusetzen sei nicht immer so ganz einfach, vor allem könne man es nie allen recht machen.

Gerade weil Wissenschaft nie endgültig ist, das Corona-Virus Sars-CoV-2 noch lange nicht vollständig erforscht ist und es möglicherweise noch zu einer zweiten Welle unbekannten Ausmaßes kommt, kann ich es einfach nicht mehr ertragen, wenn Ärzte, die es eigentlich besser wissen müssten, in Facebook und YouTube auftreten und immer noch hartnäckig behaupten: Es gab schon immer Corona-Viren und Covid-19 ist auch nicht schlimmer als die Grippe! Dazu möchte ich nur noch 3 Dinge sagen: 1. Es handelt sich hier um einen völlig neuen Corona-Virus, der bis dato noch nicht bekannt war und erst noch vollständig erforscht werden muss. 2. ist der weitere Verlauf der Pandemie noch nicht komplett absehbar und 3. Der Vergleich mit den geschätzt 25.000 Verstorbenen bei der Grippewelle 2017/18 muss richtig eingeordnet werden-sonst ist er nicht aussagekräftig. Niemand kann derzeit endgültig sagen, wie sich die Zahl der Infizierten und die Sterberate bei der Corona-Pandemie entwickeln werden. Deshalb ist es sowohl unseriös, als auch unverantwortlich, die Zahl der Todesopfer zu einem frühen Zeitpunkt einer Pandemie zu nehmen, mit einer geschätzten Zahl von Verstorbenen einer außergewöhnlich schweren und Monate dauernden Grippewelle zu vergleichen! Siehe dazu auch den ARD-Faktencheck.

Das Problem aus meiner Sicht ist, dass viele Menschen Halbwahrheiten aus bestimmten „Fakten“ kreieren und dann alles zusammen in einen Topf werfen, ohne den Sachverhalt bzw. die wissenschaftliche Erkenntnis richtig einzuordnen. Dann ist ganz schnell die Rede von „die Politik verarscht uns“, sie „zensiert die öffentlich-rechtliche Presse“ und diese wiederum „verbreitet fakenews“. Davon kann keine Rede sein und genau diese Menschen verbreiten selbst rücksichtslos ihre eigenen fakenews.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Eine abwechslungsreiche Berichterstattung, die ausreichend nach rechts und links schaut, ist für mich als sorgfältig recherchierender Journalist unabdingbar!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Ich kann über alle politischen Maßnahmen diskutieren und was man in der Krise hätte alles besser machen können, aber nicht Äpfel mit Birnen vergleichen und dann in einen großen Topf schmeißen.

Kolumne – Corona ist überall

Die ersten Lockerungen nach dem Shutdown sind nun eine Woche Realität! Ein erstes Aufatmen darf sein. Der Weg in die Normalität wird uns allerdings noch einiges an Geduld und Durchhaltevermögen abverlangen. Das Thema Corona bleibt omnipräsent – auch zu meinem Leidwesen. Es ist klar, ja unumgänglich, dass eine weltweite Pandemie solchen Ausmaßes einen großen Raum in der medialen Berichterstattung einnimmt. Und ja, wir mussten uns diesem „Gefahrenthema“ stellen und die Regierung musste Maßnahmen dagegen ergreifen – auch in meinem Interesse als der Risikogruppe zugehöriger E-Rollstuhlfahrer mit Beatmung.

Aber war und ist denn da wirklich kein Platz mehr für andere Themen??Corona, corona, ich kann es nicht mehr hören! Es gibt nach wie vor tausende Menschen, die momentan mit anderen schwerwiegenden Erkrankungen auf deutschen Intensivstationen liegen, in vielen Teilen der Welt geschehen pro Minute schreiende Ungerechtigkeiten und laut Unicef-Bericht der Vereinten Nationen sterben jeden Tag Tausende von Kindern. Das wird in der ganzen Diskussion einfach unterschlagen – Hauptsache Corona wird vollumfänglich durchgenommen. Hinzu kommt, dass aus meiner Sicht bei der allgemeinen und medial-politischen Debatte um Corona diverse Problematiken bestehen.

Die Schwierigkeiten bei der Debatte um Corona

1) Die Zahlen:

Was mir seitens der Regierung etwas fehlte, war eine gute und sachliche Aufklärung, die nicht vorwiegend auf abstrakte Zahlen baut. Exponentiell in die Höhe schnellende Zahlen von Neuinfektionen und der ständige Verweis auf die im Vergleich zur Grippe viel höhere Todesrate schürten nicht nur bei Risikopatienten und ihrem Umfeld große Ängste und Panik. Bilder von überfüllten Krankenhausfluren aus Spanien und Italien taten ihr übriges dazu. Hamsterkäufe wurden zur Normalität. Natürlich können sich Menschen, die einen gesunden Menschenverstand haben und über einen gewissen Intellekt verfügen, dementsprechend informieren, um Zahlen und Bilder richtig einzuordnen. Aber das können leider nicht alle – teils unverschuldet, teils selbstverschuldet. Im Kern ging und geht es einfach nur darum, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, sprich für den Notfall genügend Intensivbetten zur Verfügung zu haben.

Folgendes sollten wir beim Blick auf die Zahlen beachten: Die offiziell gemeldete Zahl der Infizierten bezieht sich ausschließlich auf Tests mit nachgewiesenen Infektionen. Wie viele Menschen sich tatsächlich täglich neu infizieren und bislang infiziert waren, ohne positiv getestet worden zu sein, ist unklar. Tests auf Antikörper, um die Immunität in der Bevölkerung zu klären, sollen diese Frage in den kommenden Monaten klären. Auch die Frage, wie viele Infizierte tatsächlich bislang gestorben sind, lässt sich kaum beantworten. Denn in den meisten Bundesländern werden bei Verstorbenen nur selten nachträgliche Tests auf Corona vorgenommen. In die Statistik fließen also hauptsächlich Fälle ein, bei denen eine Corona-Infektion bereits vor dem Tod bekannt war.

Außerdem ist oft unklar, ob die Menschen mit oder wirklich an Corona sterben. Laut einigen Palliativmedizinern ist auch zu bedenken, dass es sich bei den schwer erkrankten COVID-19-Betroffenen oft um hochaltrige, vielfach erkrankte Menschen handelt. Mindestens 1/3 von den hochaltrigen Menschen kommen schwerstpflegebedürftig aus Pflegeheimen; also eine Gruppe, die üblicherweise und bislang immer mehr Palliativmedizin bekommen hat als Intensivmedizin. Zum Teil werden jetzt aus diesen Patienten Intensivpatienten gemacht – aus Sicht der Experten ein Fehler. Viele Patienten erhalten so gegen ihren Willen lebensverlängernde Maßnahmen und müssen unnötig leiden, weil zu viele von ihnen keine Patientenverfügung haben. Deshalb ist es wichtig, sich intensiv mit dem Umfeld dieser Patientengruppe auszutauschen und sorgfältig zu überlegen, was für die Patienten am besten ist.

Positive Überraschung : tatkräftiges Regierungshandeln

Sehr positiv fand ich das klare und tatkräftige Handeln der Regierung Merkel, die genau zum richtigen Zeitpunkt den alles andere als beliebten Shutdown ansetzten und so das Virus auf ein „gesundes“ Maß eindämmen konnten. Man mag die Fernsehansprache und den Ausruf der größten Krise seit dem 2. Weltkrieg als unnötige Inszenierung abtun. Aber letztendlich hat dies einige Menschen erst richtig aufgerüttelt -ich zähle mich selbst auch dazu. Die disziplinierte Einhaltung der Regelungen von weiten Teilen der Bevölkerung kommt nicht von ungefähr.

Bei einigen unserer Mitbürger führte die Ansprache zu Panik, was aber völlig unangebracht war. Angst trägt bestimmt nicht dazu bei, möglichst nicht krank zu werden. Natürlich ist das Virus sehr leicht ansteckend und es gibt keinen Impfstoff, aber es verläuft bei den wenigsten Menschen ohne Vorerkrankung und unter 60 Jahren kritisch. Es geht vor allem darum, die sogenannten „Risikopatienten“ angemessen zu schützen. Sich zu Hause verbarrikadieren in der Wohnung ist keine gute Option. Ich persönlich empfehle Euch: Geht in die Natur, macht kleine Ausflüge zu zweit oder mit der Familie – seid vorsichtig mit Rücksicht auf eure Mitmenschen, aber lasst euch bitte nicht von der allgemeinen Panik anstecken. Was ich noch sehr hilfreich finde: Sich nicht nur an die Schulmedizin zu halten, die bei einer Pandemie fraglos eine äußerst wichtige Rolle einnimmt. Allerdings gibt es auch noch alternative und zusätzlich sehr wirksame Faktoren, die vor Corona schützen: Mentale Gesundheit und positive Lebenseinstellung, gute Ernährung und sportliche Betätigung – also alles was dem Immunsystem gut tut.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Gerade die Menschen, die vor Corona eigentlich am wenigsten Angst haben müssten, schieben die größte Panik!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Wir als Risikogruppe brauchen auch in Corona-Zeiten kein unnötiges Mitleid und können auf Aussagen wie „Bleib tapfer!“ getrost verzichten. Wir brauchen jetzt Mitmenschen, welche die allgemein gültigen Vorsichtsmaßnahmen mittragen.

Meine Ausflüge in der Corona-Zeit:

Teil 6: Wehe wenn der Zug ausfällt…

Für die Abreise ist alles klar und alles fertig gepackt, sodass wir uns recht entspannt Richtung Bushaltestelle bewegen. Wir genießen noch mal eine kurze Fahrt mit dem Bus durch die Straßen von Barcelona bei strahlender Sonne und sind echt traurig, dass es schon wieder nach Hause geht. Dafür Läuft alles nach Plan, wir sind super pünktlich am Bahnhof und wollen uns für den Einlade- Service in den Zug anmelden. In dem Moment kommt eine Bahn-Mitarbeiterin geradewegs auf uns zu und redet in spanischer Sprache vehement auf uns ein. Eine Assistentin von mir, die gut spanisch spricht, verzieht das Gesicht und sagt uns das Unvermeidliche: Die Frau hat uns gerade mitgeteilt, dass der Zug ausfällt…!! Ich brauche einen Moment bis ich es realisiere und bin erst mal kurz geschockt. Ich kann es nicht glauben, aber jetzt hat uns der Streik der französischen Bahn doch noch erwischt, verdammter Mist 🙁 Wir werden ins Reisezentrum der spanischen Bahn geschickt, wo man uns informieren will, wie es weitergeht. Meine spanisch sprechende Assistenten macht einem Mitarbeiter deutlich, dass die Zeit drängt. Da wir sicher den Anschlusszug in Paris verpassen werden, müssen wir uns zumindest für eine weitere Nacht eine Unterkunft organisieren – in Barcelona oder Paris. Wir warten eine gefühlte Ewigkeit und schauen gebannt auf drei Bahnmitarbeiter hinter einem großen Bildschirm, die sich gerade wegen dem Zugausfall die Köpfe heißreden.

Dann endlich kommt einer der Mitarbeiter auf uns zu und erklärt uns, dass höchstwahrscheinlich zwei Stunden später ein weiterer TGV fährt. Mir ist das zu unsicher und ich rufe meinen Vater an. Er hat einen französischen Kollegen, der sich für die Kommunikation mit der französischen Bahn bestens eignet. Die Antwort ist ernüchternd: Die französische Bahn kann nicht bestätigen, dass heute ein weiterer TGV fährt und empfiehlt, erst zwei Tage später zu fahren. Das ist schlicht unmöglich, da auch meine Assistentinnen mal eine Pause brauchen und eigentlich schon verplant sind. Von der deutschen Bahn erfahren wir ebenfalls, dass kein Zug mehr fährt. Wir sind bedient und am schlimmsten ist die Ungewissheit.

der Stress hat Spuren hinterlassen 🙂

Aber es hilft ja nichts und wir bereiten uns auf den Ernstfall vor. Bei der Unterkunft in Barcelona fragen wir an, ob wir theoretisch länger bleiben können. Das würde gehen, aber wir präferieren eher die Lösung, eine Nacht in Paris zu bleiben. Unsere Nerven sind ganz schön angespannt und wir versuchen, uns vor dem Bahnhofsgebäude etwas abzulenken. Das gelingt nicht wirklich gut und ich mache fast einen Unfall, indem ich eine hohe Bordsteinkante übersehe und meinem Rollstuhl fast zum Umkippen bringe.

Ein ungeplanter Zwischenstopp in Paris kann sich lohnen

Die Lösung mit Zwischenstopp in Paris ist zwar nicht ideal, aber als wir die Gewissheit haben, dass der Zug tatsächlich fährt, sind wir sehr erleichtert. Bleibt nur noch eine Sorge: Wo schlafe ich in Paris? Ich schreibe meinem Papa eine Nachricht, dass uns der französische Kollege noch mal helfen muss. Nach einer Stunde kommt die erlösende Nachricht: Ein Doppelzimmer ist für uns reserviert im Holiday Inn, genau gegenüber vom Gare de l’Est. Das ist sozusagen die Rettung, da ich am nächsten Tag sehr früh am Bahnhof sein muss. Dann sind die Chancen höher, dass ich noch einen Rollstuhlplatz bekomme. Die Bahn kann mir denselben für so eine kurze Vorlaufzeit leider nicht garantieren, sodass ich einfach Glück haben muss.

In Paris dauert es noch ganz schön lange, bis ich ausgeladen werde, aber sonst läuft alles ganz gut. Im Hotel lasse ich mich allerdings ziemlich entkräftet ins Bett legen und setze mich nur für einen kleinen Snack noch mal in meinen Rollstuhl. Mittlerweile sind wir wieder erstaunlich entspannt und genießen die Aussicht aus unserer „Spontan-Residenz“ auf den Bahnhof. Plötzlich klingelt mein Handy und mein Papa ist dran: „Wo seid ihr denn?“, Ich: „Naja, im Holiday Inn“, mein Papa: „Schon klar, ich meine in welchem Stock, ich stehe unten!“ Wie genial ist das denn, mein Papa ist öfter geschäftlich in Paris und diese Woche ist natürlich Paris-Woche. Ein Teil der Familie trifft sich also mal eben spontan in Paris 🙂 🙂 🙂 Wir haben ein „Riesen-Hallo“ und es gilt natürlich nur ein Thema. Außerdem bekommen wir noch ein paar Insider-Tipps, auf was wir am nächsten Morgen am Bahnhof achten sollen.

Da wir nur über die Straße müssen, sind wir am nächsten Morgen tatsächlich überaus pünktlich im Bahnhofsgebäude. Da wir eine Bestätigung der spanischen Bahn zu dem Zugausfall haben, läuft alles problemlos. Bei der Servicestelle für Menschen mit Behinderung kümmert man sich sofort um uns. Wir bekommen sogar noch einen Hinweis, wo ich mir die Unkosten für den Zwischenstopp lassen kann. Dann bringt uns der gute Mann schon ans Gleis zum bereits wartenden Zug, das Ende unserer Odysee nähert sich tatsächlich dem Ende. Nur der Zugführer scheint etwas dagegen zu haben. Er hat ernste Bedenken, mich mitzunehmen, „da Sie ja in Mannheim nicht mehr aussteigen können“. Er macht sich große Sorgen, dass sich das Zugniveau zu weit unterhalb vom Bahngleis befindet und ich die Schräge kaum überbrücken kann. Zum Glück kann ich ihn beruhigen: „Das ist kein Problem, in Karlsruhe war die Situation genauso und mein Rollstuhl hat es locker gepackt!“ Dann geht die Fahrt los und wenige Stunden später ziemlich zu Hause.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Kühlen Kopf bewahren, wenn der Zug ausfällt! Irgendwie kommt man immer ans Ziel – auch im E-Rollstuhl

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Liebe Bahnangestellte: Lassen Sie am besten den E-Rollstuhlfahrer selbst entscheiden, wo er es sich zutraut, auszusteigen.

Was danach geschah:

Zuhause ließ ich die erlebten Eindrücke sacken. Eine Woche später arbeitete ich die ganze Sache auf und stellte einen Antrag bei der französischen Bahn, um die Unkosten durch den Streik ersetzt zu bekommen! Dann stellte ich einen Antrag beim Servicecenter Fahrgastrechte der Deutschen Bahn. Obwohl ich das PDF-Formular sehr sorgfältig ausfüllte und alle Kopien selbiger Tickets mit schickte, war die Antwort sehr ernüchternd. Das Servicecenter hatte jeweils nur die Zeitverzögerung der Einzelstrecken berücksichtigt und nicht die der Gesamtstrecke bzw. Gesamtreise, bei der die Zeitverzögerung bekanntermaßen einen Tag betrug!! Ich ärgerte mich aber nur kurz und beschloss, nicht aufzugeben. Ein Anruf beim Servicecenter fahrgastrechte brachte mir zwar nicht ein, aber ich bekam den Tipp, den Fall bei der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr e.V. einzureichen. Das zog zwar ein weiterer bürokratischer Akt nach sich, dafür würden sich jetzt Rechtsexperten damit befassen. Das Schlichtungsverfahren ist zwar kostenlos, man muss jedoch mit einer sehr langen Wartezeit rechnen. In meinem Fall hat sich das Warten mehr als gelohnt, da ich tatsächlich die Hälfte des Preises für die Rückfahrt gut geschrieben bekam.

Außerdem war es mir ein Anliegen, der Deutschen Bahn ein Feedback zur Reiseorganisation zu geben. Die Mobilitätszentrale leitete meine Anfrage an den Kundendialog weiter und ich bekam tatsächlich eine sehr höfliche und sachdienliche Auskunft. Meine Anmerkungen zur Verbesserung wurden dankend angenommen und es wurde mir versprochen, dass die deutsche Bahn diese Defiziten verbessern möchte. Na dann mal schauen, die nächste Reise folgt bestimmt… Zumindest ist es sehr erfreulich, dass Kritik angehört und an Verbesserungen gearbeitet wird.

Wichtige Links:

Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr e.V.: https://soep-online.de/index.html

Servicecenter Fahrgastrechte: https://www.fahrgastrechte.info/Fahrgastrechte-Info-Ein-Service-der-Eisenbahnverkehrsunternehm.6.0.html

https://www.bahn.de/p/view/service/auskunft/fahrgastrechte/fahrgastrechte_schlichtung.shtml

Reklamation Französische Bahn: svcservicereclamation@sncf.fr

Teil 5: Spaß muss sein- Mit dem E-Rollstuhl auf den Sandstrand

Der Strand von Barcelona darf auf keinen Fall bei meiner Reise fehlen. Es ist ein würdiger Abschluss meines Aufenthalts. Nach dem Besuch im Meerwasser-Aquarium sind wir bereits am Hafen von Barcelona. Wir bestaunen einige Luxusyachten, vor allem diejenige mit Hubschrauberlandeplatz -verrückt wie viel Luxus Mensch braucht… Dann lege ich noch einige 100 m am Hafen zurück, irgendwann beginnt die Strandpromenade, an der zahlreiche Verkäufer Schmuck, Tücher und sonstige Kleinigkeiten an den Mann bzw. die Frau bringen wollen. Um schneller an den Sandstrand zu gelangen, nehmen wir eine Abkürzung durch ein kleines Stadtviertel, in dem man die Meeresluft regelrecht einatmen kann … Wenig später erblicken wir nur noch Sand und Meer. Über einen Weg aus Holzpaneelen gelange ich auf dem Strand näher ans Meer. Ich fahre weiter bis ans Ende des Weges und habe sofort nur noch einen Gedanken: Einmal möchte ich auf dem Sand mit meinem E-Rollstuhl ein paar Pirouetten drehen.

Mithilfe meiner Assistentin fahre ich ganz vorsichtig den Absatz von den Holzpaneelen herunter und stehe auf Sand. Mit ein bisschen Anschubhilfe nehme ich Schwung auf und die Fahrt geht los. Es funktioniert erstaunlich gut und am besten ist es, wenn ich nicht abstoppe. An einer Stelle, wo der Sand etwas weicher ist, fahre ich eine Kurve und mache ein bisschen langsamer-eine schlechte Kombination 🙂 ein Hinterrad meines Rollstuhls dreht durch. Aber mit vereinten Kräften schaffen es meine Assistentinnen, dass der Rollstuhl weiterfährt. Nach dem dritten Mal „Stecken Bleiben“ ist Schluss mit lustig!

Genug habe ich aber immer noch nicht und fahre weiter an der Strandpromenade entlang, die jetzt wie eine topfebene Rennbahn vor mir liegt. Ich reize es voll aus und mir wird witzigerweise genau jetzt das erste Mal bewusst, dass mein Rollstuhl viel schneller läuft wie gedacht – ich bin begeistert. Scheinbar hat es der Rollstuhlhersteller gut mit mir gemeint und die mögliche Höchstgeschwindigkeit des Motors nicht gedrosselt. Ein paar Meter weiter gelange ich dank einer breiten und nicht besonders steilen Rampe problemlos von der Promenade bis auf den Sandstrand hinunter. An dieser Stelle ist es bis direkt ans Meer geteert und ich genieße es in vollen Zügen. Kurz bevor wir den Heimweg in Angriff nehmen wollen, treffe ich einen netten E-Rollstuhlfahrer aus Belgien. Es stellt sich heraus, dass er dieselbe Erkrankung wie ich hat und um einiges jünger ist. Als wir uns verabschieden, erzählt er mir noch von seinem Stadionsbesuch beim FC Barcelona und ich bin ehrlich gesagt etwas neidisch. Schade, dass ichdieses Highlight verpasst habe. Allerdings bin ich noch ganz beschwingt von meiner Strand-Tour und freue mich auf meinen letzten Barcelona-Abend.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Mit dem richtigen E-Rollstuhl ist auch die Fahrt auf Sand möglich. Für Risiken und Nebenwirkungen übernehme ich keine Verantwortung.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Die Strandpromenade und der Strand von Barcelona sucht dringend Nachahmer 🙂

Fotos: David Schäfer und privat

Ausflug ins Montserrat

Aber nicht nur die Stadt Barcelona an sich, sondern auch das Hinterland haben einen großen Reiz. So folgten wir dem Vorschlag meines Kumpels, der eine Woche mit mir in Barcelona verbrachte, und machten einen Ausflug in das 45 km entfernte

Sandsteingebirge Montserrat: Wir müssen eine ganze Weile suchen und fragen, bevor uns eine kompetente Bahnmitarbeiterin endlich den entscheidenden Hinweis für den richtigen Zug gibt. Wir sind erst mal erleichtert, wobei die 30-minütige Zugfahrt meine Geduld ebenfalls etwas strapaziert. Dafür entschädigt mich die tolle Fahrt mit der Zahnradbahn steil hinauf bis zum Kloster Montserrat, welches spektakulär in die Felsen integriert ist. Der Ausblick hinunter auf das Hinterland und den weitläufigen Naturpark ist genial und löst bei mir das Gefühl aus, im Hochgebirge zu sein. Außerdem nutzen wir die Gelegenheit, die schöne Klosterkirche anzuschauen. Einziger Wermutstropfen sind die etwas zu vielen Touristen rund um die Klosteranlage, aber wer will es den Menschen verdenken.

Fotos: David Schäfer und privat

Teil 4: Barcelona und noch viel mehr

In der Stadt gab es natürlich unzählige schöne Dinge und Unternehmungen, die wir zur Auswahl hatten. Von wunderschönen Gebäuden, über die berühmteste Promenade Barcelonas „Las Ramblas“ und den Strand bis hin zu vielen schönen Parks und Grünflächen mit musizierenden Menschen ist in dieser Stadt alles dabei. Dieses entspannte Flair inspirierte uns mehrmals zu einem gemütlichen Picknick und Chill-Out. Gut essen ist im Land der Paella ebenfalls überall möglich, unter anderem gibt es auch diverse rollstuhlgerechte Restaurants. Speziell am bedeutendsten Architekt Barcelonas, Antoni Gaudí , kamen wir nicht vorbei und das war auch gut so. Denn die von ihm maßgeblich geprägte Kirche Sagrada Familia ist schlichtweg atemberaubend und kaum in Worte zu fassen. Mehr interessante Infos zur Kathedrale und deren Besichtigung sowie weitere Details zur Erkundung von Barcelona erfahrt ihr übrigens in meinem Artikel der Zeitschrift „Gepflegt Durchatmen, Ausgabe 45, Juli 2019.

Blick vom Park de Güell auf Barcelona

An dieser Stelle möchte ich auf jeden Fall noch den wunderschönen Park de Güell, ein weiteres Meisterstück von Gaudí, erwähnen. Ein Muss für jeden Rollstuhlfahrer ist auch ein Ausflug mit dem Bus auf den Montjuïc, den Hausberg von Barcelona. Auf dem Gipfel befindet sich das Castell de Montjuïc, eine große Verteidigungsanlage aus dem 18. Jahrhundert, wo heute regelmäßig interessante Veranstaltungen stattfinden. Von hier genossen wir eine Traumaussicht auf den Hafen, das Meer und die Stadt.

Auch ein Besuch im botanischen Garten ist sehr zu empfehlen. Bei diesem Tipp darf eine kleine Anekdote, wie die Menschen in Barcelona touristischen Gästen aus dem Ausland das Leben vereinfachen, nicht fehlen. Bei unserem Besuch im botanischen Garten fahren wir erst mal zum falschen Eingang, nämlich zum Eingang des Instituts vom botanischen Garten in Barcelona. Um den langen Weg zum Haupteingang zu vermeiden, klingelt meine Schwester beim Pförtner. Sie nutzt ihre guten Spanischkenntnisse und redet zu unserem Vergnügen eindringlich auf ihn ein. Und siehe da: Das große Tor öffnet sich und er schleust uns quasi durch den „Hintereingang“ in den botanischen Garten. Wir feiern die Situation und sind bester Stimmung! Meine Schwester erklärt uns, dass der Mann es streng genommen nicht hätte machen dürfen, für uns aber ein Auge zugedrückt hat. Ganz nebenbei sparen wir uns noch den Eintritt 🙂

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Barcelona ist sehr rollstuhlgerecht und man kann fast alles auch mit dem E-Rollstuhl erleben.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Wenn du hier in Deutschland nicht weißt, wie du ausländischen Gästen unkonventionell und effektiv weiterhilfst, dann mache unbedingt einen Inspirations-Besuch in Barcelona!

Zwei Geheimtipps zum Essen gehen:

https://tienda.garlana.es/

http://www.losbellota.com/start

Las Ramblas und Montjuïc, Fotos: Florian Müller

Teil 3: In Barcelona wird Inklusion gelebt, nicht gesprochen

Die  dritte entscheidende Frage der Barcelona-Reise betraf die Kosten. Mir war bewusst: Durch die rollstuhlspezifische Unterkunft und die lange Zugreise würden einige Kosten auf mich zukommen. Etwas Geburtstagsgeld und Unterstützung meiner Eltern haben das Ganze erleichtert. Zudem habe ich für den Mehraufwand, der mir durch meine Assistenz entsteht, finanzielle Unterstützung beim Sozialamt beantragt. Für die meisten Assistenten ist es schwierig bis unmöglich mit mir im gleichen Raum zu schlafen, da mein Beatmungsgerät deutlich hörbare Geräusche macht. Ohnehin ist es nötig, dass sie auch einen Rückzugsraum haben. Deshalb bin ich bei Reisen auf eine Unterkunft angewiesen ist, die mindestens zwei Schlafzimmer hat. Entscheidend für eine Förderung ist die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Dies ist laut dem Gesetzgeber vor allem dann gegeben, wenn der Antragsteller mit Behinderung Kontakte zu Menschen ohne Behinderung knüpfen kann, neudeutsch könnte man auch Inklusion dazu sagen 🙂

Ich dachte nach, ob ich das ohne großen bürokratischen Aufwand begründen könnte: Mir fiel spontan ein, dass ich mich bei Unternehmungen in einer fremden Stadt nicht um Alltagsdinge wie Organisation der Assistenz, Bürokratie und Arbeit kümmern muss. Dadurch habe ich ganz einfach mehr Zeit und Möglichkeiten, Mitmenschen ohne Behinderung zu begegnen! Und wer in einer Großstadt unterwegs ist, bekommt automatisch Kontakt mit Menschen ohne Behinderung, d.h. er erlebt Inklusion! Und bei diesem Gedanken kam mir plötzlich ein Geistesblitz: Ich werde am Beispiel Barcelona schauen, welche Fortschritte bei der Inklusion in Spanien erreicht wurden und was wir in Deutschland davon lernen können. Langfristig -so meine Idee- kann ich durch den Input meiner Auslandserfahrungen dazu beitragen, die Inklusion bei uns vor Ort zu verbessern. Ich fragte nach bei Barcelona-Enabled, ob sie mein Vorhaben unterstützen würden. Und tatsächlich, der Verein stellte mir schließlich den Kontakt zur Selbsthilfeszene her. So konnte ich einmal einige Mitglieder des Kulturnetzwerks Barcelona im Zuge ihres regelmäßigen Stammtisches treffen. Dabei habe ich bemerkt, dass sehr viele Menschen ohne Behinderung bei diesem Netzwerk engagiert sind. Das Netzwerk kümmert sich intensiv um Inklusion und organisiert diesbezüglich einige Veranstaltungen und Treffen.

… meistens geht’s schwellenlos in die U-Bahn rein und raus

Ohnehin stellte ich bei der Erkundung der Stadt eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung Barcelonas und einen großen Wille zur Inklusion fest. Der öffentliche Nahverkehr ist dafür ein gutes Beispiel. Das Busnetz ist gut ausgebaut und alle Busse sind rollstuhlgerecht. Zudem gibt es recht viele U-Bahn-Stationen, die mit dem E-Rollstuhl nutzbar sind. Die vielen flachen und glatten Wege im Zentrum machten es mir sehr angenehm, die Stadt zu erkunden. Vor allem aber die Menschen sind äußerst „inklusionsfähig“: Wir haben wirklich in jeder schwierigen Situation auf Anhieb eine Person gefunden, die uns unkonventionell Hilfe anbot. Auch wenn die Mittel in manchen Fällen etwas beschränkt waren. Aber wie sagt man so schön: Der Wille zählt!

Dazu habe ich folgende kleine Anekdote auf Lager: Schon zu Beginn meiner Reise nehme ich mir einen Ausflug auf einen der wichtigsten Aussichtshügel Barcelonas, den Tibidabo, vor. Obwohl uns keiner eine gescheite Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nennen kann, ziehen wir los. Nach einer gefühlten Odyssee kommen wir endlich an eine Bushaltestelle, von wo Busse zum Tibidabo hinauffahren. Als der Bus kommt, sind wir aufgrund seines Rollstuhlsymbols sehr erfreut! Allerdings sehen wir im nächsten Moment die Stufen in den Bus und die Hoffnung schwindet. Der Busfahrer gibt uns zu verstehen, dass wir mitfahren sollen. Als ihm meine Schwester auf Spanisch die Problematik schildert, lässt er immer noch nicht locker. Er will uns inklusive mir unbedingt mitnehmen. Wahrscheinlich hätte er auch noch einige starke Männer organisiert, um mich in den kleinen Bus zu hieven. Zwar schade, dass der Ausflug ins Wasser fällt, aber trotzdem sind wir begeistert von dieser bedingungslosen Hilfsbereitschaft.

… überall super angenehmer Untergrund für Rollstuhlfahrer

Soweit so gut, kommen wir noch mal zum Beginn dieses Artikels und stellen uns folgende Frage: Wieso ist ein Zuschuss für meine Reisen überhaupt an ganz spezielle Bedingungen geknüpft und wieso reicht ein einfacher Nachweis des Mehraufwandes, der offensichtlich ist, nicht aus. Zumal meine Reisen den Kopf frei machen, neuen Input geben und mich für den Alltag mit neuer Energie aufladen. Ein Großteil der Bürger Deutschlands hat weit weniger Hürden zu überwinden, wenn er eine Reise machen will. Ich habe außerdem nicht die Möglichkeit, einfach so kostengünstig wie möglich zu verreisen, weil bei mir als E-Rollstuhlfahrer eben bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen. Leider laufe ich als Sozialhilfeempfänger und unterliege deshalb bei der Förderung einer Reise sehr strengen Maßstäben. Die Hintergründe und Diskussionen, wieso das so ist, würden an dieser Stelle eindeutig zu weit führen und sind stark politisch geprägt.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es hat sich gelohnt, die Inklusion in Barcelona intensiver zu begutachten-sie ist vorbildhaft.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Ämter oder andere finanzielle Unterstützungsstellen sollten Reisen für E-Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderung fördern und nicht unnötig erschweren-hier ist vor allem die Politik und die gesellschaftliche Denkweise gefragt!

Fotos: Florian Müller

Teil 2: Die große Frage nach der geeigneten Unterkunft

Eine ganz entscheidende Frage für den Barcelona-Aufenthalt war die nach der richtigen Unterkunft. Bei der Suche danach habe ich es mir nicht leicht gemacht: Nach guten Erfahrungen mit airbnb-Wohnungen in London und Paris versuchte ich, dieses kostengünstige Modell auch für Barcelona zu wählen. Allerdings musste ich nach tagelanger erfolgloser Suche einsehen, dass es keinen Zweck hatte. Da Barcelona sehr eng bebaut ist, sind die Wohnungen alle eine Nummer kleiner als in Deutschland und in der Regel nicht für E-Rollstühle ausgelegt. Also griff ich letztlich doch auf die mir mehrfach empfohlene Apartment-Hotelanlage MIC Sant Jordi mit vollständig rollstuhlgerechten Ferienwohnungen, Kochmöglichkeit und direkter Anbindung an das U-Bahn-Netz zurück.

vor der Appartment-Anlage

Da vollumfängliche Barrierefreiheit immer mehr kostet, wurde es leider etwas teurer, aber im Nachhinein war es ein echter Glücksgriff. Vor allem meine ReisebegleiterInnen waren ziemlich begeistert, da es für sie ein separates Assistenzzimmer mit Bad gab. Für mich stand ein elektrisch verstellbares Pflegebett bereit, was meiner Assistenz sehr zugute kam. Bislang hieß es immer eine Woche Rücken strapazieren wegen viel zu niedrigen airbnb- und Hotelbetten. Außerdem war das Apartment sehr geräumig, sodass sogar noch ein guter Kumpel von mir bei uns wohnen konnte, der seinen Kostenanteil übernahm.

Wohn- und Essbereich

Es war jeden Abend ein schönes Gefühl, in die Unterkunft zurückzukommen. Dort bekamen wir freundlich über alles Notwendige Auskunft inklusive Freizeittipps und es war problemlos möglich, Wäsche zu waschen. Gebucht habe ich das ganze sehr unkompliziert über die Organisation Barcelona-Enabled, die Menschen mit Behinderung bei der Planung und Durchführung ihres Aufenthalts in Barcelona unterstützt. Meine Fragen stellte ich per E-Mail und ließ mal wieder wie immer kein Detail aus. Trotzdem bekam ich jede Frage schnell und kompetent beantwortet.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Eine speziell rollstuhlgerecht ausgestattete Ferienwohnung ist eine tolle Sache.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Lass einen E-Rollstuhlfahrer so viele Fragen zur Unterkunft stellen wie er möchte: Denn er ist darauf angewiesen und außerdem gibt es sowieso keine blöden Fragen!

Fotos: Florian Müller