Und jetzt wird wieder in die Hände gespuckt… :-)

Am Freitagabend wird erst mal gefeiert, der Veranstalter lädt zur Kongress-Party ein. Diese findet in diesem Jahr außerhalb statt, im Muffat-Werk, nur ein paar Meter vom Hotel entfernt. Hier gehen in drei verschiedenen Räumlichkeiten Partys, Konzerte und weitere Veranstaltungen über die Bühne. Bis die Sause auch bei mir richtig ankommt, sind erst mal ein paar typische Hindernisse zu überwinden. Die Fahrt zur Party-Location ist mit übelsten Kopfsteinpflastern bestückt, was meine Ankunft aber glücklicherweise nur minimal verzögert. Dann geht es rein in den Schuppen 🙂 donnernde Musik kommt mir entgegen von einer Cover-Band, die kräftig einheizt. Bis ich zum leckeren Buffet komme, muss ich mich erstmal durch eine dicht gedrängte Menschenmenge hindurchkämpfen. Auch wenn mich der Kongresspräsident persönlich dabei unterstützt, sind solche Situationen für mich kein Vergnügen. Aber das nette Gespräch mit einem Hilfsmittel-Vertreter für Menschen mit Tracheostoma entschädigt mich ganz schnell wieder. Nach dem ersten Glas Wein komme ich langsam in Fahrt und bin geradezu euphorisiert, als Doktor Hirschfeld den Auftritt seiner exquisiten privaten Band ankündigt!

_MG_1068

MAIK-Party 2014: Wie immer beste Stimmung! Foto: Intensive Home Care Consulting (IHCC)/Sebastian Heise

Dann lässt er es mit ein paar coolen Songs ordentlich krachen. Ich suche mir eine Ecke, in der ich nicht ständig versehentlich angerempelt werde 🙂 Die Stimmung wird immer besser und immer mehr Frauen beginnen direkt vor mir zu tanzen. Als ein E-Rolli-Kollege mit quietschenden Reifen und Blinklicht begeistert Pirouetten dreht, gibt es auch bei mir kein Halten mehr. Gekonnt und in einem ganz bestimmten Rhythmus fahre ich mit meinem Gefährt hin und her, vor und zurück! Den Frauen scheint es tatsächlich zu gefallen und ich bin natürlich plötzlich voll in meinem Element. Dummerweise liegt mir meine Helferin schon länger in den Ohren, dass sie jetzt dann mal ins Bett möchte… Echt schade, aber ich kann sie gut verstehen und gebe dem Drängen bald nach. Vier Tage alleine mit mir unterwegs ist schon anstrengend, zumal sie auch eine gewisse Verantwortung für mich hat! Naja, außerdem soll man ja immer gehen, wenn es am schönsten ist 🙂 wir hauen also ab und im Hotelzimmer angekommen, überfällt auch mich die Müdigkeit.

_MG_0083-2

lebendige Diskussion: Die Analyse danach Foto: Intensive Home Care Consulting (IHCC)/Sebastian Heise

Am nächsten Morgen schicke ich meine Helferin erstmal zum Frühstücken, damit sie auch richtig fit ist, wenn sie mir beim Vortrag assistiert. Ich mache es mir noch ein bisschen gemütlich und lasse mir in groben Zügen meinen Vortrag durch den Kopf gehen. Klappt schon ganz gut, aber bei der Generalprobe fallen mir noch einige Ecken und Kanten auf… Etwas angespannt, aber nicht wirklich nervös fahre ich in Richtung Vortragssaal. Natürlich bin ich mal wieder zu spät, ich werde sogar schon gesucht 🙂 Das Gute ist, dass ich kaum mehr Zeit zum Nachdenken habe und sofort auf die Bühne fahre. Ich bin bei mündlichen Prüfungen und Referaten sowieso nicht besonders nervös, so dass ich dieses Mal den totalen Tunnelblick habe und kaum registriere, wer war alles im Publikum sitzt. Der Vortrag läuft bestens und zur Krönung lasse ich am Schluss mein Beispiel-Video laufen.

Mein Arzt Doktor Wiebel befindet zu Beginn seines Vortrag-Teils, dass der Inhalt des Videos eine sehr kreative Idee von mir gewesen sei. Eine größere Wertschätzung für meinen Vortrag kann es gar nicht gehen. Der Dritte im Bunde ist ein Pfleger, der einen querschnittsgelähmten Mann mit Mukoviszidose versorgt, ein echtes badisches Urgestein in alternativen Klamotten. Bis kurz zuvor wusste er gar nicht, dass er einen Vortrag halten soll, er war auf eine Diskussion eingestellt. Dafür schlägt er sich ziemlich wacker und setzt genau das um, was wir brauchen: ein Mann der Tat, der total authentisch wirkt und ein paar Situationen sehr realistisch rüberbringt. Danach kommt es sogar zu einer kleinen Diskussion. Da kann ich nur sagen, Ziel erreicht! Wenn ein Vortrag die Leute zum Diskutieren anregt, war er zumindest nicht schlecht und hat Interesse geweckt. Natürlich stimme ich sofort vehement zu, als sich Doktor Wiebel danach fragt, ob ich mit der Umsetzung unseres Vortrags zufrieden mit. Auf jeden Fall und es hat sich gelohnt, dass ich ihn überredet habe, dieses Jahr beim MAIK aufzutreten.

_MG_0608

Hochkonzentriert: Der Referent und seine Assistentin Foto: Intensive Home Care Consulting (IHCC)/Sebastian Heise

Danach führe ich noch ein paar sehr interessante Gespräche, um dann endlich die aktuellen Zwischenstände der Fußballbundesliga mit zu bekommen. Na toll, der VfB liegt natürlich mal wieder hinten… Als ich etwas später vom Hotelzimmer zurückkomme, um die zweite Halbzeit in voller Länge in der Hotellobby anzuschauen, sehe ich wohl eines der verrücktesten Spiele der Bundesliga-Geschichte. Nach dem Spiel denken die meisten Hotelgäste zwar, dass ich völlig bekloppt bin, aber immerhin gewinnt der VfB fünf zu vier!! Danach wird natürlich angestoßen auf meinen gelungenen Vortrag und nicht zu vergessen, den grandiosen Sieg 🙂 Spätestens am nächsten Tag morgens um zehn Uhr auf der S-Bahn-Etage des Münchner Hauptbahnhofs, werde ich in die raue Wirklichkeit zurückgeholt. Wir sind gut in der Zeit und trotzdem ist alles Makulatur, da beide Aufzüge nach oben in die Bahnhofshalle defekt sind. Da am Hauptbahnhof derzeit eine große Baustelle ist, fällt auch der alternative Lastenaufzug flach. Also, bitte nochmal einsteigen, eine Station zurückfahren und von dort aus zu Fuß bzw. zu Rad zum Hauptbahnhof fahren. Glücklicherweise fährt gleich eine Stunde später der nächste ICE, dessen Rollstuhlplatz sogar noch frei ist.

Special-Highlight für diesen Blog 🙂 Proben für das Vortrags-Video:

Versuch 1    Versuch 2     Versuch 3    Versuch 4     Versuch 5

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es ist immer ein Erlebnis, Vorträge zu halten, vor allem mit coolen selbstgemachten Videos.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Zwei kaputte Aufzüge an einem Hauptbahnhof in Deutschland sind viel besser als ein streitbarer Lokführer-Streik.

MAIK 2014 – Beatmungskongress reloaded!

Als ich dieses Mal zum Kongress nach München fahre, nehme ich mir nicht vor, danach auf meinem Blog darüber zu berichten. Denn im Prinzip läuft ja alles gleich ab, nur der Inhalt meines Referats wird ein anderer sein. Und auch hier nichts Neues, ich habe es tatsächlich wieder geschafft, den Vortrag vorher nicht fertig zu bekommen… Sehr zum Leidwesen meiner Helferin, die mich zusammenfaltet, als mir in der Straßenbahn auffällt, dass ich meine kompletten Kongressunterlagen auf dem Schreibtisch vergessen habe! Sollte sich dann aber als problemlos erweisen 🙂 ach ja, mein Vortrag beschäftigt sich seit mit „Grenzen der Selbstbestimmung bei Beatmung“ in Kooperation mit meinem geschätzten und langjährigen Lungenarzt aus der Thoraxklinik Heidelberg Doktor Wiebel. Auf meinen Wunsch hin hat er sich bereit erklärt, mich in München vortragstechnisch zu begleiten. Der Vortragsblock gliedert sich in drei Teile. Die Grenzen der Selbstbestimmung bei Beatmung werden aus Sicht des Betroffenen, also von mir, aus Sicht des Arztes und eines Pflegers betrachtet.23102014154

Die Zugfahrt läuft reibungslos ab, auch die Fahrt mit der S-Bahn zum Hotel stellt kein Hindernis dar. Ich habe aus dem Fiasko von letztem Jahr gelernt (ich berichtete http://marcel-gibtgas.de/2014/02/07/maik-2013-klappe-die-erste-der-fluch-der-oeffentlichen-verkehrsmittel/). Im Hotelzimmer ist scheinbar alles wie gehabt, scheinbar… Bis wir zu unserem Schrecken feststellen, dass sich neben dem Bett keine Steckdose für mein Beatmungsgerät befindet sich. Also ab an die Rezeption: Verlängerungskabel eins ist viel zu kurz, die zweite Variante ist schon deutlich besser! Dennoch müssen wir ziemlich improvisieren, das Gerät muss aufs Bett und der Beatmungsschlauch nimmt fast die komplette Matratze für sich in Anspruch. Aber das war noch nicht alles: Zu meinem großen Entsetzen haben wir tatsächlich mein Infrarot-Schnittstelle für den Laptop vergessen… Das ist mein Zugang zur Außenwelt, dieses Teil ermöglicht es mir, den Laptop meiner Rollstuhlsteuerung zu bedienen! Das wird ein Spaß, so wohl für mich als auch meine Helferin. Sie darf jetzt alles machen, was ich in meinem Vortragsmanuskript verändern möchte. Immerhin ist sie fit am PC und macht sogar laufend Verbesserungsvorschläge 🙂 mit ein bisschen Humor und guten Willen kommen wir ganz gut voran.

23102014158Am nächsten Morgen komme ich tatsächlich pünktlich zum Eröffnungsreferat durch den super genialen Ex-Politiker Heiner Geißler. Schon weit über 80 und geistig noch kein bisschen müde! Auch von einer Grippe lässt er sich nicht aufhalten. Von den klaren Aussagen seiner Rede habe ich ja schon kurz auf meiner Facebook-Seite berichtet. Schon allein dieser Auftritt macht die Kongressteilnahme wieder zu einem Erlebnis. Danach wird der diesjährige Kongress-Award an eine Pionierin der Heimbeatmung, Dr. Angelika Bockelbrink, vergeben. Sie begann in den achtziger Jahren in der Münchner Einrichtung Stiftung Pfennigparade gegen alle möglichen Widerstände, Menschen mit Atemproblemen zum beatmen. Damals hielten die meisten Ärzte nichts von dieser Methode. Daher an dieser Stelle auch ein Hoch auf die vielen Betroffenen, die damals den Mut hatten, der Ärztin zu vertrauen. Das waren echte Pioniere, von denen ich und viele andere heute profitieren.

25102014159Mehr zufällig komme ich mit einem Pflegedienstleiter ins Gespräch, der mit seinem Dienst einige beatmete E-Rollstuhlfahrer versorgt. Wir unterhalten uns über die Leistungen der Beatmungspioniere, angelernte Assistenten und Selbstbestimmung. Beim Verabschieden lädt er mich noch ein, doch irgendwann mal in Koblenz vorbeizuschauen. Er möchte sich dann auf jeden Fall mit mir treffen und mir davor noch einige in seiner Tipps für. Das ist doch einer der wichtigsten Gründe, auf so einen Kongress zu fahren: Interessante Menschen zu treffen und sich auszutauschen, neue Sichtweisen und Impulse zu bekommen! Natürlich wäre es toll gewesen, wenn ich noch ein paar mehr Vorträge mitbekommen hätte, aber am wichtigsten ist halt erst einmal, dass der eigene Vortrag sitzt! Auf dem Hotelzimmer mache ich meine PowerPoint-Präsentation fertig, nur ein paar wenige Stichworte, das reicht völlig. Weniger ist schließlich mehr! So ein Vortrag lebt von den persönlichen Erfahrungen und prägnanten Beispielen und manchmal von einem selbstgedrehten Beispiel-Video. Dazu aber mehr im nächsten Blog-Eintrag!! 🙂

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es gibt tatsächlich barrierefreie Hotelzimmer ohne Steckdose neben dem Bett…

Die E-Gebrauchsregel des Tages: In Sachen Pflege und Behinderung brauchen wir unbedingt wieder mehr Fachkompetenz der Politiker. Einer hat es schon vor vielen Jahren verstanden!

Der ganz normale Stadion-Wahnsinn!

Der ganz normale Stadion-Wahnsinn!

Es war ein toller Sommer, speziell für die Fußballfans. Einen deutschen WM-Sieg gibt es ja nicht alle Tage. Für die geschundene Seele eines VfB-Fans wie mir war es Balsam. Mittlerweile ist das Ereignis fast schon wieder zu weit weg und ich persönlich muss es mir ab und zu einfach wieder bewusst machen. Eigentlich traurig, aber kein Wunder bei dieser langen fußballfreien Zeit. Aber heute startet ja glücklicherweise wieder die Bundesliga. Bevor es losgeht, möchte ich einmal den „ganz normalen Stadionalltag“ eines Rollstuhlfahrers bzw. E-Rollstuhlfahrers erklären und ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern. Ich bin dafür wohl nicht das schlechteste Beispiel 🙂

Zunächst einmal geht es darum, überhaupt eine Rollstuhlkarte oder Dauerkarte zu bekommen, was beim VfB Stuttgart gar nicht so einfach ist. Die Plätze sind sehr begehrt und wenn dann noch ein mangelhafter Service hinzukommt (ich berichtete vor längerer Zeit), kann dies ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen werden. Damit jetzt kein falsches Bild entsteht, es ist nicht alles schlecht und manches hat sich auch schon gebessert. Aber manchmal habe ich den Eindruck, dass ich es mit einem Provinzklub zu tun habe… Besonders blöd ist es für den, der einen super Dauerkartenplatz wie ich besitzt und es bei einem Umzug in eine neue Wohnung nicht nötig hat, einen Nachsendeantrag zu stellen. Das Ende vom Lied: Der VfB schickt eine Rechnung an die alte Adresse und ich merke zu spät, dass ich keine Post bekommen. Als ich nachfrage, bekomme ich die verheerende Auskunft, dass meine Karte schon im freien Verkauf ist. Ich habe natürlich sofort bei der Verkaufsstelle angefragt, aber da war die Karte schon weg. Für mich brach selbstverständlich erst einmal eine Welt zusammen…

fritzle mit schriftWie gut, dass es Sky gibt und ich eine E-Mail-Freundin habe, die eine Dauerkarte besitzt und im Winter meistens angenehmere Dinge vorhat, als bei einer wahnsinnigen Kälte ins Stadion zu sitzen und im schlimmsten Fall eine Niederlage mitzuerleben. Aber was rede ich da, für einen echten Fan wie mich sind Ausreden tabu. Es gibt ja Hilfsmittel, vom Fußsack über die Heizweste bis hin zum windabweisenden Regencape. Und wenn bei starkem Regen gar nichts mehr hilft, werden vom Service-Personal noch regenundurchlässige Müllsäcke verteilt.

Im zweiten Schritt geht es darum, ins Stadion zu kommen. Wer ein eigenes Auto hat, ist hier klar im Vorteil, gerade wenn man etwas weiter weg wohnt. Ansonsten ist der Durchschnitts-Fußballfan auf die Dienste der öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen, was unter Umständen einige Nerven kostet. Eine Verspätung der gewünschten Bahn ist keine Seltenheit. Wenn es dumm läuft, verpasst der gemeine Fan schon einmal den Anpfiff. Besonders schlimm ist es, wenn der Gegner dann schon ein oder mehr Tore geschossen hat und man erstmal einen herben Dämpfer bekommt. Natürlich gibt es auch öfter mal einen kaputten Aufzug am Bahnhof, der die Anfahrt erheblich verzögert. Nach dem Schlusspfiff wird es nicht viel besser, wenn gleichzeitig ganze Horden von Menschen zu den Ausgängen strömen. Rollstuhlfahrer müssen da schon ganz schön viel Geduld aufbringen, denn zunächst wird aus Sicherheitsgründen gewartet, bis einige Zuschauer aus dem Stadion draußen sind. Für meinen Begleiter ist es jedes Mal ziemlich mühsam, bis er sich mit mir zusammen den Weg Richtung Ausgang gebahnt hat. Richtig kuschelig wird es dann an der S-Bahn Haltestelle, da jeder so schnell wie möglich in die Bahn will. Wenn die Waggons zu voll sind, haben Rollstuhlfahrer keine guten Karten. Dennoch will ich selbstverständlich meinen Rückzug in die Heimat erwischen. Allerdings ist es nicht weniger stressig, mit dem Auto im Stau zu stehen. Auf jeden Fall müssen Rollstuhlfahrer Zeit!!! einplanen.

IMG_0718Was das genau bedeutet, mache ich euch jetzt an meinem Zeitplan deutlich, wenn ich an einem Spieltag ins Stadion fahre: Da herrscht Ausnahmezustand, alles muss sich dem Fußball unterordnen. Ich beschreibe jetzt einmal die Situation, wenn ich zuhause bei meinen Eltern bin. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten schlafe ich erst einmal gut aus, um nach dem Aufstehen schon sehr bald Mittag zu essen. Meine Mutter muss mir versprechen, dass sie das Essen schon früh genug ansetzt. Nach dem Essen ruhe ich mich nochmal aus, mein Vater lädt derweil den Rollstuhl ein und meine Mutter oder Schwester packen noch diverse Dinge ein, die ich alle brauchen könnte. Wenig später geht es mit dem Auto zur Haltestelle. Dann ist mein Vater erstmal entlassen und darf dann ca. 5 Stunden später wieder eingreifen, indem er mich vom Bahnhof abholt. Zuhause wird dann erstmal berichtet, sich ausgeruht und alle Spiele des Spieltags in Ruhe angeschaut. Danach geht bei mir echt nicht mehr viel.

Aber zumindest lohnt sich der Aufwand alle Mal, da auch mein neuer Platz von Bianca sehr gut ist, nahe an der Mittellinie des Platzes. In Stuttgart besteht allerdings der Nachteil, dass der Überblick nicht so gut ist. In anderen, neueren Stadien, sitzen die Rollstuhlfahrer viel weiter oben und haben einen genialen Überblick.

05032011095Aber noch einmal zurück zur Situation wenn das Spiel vorbei ist. Diesem großen Drängen können Rollstuhlfahrer nur entgehen, wenn ihre Lieblingsmannschaft deutlich genug führt oder aussichtslos hinten liegt. Dann tut es nicht weh, ein paar Minuten früher zu gehen. Die Taktik, vor allen anderen dran zu sein, bewährt sich auch beim Pausengang zur Toilette oder der fest eingeplanten Stadionwurst. Der Begleiter, den man übrigens zum Nulltarif mit ins Stadion nehmen darf, sollte sich unbedingt 5 Minuten vor dem Halbzeitpfiff Richtung Kioskstand begeben. Beim Toilettengang handelt es sich um dieselbe Problematik. Wer nicht früh genug dran ist, muss sich auf eine längere Schlange gefasst machen. Allerdings gibt es zumindest in Stuttgart mittlerweile mehrere Toiletten für Behinderte und auch einen großzügig eingerichteten Raum zum Ausruhen oder Zurückziehen. Ich für meinen Teil wäre dafür viel zu nervös und muss jede Sekunde des Spiels ganz nah bei der Mannschaft sein. Den Saisonstart verfolge ich diesmal ganz unspektakulär mit Sky. Hauptsache der VfB gewinnt!!

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Hauptsache ganz nahe dran, egal um welchen Preis 🙂 Bei einem VfB-Sieg spielt das überhaupt keine Rolle!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Versuche alles, um einem Fußballfan im Rollstuhl am Spieltag keine Steine in den Zeitplan zu legen.

Veröffentlicht unter VFB

So gehört sich der öffentliche Nahverkehr!

Ich bin mal wieder unterwegs zu einer Sportveranstaltung in der SAP-Arena, aber dieses mal gibts eine Premiere: Ich bin bei einem Eishockey-Spiel live dabei, dem Länderspiel Deutschland gegen Schweiz. Zwar nur ein Vorbereitungsspiel zur WM, aber Hauptsache live vor Ort! Zu meiner Beruhigung erkenne ich den Puck viel leichter als erwartet. Eine Überraschung, denn normalerweise sieht man im Fernsehen alles besser. Neben mir sitzen zwei E-Rollstuhl-Fahrer und mir kommt eine Idee. Ich lasse meinen Helfer fragen, ob die beiden Rollstuhl-Fahrer eine Dauerkarte für die Spiele der Mannheimer Adler haben. Denn ohne Dauerkarte ist es fast unmöglich, an eine Karte für ein Bundesligaspiel zu kommen… Als die beiden bejahen, bekommen sie gleich eine Visitenkarte von mir, damit sie mir Bescheid geben, wenn sie mal ein Spiel auslassen. Ich würde sofort einspringen 🙂 Bisher bekam ich leider keine E-Mail 🙁

Das Spiel ist derweil richtig gut, Deutschland macht es richtig klasse! Aber leider ist dies nur ein Testspiel und bei der WM sieht die Realität ganz anders aus.

Aber zuerst einmal kosten wir das Spiel aus und lassen uns danach viel Zeit, da die S-Bahn erst relativ spät fährt. Ich habe gar keine Lust auf die viel zu lange Rückfahrt im Verhältnis der Nähe zu Heidelberg. Wir machen uns dann trotzdem frühzeitig auf den Weg und als wir aus der Arena hinausfahren traue ich meinen Augen kaum: Ich sehe plötzlich eine Straßenbahn mit dem fetten Schriftzug „Edingen“.

flyer_image-default-1Ich gebe meinem Helfer einen kurzen Hinweis und plötzlich sprintet er los, wie ich es ihm nie zugetraut hätte. Die einmalige Chance, völlig unkompliziert und schnell nach Hause zu gelangen, verleiht Flügel! Die Menschenmenge löst sich angesichts des Geschosses von Helfer und Mensch im Schieberollstuhl relativ schnell in Luft auf. Wir schaffen es noch problemlos in die Bahn und schnaufen erstmal zufrieden durch. An der Endhaltestelle „Edingen“ bekommen wir die Info, dass dieser Sonderzug nach jedem Eishockey-Spiel eingesetzt wird. Aha, gut zu wissen und bis zum nächsten Mal!

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Eishockey-Spiele lohnen sich in jeder Hinsicht!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Die RNV (Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft) ist lernfähig und weiß doch was Service heißt!

Ein perfekter Rollstuhlbus ist keine Selbstverständlichkeit

Ein perfekter Rollstuhlbus ist keine Selbstverständlichkeit

Grenzenlose Mobilität war früher ein Luxus-Gut, heute ist es fast schon zur Selbstverständlichkeit geworden. Obwohl heute vieles Online möglich ist, ist für fast alle Menschen das Auto nicht mehr wegzudenken. So gut wie jeder Haushalt verfügt über mindestens einen fahrbaren Untersatz. Für Menschen mit eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten ist diese Mobilität besonders wichtig. Menschen wie ich wollen unterwegs sein, die Freizeit aktiv gestalten. Da ich leider kein eigenes Fahrzeug besitze, bin ich oft auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Dabei muss ich immer mal wieder gravierende Abstriche machen. Ich berichtete bereits… 🙂 Aber auch wenn ich gefahren bzw. abgeholt werde, kommt Einiges auf mich zu. Ich habe in meinem Leben schon viele Taxis, Taxi-Busse zum Hineinfahren und eine fast unüberschaubare Menge an Taxi-Fahrern kennengelernt. Und da wären auch noch die Fahrdienstleiter und Taxi-Chefs.
Wenn ich mit meinem Rollstuhl in einem Taxi-Bus sitze, ist das nicht immer ein Vergnügen: Schweißausbrüche gehören zum Standardprogramm. Für mich ist es eine ziemliche Zumutung, wenn das Fahrzeug bei Unebenheiten stark schaukelt, da ich dann im Rollstuhl verrutsche und meine Hand nicht mehr richtig an der Steuerung liegt. Da ist es mir viel lieber, wenn der Bus hart gefedert ist und dafür nicht so stark schwankt. Es gibt nur einen Bus, den ich sofort kaufen würde, da er weder hart gefedert ist, noch stark aufschaukelt: Der VW T5. Noch besser ist freilich das Vorgänger-Modell, am besten mit ganz vielen Kilometern und schön ausgeleierter Federung: Mein absolutes Lieblingsauto. Da mein Taxi-Unternehmen, das mich immer vom Internat nach Hause gefahren hat und zum Studium ein solches Fahrzeug besaß, kam ich öfter in den Genuss, in dieser sänftenähnlichen Kutsche fahren zu dürfen. Wenn ich dieses Auto vorfahren sah, war der Tag schon fast gerettet. Dann war es sogar fast egal, welcher Taxi-Fahrer auf dem Fahrersitz saß.

IMG_0167Da wären wir bei der nächsten wichtigen Komponente des Taxi-Bus-Fahrens: Der Fahrer. Erstens ist es toll, wenn er genau weiß, wie er meinen Rollstuhl fixieren muss und dabei nicht stundenlang braucht. Zweitens ist es wichtig, dass er bei Unebenheiten etwas vom Gas geht. Drittens ist es sehr angenehm, wenn er nicht schwerhörig ist und keine Knoblauchfahne hat. Mein Favorit ist jener Fahrer, der all diese Eigenschaften vereint und dabei noch Fußball-Sachverstand besitzt. Aber das führt jetzt etwas weit vom Thema ab. Sehr wichtig ist es auch, dass der Chef des Taxi-Unternehmens auf die Wünsche von mir beziehungsweise seines Kunden eingeht. Das fängt bei der Freundlichkeit an, geht über den Einsatz der Fahrer und hört bei der Flexibilität der Fahrzeiten auf. Mein absoluter Alptraum war H. Schäfer vom Roten Kreuz Heidelberg: Schon beim ersten Anruf war seine Unfreundlichkeit nicht zu überbieten: „Schäääfffer! Es ist Freitag 16:05 Uhr, sie können doch jetzt keine Fahrt mehr anmelden, das müssen Sie doch wissen!!!“ Das ist Service denke ich mir in diesem Moment und lege einigermaßen perplex wieder auf. Wenn man dann noch Fahrten absagt oder Uhrzeiten ändert, das Taxi aber trotzdem kommt und man dafür zusammengefaltet wird, hört es mit dem Spaß ganz schnell auf. Gott sei Dank bin ich mittlerweile umgezogen und fahre mit einem anderen Taxi-Unternehmen. Auch da ist nicht alles Gold was glänzt, aber ich werde zumindest nicht wie der größte Bittsteller behandelt, der um jede Fahrt kämpfen muss. Als das Taxi kürzlich über eine halbe Stunde zu spät kam und ich dadurch mein Bewerbungsgespräch verpasst habe, ist mir mal wieder klar geworden, wie abhängig wir ohne eigenes Auto sind. Da ist es doch eine feine Sache, wenn wir als Rolli- und E-Rolli-Fahrer die Möglichkeit haben, ein Auto zu kaufen, beantragen oder zusammen mit anderen benutzen zu können.

Paravan 2Bei umgebauten und angepassten Behindertenfahrzeugen bzw. Rolli-Bussen gibt es allerdings viele Details, die beachtet werden müssen. Klar finde ich es genial, dass mein Pflegedienst nun einen Rollibus hat, den ich kostengünstig benutzen kann. Und klar ist es auch logisch, dass er aus Kostengründen nicht alle Ausstattungsfeatures aufweisen kann. Allerdings – eine Klimaanlage hätte es schon sein dürfen, gerade für Menschen mit Mobilitätseinschränkung ein absolutes Muss! Noch viel mehr zu beachten gibt es, wenn ein Fahrzeug für den Rollibedarf umgerüstet werden soll. Auf diesem Gebiet hat sich unter anderem die Firma PARAVAN aus dem beschaulichen urschwäbischen Pfronstetten-Aichelau bei Albstadt einen tollen Ruf erarbeitet. Das Unternehmen wirbt mit komplettem Kompletter Rundum-Service, der jedes Detail auf die individuellen Bedürfnisse der Kunden abstimmt. Zahlreiche Anerkennungen wie der Deutsche Unternehmerpreis sprechen eine deutliche Sprache. Die Verleihung nahm der Harvard Clubs of Germany der weltberühmten Eliteuniversität Harvard in Boston, USA, vor. Auch ich selbst konnte mich schon persönlich von der Qualitätsarbeit der Firma überzeugen, als ich mit dem umgerüsteten PARAVAN-Bus meines Kumpels eine Fahrt über schlechte Straßen in den Odenwald machte. Kürzlich bin ich auf eine coole Aktion des Autoumrüsters gestoßen. Beim Programm „Friends and Fans“ kann sich jeder Interessierte kostenlos registrieren und hat auch noch was davon. Wie geht das? – Ihr empfehlt einfach Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit passende Fahrzeugumbauten, mitdenkenden Autositze und E-Rollstühle usw. von PARAVAN. Vielleicht könnt ihr Menschen mit Handicap so einen entscheidenden Tipp geben, ihr profitiert nebenbei als Werber von lukrativen Gutschriften, die ihr mit Einkäufen bei der PARAVAN World verrechnen könnt. Wenn ihr genau wissen wollt, wie es im Detail funktioniert, schaut euch einfach folgendes Video an.

Letztlich ist es entscheidend, dass die individuellen und oft sehr unterschiedlichen Bedürfnisse berücksichtigt werden und es einfach Spaß macht, zu fahren. Dazu gehört auch ein erträglicher und günstiger Einstieg über eine stabile Rampe, die breit genug und nicht zu steil ist. Am komfortabelsten und am wenigsten nervenaufreibend funktioniert das natürlich mit einer zugegebenermaßen recht luxuriösen elektrischen Rampe. Aber in der Regel bin ich schon überaus glücklich, wenn sich mein Rollstuhl gut befestigen lässt und ich keinem Sicherheitsrisiko ausgesetzt bin. Mir ist schon so manche Notlösung untergekommen, wie zwei Holzleisten im Bus, auf die ich drauffahren musste, um nicht mit dem Unterboden aufzusetzen. Bei der nächsten scharfen Kurve bin ich natürlich heruntergerutscht… Wenn die Fahrer dann am Ende der Fahrt noch gut gemeinte Ratschläge, wie ich am besten rückwärts aus dem Bus herausfahren soll, nervt das extrem. Denn ich weiß sehr wohl, dass ich geradeaus fahren muss, nur ist es nicht immer so einfach, dies mit meiner sensiblen Steuerung umzusetzen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Ein komfortabler Taxibus ist cool, ein individuell angepasstes Rollstuhl-Fahrzeug noch viel cooler.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Gut zuhören ist die halbe Miete!

Die Leiden eines Texters

Heute, Dienstag 19 Uhr, bald ist es Zeit, zur Straßenbahn zu fahren. Ich möchte wieder zum allwöchentlichen Filmabend mit meinen Kumpels, worüber ich schon berichtet habe. Plötzlich bekomme ich einen Anruf und es ist mein Kumpel. Er sagt mir leider schon wieder ab: Es ist echt blöd, aber er ist immer noch erkältet und nicht in der Stimmung, Filme zu schauen. Der arme Kerl, das geht jetzt schon vier Wochen so und es ist kein Ende in Sicht. Auch wenn er kein Gemüse mag und meiner Meinung nach viel zu wenig Vitamine zu sich nimmt, tut er mir jetzt leid.

Burnout4Dieses Mal finde ich es auch richtig schade, obwohl ich auch einiges zum Schreiben habe. Meinen Zeitplan habe ich heute schon mehrfach über den Haufen geworfen und jetzt konterkariere ich ihn nochmal. Anstatt mir eine Pause zu gönnen, bleibe ich am Bildschirm sitzen, mit der Absicht, noch kurz an einem angefangenen Text zu feilen. Aus kurz wird allerdings drei Stunden und mein Vorsatz, abends nicht mehr soviel zu arbeiten, löst sich in Schall und Rauch auf. Meine Helferin ist nicht überrascht, da sie es schon lange aufgegeben hat, an die Richtigkeit meiner Zeitansagen zu glauben. Aber so ist das halt, wenn man es als Freier Texter nicht schafft, die geistige Kreativphase des Vormittags ausschließlich zum Arbeiten zu nutzen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Verlasse dich nie auf deinen persönlichen Zeitplan.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Freie Texter im E-Rollstuhl wissen nicht, wann der Feierabend beginnt.

MAIK 2013 – Klappe die Dritte: Beatmungskongress als echter Zugewinn!

Als ich morgens aufwache, gehe ich im Bett meinen Vortrag im Kopf noch einmal durch und bin überrascht, wie gut es funktioniert. Frohen Mutes höre ich mir noch einen Vortrag von einem mutigen Menschen an, der mit ALS lebt, einer wirklich krassen Krankheit. Der Abbau von Körperfunktionen geht in einem wahnsinnig hohen Tempo voran. Das, was ich in 25 Jahren durchgemacht habe, musste er in fünf Jahren über sich ergehen lassen, denke ich mir. Nicht dass ich an dieser Stelle Mitleid schüren möchte, nachdenklich macht es mich trotzdem. Aber von den Tücken der ALS lässt sich dieser Mann nicht aufhalten, er macht das Beste aus seinem Leben und hat clevere Lösungen für manches Alltagsproblem gefunden. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Inklusion ALS-Kranker voranzutreiben. Und sein Hobby ist es, trotz der etwas schwierigen Begleitumstände sehr viel zu reisen. Das nötigt nicht nur Menschen ohne Behinderung, sondern auch mir ziemlich viel Respekt ab und es kann einen Lerneffekt haben. So war es jedenfalls für mich, da ich gesehen habe, dass ich die eine oder andere Möglichkeit noch gar nicht ausgeschöpft habe. Klar löst jeder seine Probleme ein bisschen anders und jeder muss letztlich seinen eigenen Weg gehen. Aber wer nur mit Scheuklappen herumfährt und vor sich „hinwurschtelt“ kommt keinen Schritt weiter. Und das Lernen sollte für mich noch weitergehen, vor allem was die Urlaubsmöglichkeiten für Schwerbehinderte angeht…

Münchener außerklinischer Intensiv Kongress November 2013

Oliver Jünke Foto: Intensive Home Care Consulting (IHCC)/Sebastian Heise

Bevor ich in den Kongresssaal fahre, wo mein Vortrag stattfindet, nehme ich auf meinem Zimmer die letzten Vorbereitungen vor. Auch meine Helferin macht sich besonders schick für den großen Auftritt 🙂 Alles klar, jetzt kann ich mich mit ihr sehen lassen 🙂 Zunächst hält meine Mitreferentin einen Vortrag über Inklusion und ihre persönlichen Erfahrungen damit. Endlich sehe ich sie einmal persönlich, zuvor haben wir nur über Facebook kommuniziert. Mein positiver Eindruck bestätigt sich, wirklich eine sehr nette Person. Dann ist da noch ein Geschwisterpaar mit Schwermehrfachbehinderung, das über ihre USA-Rundreise berichtet. Es ist der Wahnsinn, jeder im Saal ist schwer beeindruckt. Naja, den Respekt vor dem Fliegen habe ich nicht abgelegt, aber die Idee mit dem Schiff in die USA überzusetzen, finde ich äußerst reizvoll. Etwas abgefahren und ziemlich teuer, aber wieso nicht mal darüber nachdenken.

IMG_0666

Beeindruckender Vortrag Foto: Intensive Home Care Consulting (IHCC)/Sebastian Heise

Plötzlich wird mir bewusst, dass der Vortrag viel länger ging als geplant und ich weiß nun, was auf mich zukommt: Ich muss irgendwie bei den Zuschauern die Spannung aufrechterhalten und möglichst die Zeit wieder aufholen. Und es fängt schon mal gut an: Als ich mit Hinweis auf meinen Blog aufgerufen werde, ist den Zuhörern der Spaß deutlich anzumerken. Ich ziehe das Referat in „sage und schreibe“ fünfzehn Minuten durch. Und auch die Tatsache, dass sich mein selbsterstelltes Video nicht ausführen lässt, kann mich nicht aus der Bahn werfen. Ich und meine Helferin improvisieren einfach und führen den Inhalt des Videos live auf der Bühne vor. Als alles vorbei ist, bin ich schon etwas erleichtert, aber es hat vor allem großen Spaß gemacht! Danach ist nicht mehr viel geboten und ich mache mir auf dem Zimmer noch einen gemütlichen Abend.

Münchener außerklinischer Intensiv Kongress November 2013

Perfekte Vortragsassistenz Foto: Intensive Home Care Consulting (IHCC)/Sebastian Heise

Ich bin rundum zufrieden, der Kongress war ein voller Erfolg und hat mir einige neue Erkenntnisse und Kontakte gebracht. Einerseits Denkanstöße für interessante Artikel und andererseits einfach nur sehr nette persönliche Kontakte. Und das ist ja eigentlich genau das, was das Leben ausmacht. Es ist nicht entscheidend, welchen Umständen und Einschränkungen der Mensch unterworfen ist, sondern was er aus seinem Leben macht. Deshalb fand ich es schade, dass ich auf dem Kongress nur Betroffene, Pfleger, Therapeuten und Ärzte gesehen habe! Denn nicht nur mir hat es viel Mut gemacht, dass auch Menschen mit schwersten und noch größeren Beeinträchtigungen als bei mir etwas aus dem Leben machen, es positiv gestalten. Das wäre auch bei vielen Menschen ohne Behinderung so gewesen, auch wenn manch einer bei dieser Hightech-E-Rolli-Armada aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen wäre.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Menschen mit und ohne Behinderung können jeweils sehr viel voneinander lernen.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: E-Rollstuhlfahrer sind nicht gleich E-Rollstuhlfahrer.

MAIK 2013 – Klappe die Zweite: Die Begegnung mit dem „Selbstbestimmt Leben“-Papst

Von der S-Bahn-Station Rosenheimer Platz im Herzen Münchens ist es nur ein Katzensprung bis zum Kongresshotel. Es ist in eine Einkaufspassage integriert und ich fahre mit dem Aufzug zunächst alleine ins Foyer hoch. Nach wenigen Augenblicken läuft eine Frau in meine Richtung, die mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich muss grinsen und sehr erfreut stellt sie sich als „die Maria“ vor. Echt gut, kaum bin ich hier, schon treffe ich meine liebe Maria Panzer. Und natürlich gibt sie mir gleich einen heißen Tipp: „Marcel, unser Redner des Impulsreferates, Adolf Ratzka, ist auch schon da! Hefte dich an seine Fersen, er ist sehr interessant und unglaublich nett.“ Aber erst einmal angekommen, meine Helferin ist inzwischen nachgekommen und wenige Minuten später bewundern wir unser großes Doppelzimmer mit zwei großzügigen Räumen, Doppelbett, Klappsofa und noch weiteren Gimmicks. Das kann man lassen, auch wenn die Betten hoteltypisch zu niedrig sind, ebenso wie das etwas zu hohe WC. Aber mit ein bisschen Kreativität und der Routine von meiner erfahrenen Reisebegleiterin bekommen wir das locker hin. Wäre nur das Wasser nicht dauerhaft viel zu heiß gewesen… Nach der fünften Beschwerde passiert endlich mal was, aber da sind wir auch kurz vor der Abreise 🙂 Sonst geht alles klar, nur dass ich mein Referat noch nicht mal fertig habe, die Powerpoint Präsentation fehlt noch, trotz Nachtschicht vor der Abfahrt. Aber es war einfach zu viel los…

IMG_0650IMG_0654Zunächst hat es oberste Priorität, dass ich das Referat von Adolf Ratzka mitbekomme. Ich bin echt gespannt, der Mann hat viel geleistet und durchgemacht. In den sechziger Jahren an Polio erkrankt, verbrachte er fünf Jahre im Krankenhaus, da es damals noch keine rollstuhlgerechte Wohnungen in Deutschland gab. Von Inklusion konnte zu dieser Zeit noch nicht einmal ansatzweise Die Rede sein. Aber er wusste sich zu helfen, orientierte sich an der Bewegung. „Independent Living“ (IL) in den USA und schaffte schließlich den Sprung ins Studentenwohnheim in den USA mit Beatmungsmaschine und Assistenten, die er selber anstellte. Er gilt für beatmungsabhängige Menschen, die selbstbestimmt leben wollen, als großes Vorbild – seit dem MAIK 2013 gehöre auch ich zu seinen großen Fans. Ich schaffe es wie zu erwarten nicht ganz pünktlich zum Vortrag. Im großen und gut gefüllten Saal höre ich die leise Stimme eines älteren Mannes im Rollstuhl, neben ihm der Behindertenbeauftragte Münchens und Maria Panzer. Zum Glück bekommen die Techniker das Mikrofon bald in den Griff und ich verstehe Dr. Ratzka bestens. Ich merke sofort: der Mann ist mal sowas von sympathisch und bodenständig, gleichzeitig aber auch sehr zielstrebig. Immer mal wieder streut er einen witzigen Spruch ein. Und das wichtigste dabei: er ist total authentisch. Noch während dem Vortrag fasse ich den Entschluss, dass ich mir diesen Mann nicht entgehen lasse. Ich spreche ihn nach der Veranstaltung sofort an und er findet es sehr spannend, wie ich mein „selbstbestimmtes Leben“ organisiere bzw. wie das Prinzip Individualhilfe funktioniert. Wir parken unsere E-Rollis genau nebeneinander, damit wir uns verstehen, echt cool, wie zwei Kumpels 🙂 Im Anschluss an unser Gespräch frage ich ihn, ob er mir seine Kontakt-E-Mail-Adresse gibt. Ohne zu zögern nennt er mir sie und fügt noch hinzu: „Ich bin übrigens der Adolf!“ Ich bin begeistert! Voller Enthusiasmus fahre ich schnell auf mein Zimmer und bastle eifrig an meinem Referat weiter, meine Multifunktionshelferin ist ebenfalls fleißig.

Münchener außerklinischer Intensiv Kongress November 2013

Dr. Adolf Ratzka. Foto: Intensive Home Care Consulting (IHCC)/Sebastian Heise

Ich werde natürlich nicht ganz fertig, obwohl mir meine Helferin das Essen vom reichhaltigen Buffet aufs Zimmer bringt. Schnell lasse ich mir das Menü reinschaufeln, ruhe mich mehr schlecht als recht aus und starte zum Vortrag meines geschätzten Arztes und Pneumologen Matthias Wiebel aus der Thorax-Klinik Heidelberg. Ein toller Mann, der die Selbstbestimmung der Patienten zu seiner obersten Maxime gemacht hat und der Meinung ist, dass es für jeden Patienten eine individuelle Lösung gibt. Dann kommt Lars Burde  aus Mannheim, der schon länger das Arbeitgebermodell praktiziert. Er beamt sich mit seinem Rollstuhl-Sitz nach oben und beginnt mit seinem Vortrag. Klar strukturiert, informativ, anschaulich und mit Witz. Sein Beatmungsschlauch verläuft über einen extra dafür angefertigten Arm direkt bis an seinen Mund. Der Clou: am Ende des Schlauches ist lediglich ein Babynuckel mit einem Loch befestigt, durch das er über den Mund dann Luft holt, wenn er sie braucht. Nach dem Vortrag spreche ich zunächst mit meinem Arzt, einer weiteren Persönlichkeit der „Selbstbestimmt Leben-Bewegung“ und danach mit dem Referenten. Er ist sehr nett und gibt mir einige Auskünfte. Natürlich verpasse ich es nicht, mir seine E-Mail-Adresse geben zu lassen. Mit Sicherheit ein guter Kontakt, denn Lars hat viel Erfahrung in Sachen Alltagsassistenz und Integration auf dem Arbeitsmarkt.

Münchener außerklinischer Intensiv Kongress November 2013

Dr. Wiebel. Foto: IHCC/Sebastian Heise

IMG_0679

                                                                                                                                              Danach ist es sehr spät, das angekündigte „Get together“ geht schon in einer Stunde los, also bleibt nicht mehr viel Zeit. Dennoch beschließe ich, nochmal kurz aufs Zimmer zu fahren und meinem Vortrag den letzten Schliff zu verpassen. Die Party wird ja wohl nicht schon nach einer halben Stunde wieder vorbei sein… Als ich später dazu stoße geht der Punk ab, einige Rollis und vor allem E-Rollis sind am Start, ich verstehe mein eigenes Wort nicht mehr. Natürlich spielt auch eine Band und zur Begeisterung aller gibt der Kongresspräsident Chrisoph Jaschke an der E-Gitarre sein Bestes. Nachdem das Spektakel vorbei ist, führe ich noch einige interessante Gespräche, der Spaß steht dabei im Vordergrund. Gut gelaunt und ziemlich müde falle ich ins Bett, bevor es am nächsten Tag zum großen Showdown kommt.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Konzentriere dich auf die interessanten Persönlichkeiten!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Menschen mit vierrädrigem Unterbau haben meist viel Lebenserfahrung und einige gute Tipps auf Lager!

MAIK 2013 – Klappe die Erste: Der Fluch der Öffentlichen Verkehrsmittel

Es geht mal wieder auf Städtetour, aber diesmal etwas anders. Ich bin mehr oder weniger geschäftlich unterwegs und mache das, was Journalisten und Autoren ständig tun müssen: Kontakte knüpfen! Das Helferinnen-Dreamteam von Berlin ist gesprengt, für drei Nächte wird gerade noch eine Helferin mit mir fertig. Ich bin als Referent zum Münchner außerklinischen Intensiv Kongress (MAIK), einem Beatmungskongress eingeladen. Ich werde über die Möglichkeiten, den Alltag mit dem Beatmungsgerät zu gestalten, sprechen. Ermöglicht hat mir die Teilnahme der Kontakt zur lieben Pressesprecherin Maria Panzer vom Veranstalter, dem Beatmungsservice Intensive Home Care Consulting GmbH (IHCC). Grund ist mein Blog! Ich hatte nämlich angefragt, ob ich diesen in der von ihr redaktionell betreuten Zeitschrift der IHCC, „Gepflegt Durchatmen“, vorstellen kann. Sie war gleich sehr interessiert und mittlerweile ist sie ein großer und bekennender Fan meines Blogs. Und auch wenn sie das jetzt bestimmt nicht lesen möchte, aber die Frau ist einfach Spitze! Immer erreichbar, von ihr kommt immer sofort eine Antwort und sie hat mir gleich einige Tipps gegeben, um jobtechnisch weiter zu kommen. Als sie mich gefragt hat, ob ich auf dem MAIK referieren möchte, habe ich deshalb keine Sekunde gezögert.

Und im November ist es dann soweit, ich darf mal wieder nach München, in die Stadt mit den begnadetsten U- und S-Bahnfahrern. Zunächst gilt es, den Aufzug zur S-Bahn zu finden, was gar nicht so einfach ist. Die erste große Herausforderung wartet allerdings noch auf uns: Als die richtige Bahn einfährt, schaue ich – was ich mir in Heidelberg zwecks Nervenschonung schon länger abgewöhnt habe – wie gebannt auf den Abstand zwischen Bahnsteig und S-Bahn. Er ist ziemlich groß und ich zögere eine gefühlte Minute, bevor ich mich entscheide, hineinzufahren. Inzwischen hatte der ungeduldige Fahrer nichts Besseres zu tun, als mindestens drei Mal die Türe zuzuschlagen. Meine Helferin wird fast zerquetscht. Ich warte auf den nächsten Moment, in dem die Türe aufgeht und gebe vorsichtig Gas, sofort packen zwei hilfsbereite Menschen mit an. Natürlich donnert die Türe einmal kräftig gegen den Rollstuhl und eine wütende bayrische Stimme prustet etwas durchs Mikrofon. So, geschafft, ich bin drin, durchgesetzt gegen alle Widerstände  Aber jetzt kommt der Hammer: Der Fahrer macht eine Durchsage in äußerst flapsigem Ton: „So, dieser Spaß hat uns jetzt drei Minuten gekostet, aber is ja egal, ich bekomm es sowieso bezahlt!“ … Ich bin fassungslos über so viel Dreistigkeit und Diskriminierung allererster Güte, einige Fahrgäste schütteln den Kopf. Ein Paradebeispiel, wie weit wir in Deutschland noch von der Verwirklichung der Inklusion entfernt sind … vor allem in manchen Köpfen!
Naja, ganz schuldlos an dem Desaster bin auch ich nicht. Denn wie ich mir vom Behindertenbeauftragten Münchens sagen lasse, müssen wir Rollstuhlfahrer einfach immer ganz nach vorne fahren zum Fahrer. Der legt dann eine Klapprampe an. Aber nur wenn er keinen Zeitdruck hat und nicht gerade schlechte Laune … 🙂

StraßenbahnNachdem wir im Hotel eingecheckt haben, verabrede ich mich mit einem alten Helfer, der in München studiert. Da alles etwas länger dauert, muss ich die ausgemachte Zeit zweimal korrigieren. Dann sind wir endlich in der Bahn, aber als wir am Marienplatz aussteigen wollen, ist der ominöse Spalt viel zu groß. Wir fahren eine Station weiter, steigen aus und entdecken zu unserer großen Freude, dass kein Aufzug vorhanden ist. Also, noch mal eine Station weiterfahren bis zum Hauptbahnhof. Mein alter Helfer muss nicht nur eine Zeitverzögerung in Kauf nehmen, er muss auch kurzfristig zu einem anderen Treffpunkt kommen. Immerhin war es dann ein gemütlicher Abend und die Aufregung schnell vergessen. Bei der Heimfahrt haben wir im Vorlauf in weiser Voraussicht und als gebrannte Kinder genügend Zeit eingeplant. Kurz bevor wir am Münchener Hauptbahnhof aus der S-Bahn steigen, ertönt in der Bahn eine Ansage, die uns völlig verwirrt: „Bitte rechts aussteigen, die Aufzüge befinden sich in Fahrtrichtung links.“ Wie bitte?? Genau das haben wir uns in diesem Moment auch gefragt. Die Erklärung ist banal, denn in München können die Fahrgäste entweder von links oder rechts in die S-Bahn ein- und aussteigen. Leider entscheiden wir uns für die falsche Seite ohne Aufzug, wäre ja auch zu schön gewesen. Wir warten auf die nächste Bahn, um dann durch diese hindurchzufahren, damit wir auf die andere Seite kommen. Gar nicht so einfach mit Klostuhl und viel Gepäck. Fast schon erleichtert kommen wir am Bahnsteig an und dürfen uns zur Belohnung anschnauzen lassen, dass wir ja viel zu spät dran seien. Seit diesem Moment weiß ich ganz sicher, dass ich nächstes Mal mit dem Kleinbus nach München fahren werde.
Ach ja, fast vergessen, ich war ganz nebenbei auch noch auf dem MAIK, einer grandiosen Veranstaltung! Aber davon berichte ich dann in Teil zwei.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: In München brauchst du Helfer/Innen mit sehr guten Nerven!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Merke: Sei froh, dass du nicht mit dem E-Rollstuhl Öffentliche Verkehrsmittel nutzen musst.

Inklusion: Unwort des Jahres

Bevor das neue Jahr richtig losgeht, möchte ich noch einmal ein Schlaglicht auf das vergangene Jahr werfen. Schon ein paar Jahre ist uns Deutschen die Inklusion ein Begriff. Vergangenes Jahr scheint „Inklusion“ endgültig zum Lieblingsthema vieler Entscheidungsträger in Gesellschaft, Politik und Selbsthilfe geworden zu sein. Allerdings – es ist kaum zu glauben – manche Menschen wissen tatsächlich immer noch nicht, was Inklusion eigentlich bedeutet. Deshalb an dieser Stelle eine kurze Nachhilfe: Inklusion besteht dann, wenn alle! Menschen ganz selbstverständlich in die Gesellschaft mit eingeschlossen sind. Heißt im Klartext, dass die Gegebenheiten im Alltagsleben für die Bedürfnisse von behinderten Menschen geeignet sind und die Bürger ihre Mitmenschen mit Behinderung als normale Partner ansehen und sie ernst nehmen. Der Idealfall wäre, wenn die Umwelt und der Lebensraum so barrierefrei gestaltet sind, dass die Heterogenität der Menschen gar nicht mehr relevant ist.

Traurig also, wer davon noch nichts mitbekommen hat! Aber viel schlimmer sind die Leute, die ständig davon reden, aber nicht danach handeln. Das gilt vor allem für unsere Politiker, die sich oft inflationär solcher Schlagwörter bedienen. Den Begriff „Inklusion“ kann langsam kein Mensch mehr hören! Taten sind gefragt, was angesichts einiger Negativbeispiele durchaus anzuzweifeln ist:

cdu.jpg w=584Da wäre unter anderem Merkels Ansprache zum Tag der Menschen mit Behinderung, worin sie betont, dass wir eine Gesellschaft sein sollen, die Menschen mit Behinderung nicht behindert. Das gilt allerdings auch für den Staat und genau darin liegt oft das Problem. Gesetze, die beispielsweise verhindern, dass Menschen mit Assistenzbedarf etwas ansparen dürfen und im Falle einer Ehe den Partner maßgeblich zur Kostendeckung der Pflege heranziehen, bewirken das glatte Gegenteil. Den eher geringen Stellenwert der Inklusion für die Politik verdeutlicht die Tatsache, dass die Besetzung des Behindertenbeauftragten der neuen Regierung nur zweitrangig war. Bei den Koalitionsverhandlungen in Hessen haben es die Verhandlungspartner nicht einmal geschafft, einen Behindertenbeauftragten festzulegen, es wird lediglich als Option gesehen.

2-format4Die Diskrepanz zwischen „davon sprechen“ und „umsetzen“ wird auch am Beispiel des Fernbusses, Deutschlands neuem Bahn-Ersatzverkehrsmittel Nummer eins deutlich. Auf Betreiben des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) wurde in letzter Minute eine Klausel in das Personenbeförderungsgesetz übernommen, die eine barrierefreie Ausstattung aller ab 2016 neu zugelassenen Fernbusse und ab 2019 aller eingesetzten Fernbusse vorsieht. Bei den momentanen Regelungen gibt es freilich erhebliche Lücken, und sowohl Selbsthilfeverbände als auch Busanbieter bemängeln, dass der Gesetzgeber keine klaren Mindeststandards oder Richtlinien definiert. Auf der anderen Seite gibt es Lichtblicke: So hat der ADAC mit dem Postbus den ersten Vorstoß gewagt und setzt seit November 2013 auf der Strecke Hamburg – Berlin in einer Versuchsphase insgesamt sieben Fernbusse ein, die mit Rollstuhlsitzplätzen und einer Rollstuhlrampe im vorderen Einstiegsbereich ausgestattet sind. Sogar die Deutsche Bahn mischt mit: Sowohl bei den beiden Busbetreibern Haru und BEX innerhalb des BerlinLinienBus als auch beim IC Bus, bei denen sie beteiligt ist, werden bereits jetzt erste rollstuhlgerechte Fernbusse eingesetzt. Die fehlenden rollstuhlgerechten Toiletten kompensieren die beiden Linienbetreiber durch Halte an Raststätten mit rollstuhlgerechten Toiletten. Die Fahrer sind dazu angehalten, beim Ein- und Ausstieg sowie beim Aufsuchen der WCs behilflich zu sein. Wir sehen also, dass es geht und Inklusion in einigen Köpfen schon angekommen ist. Bus_02.jpgBis zu einer vollständig inklusiven Gesellschaft bleibt jedoch noch sehr viel zu tun. An vielen Stellen hakt es noch gewaltig, ABER! – da muss ich Kanzlerin ausnahmsweise mal recht geben – es hat sich schon Einiges getan und es gab im letzten Jahr viele positive Ansätze. Man denke nur an die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention in Baden-Württemberg. Der Behindertenbeauftragte hat die Basis – Menschen mit Behinderung, ihre Angehörigen und Freunde sowie Selbsthilfevereine und -verbände – in vier Regionalkonferenzen (marcel-gibtgas berichtete) angehört, damit die Politik ihre Anregungen in zukünftige Entscheidungen mit einbeziehen kann. Selbsthilfeverbände in Deutschland haben bereits viel bewirkt, indem sie immer wieder öffentlich unermüdlich auf bestehende Mängel hinweisen und somit viel Druck auf die Politik ausüben. Klar können auch sie keine Wunder vollbringen und in vielen Bereichen gibt es noch Nachholbedarf, wenn ich nur an den öffentlichen Nahverkehr denke. Auch wenn wir mit Blick auf manch andere Länder auf hohem Niveau jammern. Inklusion_Logo_weiss_396x274Die wichtigste Aufgabe fürs neue Jahr besteht weiterhin darin, dass die Menschen ihre Barrieren im Kopf beseitigen, welche der Inklusion im Wege stehen. Die Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderung gehören ausgeräumt. Genauso die Befürchtungen, die viele Mitmenschen davon abhalten, sich auf ihre Mitmenschen mit Behinderung einzulassen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Ärgere dich nicht so sehr, wenn über Inklusion lediglich gesprochen wird. Freue dich vielmehr über die Dinge, die schon inklusiv sind und setze dich mit deiner ganzen Persönlichkeit für mehr Inklusion ein!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Jeder kann etwas zur Inklusion beitragen; es spielt keine Rolle, wie groß dieser Beitrag ist, er bewirkt etwas!