Teil 6: Wehe wenn der Zug ausfällt…

Für die Abreise ist alles klar und alles fertig gepackt, sodass wir uns recht entspannt Richtung Bushaltestelle bewegen. Wir genießen noch mal eine kurze Fahrt mit dem Bus durch die Straßen von Barcelona bei strahlender Sonne und sind echt traurig, dass es schon wieder nach Hause geht. Dafür Läuft alles nach Plan, wir sind super pünktlich am Bahnhof und wollen uns für den Einlade- Service in den Zug anmelden. In dem Moment kommt eine Bahn-Mitarbeiterin geradewegs auf uns zu und redet in spanischer Sprache vehement auf uns ein. Eine Assistentin von mir, die gut spanisch spricht, verzieht das Gesicht und sagt uns das Unvermeidliche: Die Frau hat uns gerade mitgeteilt, dass der Zug ausfällt…!! Ich brauche einen Moment bis ich es realisiere und bin erst mal kurz geschockt. Ich kann es nicht glauben, aber jetzt hat uns der Streik der französischen Bahn doch noch erwischt, verdammter Mist 🙁 Wir werden ins Reisezentrum der spanischen Bahn geschickt, wo man uns informieren will, wie es weitergeht. Meine spanisch sprechende Assistenten macht einem Mitarbeiter deutlich, dass die Zeit drängt. Da wir sicher den Anschlusszug in Paris verpassen werden, müssen wir uns zumindest für eine weitere Nacht eine Unterkunft organisieren – in Barcelona oder Paris. Wir warten eine gefühlte Ewigkeit und schauen gebannt auf drei Bahnmitarbeiter hinter einem großen Bildschirm, die sich gerade wegen dem Zugausfall die Köpfe heißreden.

Dann endlich kommt einer der Mitarbeiter auf uns zu und erklärt uns, dass höchstwahrscheinlich zwei Stunden später ein weiterer TGV fährt. Mir ist das zu unsicher und ich rufe meinen Vater an. Er hat einen französischen Kollegen, der sich für die Kommunikation mit der französischen Bahn bestens eignet. Die Antwort ist ernüchternd: Die französische Bahn kann nicht bestätigen, dass heute ein weiterer TGV fährt und empfiehlt, erst zwei Tage später zu fahren. Das ist schlicht unmöglich, da auch meine Assistentinnen mal eine Pause brauchen und eigentlich schon verplant sind. Von der deutschen Bahn erfahren wir ebenfalls, dass kein Zug mehr fährt. Wir sind bedient und am schlimmsten ist die Ungewissheit.

der Stress hat Spuren hinterlassen 🙂

Aber es hilft ja nichts und wir bereiten uns auf den Ernstfall vor. Bei der Unterkunft in Barcelona fragen wir an, ob wir theoretisch länger bleiben können. Das würde gehen, aber wir präferieren eher die Lösung, eine Nacht in Paris zu bleiben. Unsere Nerven sind ganz schön angespannt und wir versuchen, uns vor dem Bahnhofsgebäude etwas abzulenken. Das gelingt nicht wirklich gut und ich mache fast einen Unfall, indem ich eine hohe Bordsteinkante übersehe und meinem Rollstuhl fast zum Umkippen bringe.

Ein ungeplanter Zwischenstopp in Paris kann sich lohnen

Die Lösung mit Zwischenstopp in Paris ist zwar nicht ideal, aber als wir die Gewissheit haben, dass der Zug tatsächlich fährt, sind wir sehr erleichtert. Bleibt nur noch eine Sorge: Wo schlafe ich in Paris? Ich schreibe meinem Papa eine Nachricht, dass uns der französische Kollege noch mal helfen muss. Nach einer Stunde kommt die erlösende Nachricht: Ein Doppelzimmer ist für uns reserviert im Holiday Inn, genau gegenüber vom Gare de l’Est. Das ist sozusagen die Rettung, da ich am nächsten Tag sehr früh am Bahnhof sein muss. Dann sind die Chancen höher, dass ich noch einen Rollstuhlplatz bekomme. Die Bahn kann mir denselben für so eine kurze Vorlaufzeit leider nicht garantieren, sodass ich einfach Glück haben muss.

In Paris dauert es noch ganz schön lange, bis ich ausgeladen werde, aber sonst läuft alles ganz gut. Im Hotel lasse ich mich allerdings ziemlich entkräftet ins Bett legen und setze mich nur für einen kleinen Snack noch mal in meinen Rollstuhl. Mittlerweile sind wir wieder erstaunlich entspannt und genießen die Aussicht aus unserer „Spontan-Residenz“ auf den Bahnhof. Plötzlich klingelt mein Handy und mein Papa ist dran: „Wo seid ihr denn?“, Ich: „Naja, im Holiday Inn“, mein Papa: „Schon klar, ich meine in welchem Stock, ich stehe unten!“ Wie genial ist das denn, mein Papa ist öfter geschäftlich in Paris und diese Woche ist natürlich Paris-Woche. Ein Teil der Familie trifft sich also mal eben spontan in Paris 🙂 🙂 🙂 Wir haben ein „Riesen-Hallo“ und es gilt natürlich nur ein Thema. Außerdem bekommen wir noch ein paar Insider-Tipps, auf was wir am nächsten Morgen am Bahnhof achten sollen.

Da wir nur über die Straße müssen, sind wir am nächsten Morgen tatsächlich überaus pünktlich im Bahnhofsgebäude. Da wir eine Bestätigung der spanischen Bahn zu dem Zugausfall haben, läuft alles problemlos. Bei der Servicestelle für Menschen mit Behinderung kümmert man sich sofort um uns. Wir bekommen sogar noch einen Hinweis, wo ich mir die Unkosten für den Zwischenstopp lassen kann. Dann bringt uns der gute Mann schon ans Gleis zum bereits wartenden Zug, das Ende unserer Odysee nähert sich tatsächlich dem Ende. Nur der Zugführer scheint etwas dagegen zu haben. Er hat ernste Bedenken, mich mitzunehmen, „da Sie ja in Mannheim nicht mehr aussteigen können“. Er macht sich große Sorgen, dass sich das Zugniveau zu weit unterhalb vom Bahngleis befindet und ich die Schräge kaum überbrücken kann. Zum Glück kann ich ihn beruhigen: „Das ist kein Problem, in Karlsruhe war die Situation genauso und mein Rollstuhl hat es locker gepackt!“ Dann geht die Fahrt los und wenige Stunden später ziemlich zu Hause.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Kühlen Kopf bewahren, wenn der Zug ausfällt! Irgendwie kommt man immer ans Ziel – auch im E-Rollstuhl

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Liebe Bahnangestellte: Lassen Sie am besten den E-Rollstuhlfahrer selbst entscheiden, wo er es sich zutraut, auszusteigen.

Was danach geschah:

Zuhause ließ ich die erlebten Eindrücke sacken. Eine Woche später arbeitete ich die ganze Sache auf und stellte einen Antrag bei der französischen Bahn, um die Unkosten durch den Streik ersetzt zu bekommen! Dann stellte ich einen Antrag beim Servicecenter Fahrgastrechte der Deutschen Bahn. Obwohl ich das PDF-Formular sehr sorgfältig ausfüllte und alle Kopien selbiger Tickets mit schickte, war die Antwort sehr ernüchternd. Das Servicecenter hatte jeweils nur die Zeitverzögerung der Einzelstrecken berücksichtigt und nicht die der Gesamtstrecke bzw. Gesamtreise, bei der die Zeitverzögerung bekanntermaßen einen Tag betrug!! Ich ärgerte mich aber nur kurz und beschloss, nicht aufzugeben. Ein Anruf beim Servicecenter fahrgastrechte brachte mir zwar nicht ein, aber ich bekam den Tipp, den Fall bei der Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr e.V. einzureichen. Das zog zwar ein weiterer bürokratischer Akt nach sich, dafür würden sich jetzt Rechtsexperten damit befassen. Das Schlichtungsverfahren ist zwar kostenlos, man muss jedoch mit einer sehr langen Wartezeit rechnen. In meinem Fall hat sich das Warten mehr als gelohnt, da ich tatsächlich die Hälfte des Preises für die Rückfahrt gut geschrieben bekam.

Außerdem war es mir ein Anliegen, der Deutschen Bahn ein Feedback zur Reiseorganisation zu geben. Die Mobilitätszentrale leitete meine Anfrage an den Kundendialog weiter und ich bekam tatsächlich eine sehr höfliche und sachdienliche Auskunft. Meine Anmerkungen zur Verbesserung wurden dankend angenommen und es wurde mir versprochen, dass die deutsche Bahn diese Defiziten verbessern möchte. Na dann mal schauen, die nächste Reise folgt bestimmt… Zumindest ist es sehr erfreulich, dass Kritik angehört und an Verbesserungen gearbeitet wird.

Wichtige Links:

Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr e.V.: https://soep-online.de/index.html

Servicecenter Fahrgastrechte: https://www.fahrgastrechte.info/Fahrgastrechte-Info-Ein-Service-der-Eisenbahnverkehrsunternehm.6.0.html

https://www.bahn.de/p/view/service/auskunft/fahrgastrechte/fahrgastrechte_schlichtung.shtml

Reklamation Französische Bahn: svcservicereclamation@sncf.fr

Teil 5: Spaß muss sein- Mit dem E-Rollstuhl auf den Sandstrand

Der Strand von Barcelona darf auf keinen Fall bei meiner Reise fehlen. Es ist ein würdiger Abschluss meines Aufenthalts. Nach dem Besuch im Meerwasser-Aquarium sind wir bereits am Hafen von Barcelona. Wir bestaunen einige Luxusyachten, vor allem diejenige mit Hubschrauberlandeplatz -verrückt wie viel Luxus Mensch braucht… Dann lege ich noch einige 100 m am Hafen zurück, irgendwann beginnt die Strandpromenade, an der zahlreiche Verkäufer Schmuck, Tücher und sonstige Kleinigkeiten an den Mann bzw. die Frau bringen wollen. Um schneller an den Sandstrand zu gelangen, nehmen wir eine Abkürzung durch ein kleines Stadtviertel, in dem man die Meeresluft regelrecht einatmen kann … Wenig später erblicken wir nur noch Sand und Meer. Über einen Weg aus Holzpaneelen gelange ich auf dem Strand näher ans Meer. Ich fahre weiter bis ans Ende des Weges und habe sofort nur noch einen Gedanken: Einmal möchte ich auf dem Sand mit meinem E-Rollstuhl ein paar Pirouetten drehen.

Mithilfe meiner Assistentin fahre ich ganz vorsichtig den Absatz von den Holzpaneelen herunter und stehe auf Sand. Mit ein bisschen Anschubhilfe nehme ich Schwung auf und die Fahrt geht los. Es funktioniert erstaunlich gut und am besten ist es, wenn ich nicht abstoppe. An einer Stelle, wo der Sand etwas weicher ist, fahre ich eine Kurve und mache ein bisschen langsamer-eine schlechte Kombination 🙂 ein Hinterrad meines Rollstuhls dreht durch. Aber mit vereinten Kräften schaffen es meine Assistentinnen, dass der Rollstuhl weiterfährt. Nach dem dritten Mal „Stecken Bleiben“ ist Schluss mit lustig!

Genug habe ich aber immer noch nicht und fahre weiter an der Strandpromenade entlang, die jetzt wie eine topfebene Rennbahn vor mir liegt. Ich reize es voll aus und mir wird witzigerweise genau jetzt das erste Mal bewusst, dass mein Rollstuhl viel schneller läuft wie gedacht – ich bin begeistert. Scheinbar hat es der Rollstuhlhersteller gut mit mir gemeint und die mögliche Höchstgeschwindigkeit des Motors nicht gedrosselt. Ein paar Meter weiter gelange ich dank einer breiten und nicht besonders steilen Rampe problemlos von der Promenade bis auf den Sandstrand hinunter. An dieser Stelle ist es bis direkt ans Meer geteert und ich genieße es in vollen Zügen. Kurz bevor wir den Heimweg in Angriff nehmen wollen, treffe ich einen netten E-Rollstuhlfahrer aus Belgien. Es stellt sich heraus, dass er dieselbe Erkrankung wie ich hat und um einiges jünger ist. Als wir uns verabschieden, erzählt er mir noch von seinem Stadionsbesuch beim FC Barcelona und ich bin ehrlich gesagt etwas neidisch. Schade, dass ichdieses Highlight verpasst habe. Allerdings bin ich noch ganz beschwingt von meiner Strand-Tour und freue mich auf meinen letzten Barcelona-Abend.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Mit dem richtigen E-Rollstuhl ist auch die Fahrt auf Sand möglich. Für Risiken und Nebenwirkungen übernehme ich keine Verantwortung.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Die Strandpromenade und der Strand von Barcelona sucht dringend Nachahmer 🙂

Fotos: David Schäfer und privat

Teil 4: Barcelona und noch viel mehr

In der Stadt gab es natürlich unzählige schöne Dinge und Unternehmungen, die wir zur Auswahl hatten. Von wunderschönen Gebäuden, über die berühmteste Promenade Barcelonas „Las Ramblas“ und den Strand bis hin zu vielen schönen Parks und Grünflächen mit musizierenden Menschen ist in dieser Stadt alles dabei. Dieses entspannte Flair inspirierte uns mehrmals zu einem gemütlichen Picknick und Chill-Out. Gut essen ist im Land der Paella ebenfalls überall möglich, unter anderem gibt es auch diverse rollstuhlgerechte Restaurants. Speziell am bedeutendsten Architekt Barcelonas, Antoni Gaudí , kamen wir nicht vorbei und das war auch gut so. Denn die von ihm maßgeblich geprägte Kirche Sagrada Familia ist schlichtweg atemberaubend und kaum in Worte zu fassen. Mehr interessante Infos zur Kathedrale und deren Besichtigung sowie weitere Details zur Erkundung von Barcelona erfahrt ihr übrigens in meinem Artikel der Zeitschrift „Gepflegt Durchatmen, Ausgabe 45, Juli 2019.

Blick vom Park de Güell auf Barcelona

An dieser Stelle möchte ich auf jeden Fall noch den wunderschönen Park de Güell, ein weiteres Meisterstück von Gaudí, erwähnen. Ein Muss für jeden Rollstuhlfahrer ist auch ein Ausflug mit dem Bus auf den Montjuïc, den Hausberg von Barcelona. Auf dem Gipfel befindet sich das Castell de Montjuïc, eine große Verteidigungsanlage aus dem 18. Jahrhundert, wo heute regelmäßig interessante Veranstaltungen stattfinden. Von hier genossen wir eine Traumaussicht auf den Hafen, das Meer und die Stadt.

Auch ein Besuch im botanischen Garten ist sehr zu empfehlen. Bei diesem Tipp darf eine kleine Anekdote, wie die Menschen in Barcelona touristischen Gästen aus dem Ausland das Leben vereinfachen, nicht fehlen. Bei unserem Besuch im botanischen Garten fahren wir erst mal zum falschen Eingang, nämlich zum Eingang des Instituts vom botanischen Garten in Barcelona. Um den langen Weg zum Haupteingang zu vermeiden, klingelt meine Schwester beim Pförtner. Sie nutzt ihre guten Spanischkenntnisse und redet zu unserem Vergnügen eindringlich auf ihn ein. Und siehe da: Das große Tor öffnet sich und er schleust uns quasi durch den „Hintereingang“ in den botanischen Garten. Wir feiern die Situation und sind bester Stimmung! Meine Schwester erklärt uns, dass der Mann es streng genommen nicht hätte machen dürfen, für uns aber ein Auge zugedrückt hat. Ganz nebenbei sparen wir uns noch den Eintritt 🙂

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Barcelona ist sehr rollstuhlgerecht und man kann fast alles auch mit dem E-Rollstuhl erleben.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Wenn du hier in Deutschland nicht weißt, wie du ausländischen Gästen unkonventionell und effektiv weiterhilfst, dann mache unbedingt einen Inspirations-Besuch in Barcelona!

Zwei Geheimtipps zum Essen gehen:

https://tienda.garlana.es/

http://www.losbellota.com/start

Las Ramblas und Montjuïc, Fotos: Florian Müller

Teil 3: In Barcelona wird Inklusion gelebt, nicht gesprochen

Die  dritte entscheidende Frage der Barcelona-Reise betraf die Kosten. Mir war bewusst: Durch die rollstuhlspezifische Unterkunft und die lange Zugreise würden einige Kosten auf mich zukommen. Etwas Geburtstagsgeld und Unterstützung meiner Eltern haben das Ganze erleichtert. Zudem habe ich für den Mehraufwand, der mir durch meine Assistenz entsteht, finanzielle Unterstützung beim Sozialamt beantragt. Für die meisten Assistenten ist es schwierig bis unmöglich mit mir im gleichen Raum zu schlafen, da mein Beatmungsgerät deutlich hörbare Geräusche macht. Ohnehin ist es nötig, dass sie auch einen Rückzugsraum haben. Deshalb bin ich bei Reisen auf eine Unterkunft angewiesen ist, die mindestens zwei Schlafzimmer hat. Entscheidend für eine Förderung ist die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Dies ist laut dem Gesetzgeber vor allem dann gegeben, wenn der Antragsteller mit Behinderung Kontakte zu Menschen ohne Behinderung knüpfen kann, neudeutsch könnte man auch Inklusion dazu sagen 🙂

Ich dachte nach, ob ich das ohne großen bürokratischen Aufwand begründen könnte: Mir fiel spontan ein, dass ich mich bei Unternehmungen in einer fremden Stadt nicht um Alltagsdinge wie Organisation der Assistenz, Bürokratie und Arbeit kümmern muss. Dadurch habe ich ganz einfach mehr Zeit und Möglichkeiten, Mitmenschen ohne Behinderung zu begegnen! Und wer in einer Großstadt unterwegs ist, bekommt automatisch Kontakt mit Menschen ohne Behinderung, d.h. er erlebt Inklusion! Und bei diesem Gedanken kam mir plötzlich ein Geistesblitz: Ich werde am Beispiel Barcelona schauen, welche Fortschritte bei der Inklusion in Spanien erreicht wurden und was wir in Deutschland davon lernen können. Langfristig -so meine Idee- kann ich durch den Input meiner Auslandserfahrungen dazu beitragen, die Inklusion bei uns vor Ort zu verbessern. Ich fragte nach bei Barcelona-Enabled, ob sie mein Vorhaben unterstützen würden. Und tatsächlich, der Verein stellte mir schließlich den Kontakt zur Selbsthilfeszene her. So konnte ich einmal einige Mitglieder des Kulturnetzwerks Barcelona im Zuge ihres regelmäßigen Stammtisches treffen. Dabei habe ich bemerkt, dass sehr viele Menschen ohne Behinderung bei diesem Netzwerk engagiert sind. Das Netzwerk kümmert sich intensiv um Inklusion und organisiert diesbezüglich einige Veranstaltungen und Treffen.

… meistens geht’s schwellenlos in die U-Bahn rein und raus

Ohnehin stellte ich bei der Erkundung der Stadt eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung Barcelonas und einen großen Wille zur Inklusion fest. Der öffentliche Nahverkehr ist dafür ein gutes Beispiel. Das Busnetz ist gut ausgebaut und alle Busse sind rollstuhlgerecht. Zudem gibt es recht viele U-Bahn-Stationen, die mit dem E-Rollstuhl nutzbar sind. Die vielen flachen und glatten Wege im Zentrum machten es mir sehr angenehm, die Stadt zu erkunden. Vor allem aber die Menschen sind äußerst „inklusionsfähig“: Wir haben wirklich in jeder schwierigen Situation auf Anhieb eine Person gefunden, die uns unkonventionell Hilfe anbot. Auch wenn die Mittel in manchen Fällen etwas beschränkt waren. Aber wie sagt man so schön: Der Wille zählt!

Dazu habe ich folgende kleine Anekdote auf Lager: Schon zu Beginn meiner Reise nehme ich mir einen Ausflug auf einen der wichtigsten Aussichtshügel Barcelonas, den Tibidabo, vor. Obwohl uns keiner eine gescheite Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nennen kann, ziehen wir los. Nach einer gefühlten Odyssee kommen wir endlich an eine Bushaltestelle, von wo Busse zum Tibidabo hinauffahren. Als der Bus kommt, sind wir aufgrund seines Rollstuhlsymbols sehr erfreut! Allerdings sehen wir im nächsten Moment die Stufen in den Bus und die Hoffnung schwindet. Der Busfahrer gibt uns zu verstehen, dass wir mitfahren sollen. Als ihm meine Schwester auf Spanisch die Problematik schildert, lässt er immer noch nicht locker. Er will uns inklusive mir unbedingt mitnehmen. Wahrscheinlich hätte er auch noch einige starke Männer organisiert, um mich in den kleinen Bus zu hieven. Zwar schade, dass der Ausflug ins Wasser fällt, aber trotzdem sind wir begeistert von dieser bedingungslosen Hilfsbereitschaft.

… überall super angenehmer Untergrund für Rollstuhlfahrer

Soweit so gut, kommen wir noch mal zum Beginn dieses Artikels und stellen uns folgende Frage: Wieso ist ein Zuschuss für meine Reisen überhaupt an ganz spezielle Bedingungen geknüpft und wieso reicht ein einfacher Nachweis des Mehraufwandes, der offensichtlich ist, nicht aus. Zumal meine Reisen den Kopf frei machen, neuen Input geben und mich für den Alltag mit neuer Energie aufladen. Ein Großteil der Bürger Deutschlands hat weit weniger Hürden zu überwinden, wenn er eine Reise machen will. Ich habe außerdem nicht die Möglichkeit, einfach so kostengünstig wie möglich zu verreisen, weil bei mir als E-Rollstuhlfahrer eben bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen. Leider laufe ich als Sozialhilfeempfänger und unterliege deshalb bei der Förderung einer Reise sehr strengen Maßstäben. Die Hintergründe und Diskussionen, wieso das so ist, würden an dieser Stelle eindeutig zu weit führen und sind stark politisch geprägt.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es hat sich gelohnt, die Inklusion in Barcelona intensiver zu begutachten-sie ist vorbildhaft.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Ämter oder andere finanzielle Unterstützungsstellen sollten Reisen für E-Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderung fördern und nicht unnötig erschweren-hier ist vor allem die Politik und die gesellschaftliche Denkweise gefragt!

Fotos: Florian Müller

Teil 2: Die große Frage nach der geeigneten Unterkunft

Eine ganz entscheidende Frage für den Barcelona-Aufenthalt war die nach der richtigen Unterkunft. Bei der Suche danach habe ich es mir nicht leicht gemacht: Nach guten Erfahrungen mit airbnb-Wohnungen in London und Paris versuchte ich, dieses kostengünstige Modell auch für Barcelona zu wählen. Allerdings musste ich nach tagelanger erfolgloser Suche einsehen, dass es keinen Zweck hatte. Da Barcelona sehr eng bebaut ist, sind die Wohnungen alle eine Nummer kleiner als in Deutschland und in der Regel nicht für E-Rollstühle ausgelegt. Also griff ich letztlich doch auf die mir mehrfach empfohlene Apartment-Hotelanlage MIC Sant Jordi mit vollständig rollstuhlgerechten Ferienwohnungen, Kochmöglichkeit und direkter Anbindung an das U-Bahn-Netz zurück.

vor der Appartment-Anlage

Da vollumfängliche Barrierefreiheit immer mehr kostet, wurde es leider etwas teurer, aber im Nachhinein war es ein echter Glücksgriff. Vor allem meine ReisebegleiterInnen waren ziemlich begeistert, da es für sie ein separates Assistenzzimmer mit Bad gab. Für mich stand ein elektrisch verstellbares Pflegebett bereit, was meiner Assistenz sehr zugute kam. Bislang hieß es immer eine Woche Rücken strapazieren wegen viel zu niedrigen airbnb- und Hotelbetten. Außerdem war das Apartment sehr geräumig, sodass sogar noch ein guter Kumpel von mir bei uns wohnen konnte, der seinen Kostenanteil übernahm.

Wohn- und Essbereich

Es war jeden Abend ein schönes Gefühl, in die Unterkunft zurückzukommen. Dort bekamen wir freundlich über alles Notwendige Auskunft inklusive Freizeittipps und es war problemlos möglich, Wäsche zu waschen. Gebucht habe ich das ganze sehr unkompliziert über die Organisation Barcelona-Enabled, die Menschen mit Behinderung bei der Planung und Durchführung ihres Aufenthalts in Barcelona unterstützt. Meine Fragen stellte ich per E-Mail und ließ mal wieder wie immer kein Detail aus. Trotzdem bekam ich jede Frage schnell und kompetent beantwortet.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Eine speziell rollstuhlgerecht ausgestattete Ferienwohnung ist eine tolle Sache.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Lass einen E-Rollstuhlfahrer so viele Fragen zur Unterkunft stellen wie er möchte: Denn er ist darauf angewiesen und außerdem gibt es sowieso keine blöden Fragen!

Fotos: Florian Müller

Barcelona mit dem Zug? Nichts ist unmöglich.. :-)

Wer träumt nicht von der katalanischen Perle Barcelona? Spätestens nach der folgenden kleinen Serie über die tolle Stadt am Mittelmeer, sollten dies zumindest alle Rollstuhl- und E-Rollstuhlfahrer dieser Welt tun. Aber eigentlich auch alle anderen 🙂

Im dritten Anlauf hat es endlich geklappt! Nachdem ich schon zweimal nach Barcelona wollte und es entweder zu kompliziert oder zu teuer war, haben ich und meine wunderbaren Reiseassistenten diesmal alle Widerstände aus dem Weg geräumt.

Die erste entscheidende Frage, wie ich nach Barcelona komme, hatte ich für mich schon länger beantwortet, nämlich mit dem Zug. Eigentlich verrückt, aber mit einem Rollstuhl, der hypersensible Elektronik an Bord hat, eine Flugreise zu machen, klingt für mich noch viel verrückter. Erst recht wenn man nach über zwei Jahren Vorarbeit einen neuen E-Rollstuhl fahren darf, der einem das Leben auf allen Ebenen immens erleichtert! Das Problem beim Fliegen ist, dass man irgendwann den Rollstuhl verlassen muss und dessen Schicksal in fremde Hände legt. Bei einer persönlichen Lebensversicherung, wie es mein Rollstuhl für mich ist, überlegt man sich das dreimal.

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… los geht’s in Karlsruhe!

Angemeldet habe ich die komplette Bahnfahrt wie immer über die Mobilitätszentrale der Deutschen Bahn inklusive Ticketbuchung. Dabei hat es sich gerade bei dieser langen und komplexen Reisestrecke als großes Plus erwiesen, alles per E-Mail abzuwickeln. Dies hat den Vorteil, dass die Anfrage gleich eine/r der fähigsten MitarbeiterInnen beantwortet. Die Tücken einer transeuropäischen Bahnreise blieben mir allerdings nicht erspart – nach meiner Reise war mir zumindest vollkommen klar, wieso EU-Politik und -Kommunikation so schwierig ist!

Dazu folgende Anekdote: Bei der Reiseplanung finde ich heraus, dass ich dieses Mal TGV fahren werde und das Modell TGV Euro Duplex rollstuhlgerecht ist. Dieser verkehrt auf der Strecke Mannheim-Paris und ich bekomme die solide Auskunft, dass mein Rollstuhl maximal 75 cm breit sein darf und es einen geeigneten zuggebundenen Hublift gibt. Für den weit längeren Abschnitt Paris-Barcelona ist keine Aussage mehr drin: „Also dafür ist die französische Bahn zuständig, wir wissen nicht, welche Züge auf dieser Strecke verkehren.“ Eigentlich dachte ich immer, wer Tickets verkauft, sollte auch wissen, ob die zugehörigen Züge rollstuhlgerecht sind. Mal wieder ist Eigeninitiative gefragt und nach einer längeren Recherche bin ich mir zu 90 % sicher, dass der TGV Euro Duplex nach Barcelona fährt. Also alles gut!? Scheinbar, denn 2 Wochen vor der Abreise bekomme ich die Auskunft der Deutschen Bahn, das der Bahnhof Barcelona die Ausstiegshilfe abgelehnt hat. Den Vogel schießt freilich die Aussage der Bahnmitarbeiterin Art: „Fahren Sie doch einfach nur bis Frankreich.“ Ihr anderer überaus erbauender Vorschlag, alles auf einen anderen Tag umzubuchen ohne Garantie, dass es dann eine Zusage gibt, kommt ebenfalls nicht infrage. Ich koche innerlich, aber es ist mir auch relativ schnell klar: Bei so einem großen internationalen Bahnhof ist es kaum vorstellbar, dass ich nicht ausgeladen werde und außerdem muss ich so oder so raus aus dem Zug. Kann ja schließlich nicht darin übernachten… 🙂

Liegen auf dem Lamzac im TGV

Nach Absprache mit meinen Assistenten für die Hinfahrt steht fest: Wir ziehen das Ding durch! Und das, obwohl meine Begleiter für den Abschnitt nach Barcelona ihre zugewiesenen Plätze auch noch in anderen Waggons haben… Aber das war schon mal so und wir haben wieder Glück, dass neben meinem Rollstuhlplatz genug Sitzplätze frei bleiben. Zudem habe ich die „Rollstuhlbucht“ für mich alleine und kann mich sogar hinlegen. Für die überaus netten Zugbegleiter und ein Pärchen mit Kinderwagen ist das kein Problem. Bezüglich Ausstieg können wir uns auf Englisch ganz gut mit ihnen verständigen. Wir erfahren, dass sie im Notfall den TGV-Lift bedienen können und wir haben erst mal eine Sorge weniger. In Barcelona wartet aber ohnehin bereits ein netter Bahnhofsmitarbeiter und hilft uns beim Ausstieg! So viel zur Kommunikation im europäischen Fernverkehr.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Mit dem Zug kommst du fast überall hin, du musst es nur wollen.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Beim transeuropäischen Fernverkehr sollte die Deutsche Bahn ihre Kunden im E-Rollstuhl besser und zielsicherer informieren. Dafür ist zukünftig aber etwas mehr Engagement und Sensibilität nötig!

Fotos: Florian Müller und privat

Für alle, die sich für eine Zugreise mit dem E-Rollstuhl nach Barcelona interessieren, habe ich noch ein paar Links aufgeführt. Bei Rückfragen könnt ihr mir auch gerne eine E-Mail schreiben.

https://mobilista.eu/195/bahn-verguenstigungen-im-ausland-mit-deutschen-schwerbehindertenausweis/

https://www.seat61.com/Spain.htm

https://tgv-france.jimdo.com/sitzpl%C3%A4ne/

https://www.barcelona-tourist-guide.com/en/transport/stations/estacio-sants/disabled-facilities-barcelona-sants.html

http://www.renfe.com/EN/viajeros/atendo/servicio_atendo.html

Start ins neue Jahr mit Nachwirkung

Ich fahre schon während der Zugabe aus dem Saal, um später nicht in den Menschenmassen steckenzubleiben. Draußen im Foyer fahre ich Richtung Eingang und postiere mich an einer geschickten Stelle, wo ich möglichst nicht im Weg stehe. Meine Assistentin holt unsere Jacken und zieht mich an. Ihre Kollegin, die heute bei mir Nachtdienst hat und sie ablöst, steht schon bereit. Jetzt müssen wir nur noch warten, bis der freundliche Mitarbeiter von vorhin den Aufzug holt. Zum Glück nehmen wir dieses Mal die Lastenhebebühne, die außen am Gebäude hoch- und runterfährt. Die Ladefläche ist schön groß und ich habe nicht jeden Moment Angst, runterzustürzen. Außerdem befindet sich die Plattform der Hebebühne nur wenige Meter neben dem Taxistand, wo mein Abholservice bereits wartet. Da ich mittlerweile ziemlich schief im Rollstuhl sitze und Gefahr laufe, während der Fahrt den Berührungssensor auf meinem Rollstuhltisch neben der Steuerung auszulösen, lasse ich diesen mit einem kleinen Schalter seitlich am Rollstuhl ausschalten. Ziemlich blöd ist, dass man nicht erkennt, falls der Sensor ausgeschaltet ist. Zudem handelt es sich um eine neue Funktion, die meine Helfer noch nicht automatisiert haben. Deshalb kommt es wie es kommen musste: der Sensor ist immer noch aktiviert, was ich nicht ahne. Der Rollstuhl macht genau das, was ich nicht will und beschert mir um ein Haar einen gebrochenen Fuß.

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Ominöser roter Schalter

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Steuerknüppel und silberner Berührungssensor

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Die Neigung meines Rollstuhlsitzes fährt plötzlich von alleine immer weiter hoch und meinen linken Fuß, der an der Ferse etwas mit der Fußstütze verklemmt ist, biegt es mit einer gefühlten gigantischen Kraft immer weiter nach unten. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann, schießt Panik in mir hoch und ich rufe nur verzweifelt: „Mein Fuß, mein Fuß, oh nein mein Fuß…!“ Hätte ich den Rollstuhl einfach schnell ausschalten lassen, wäre vielleicht nichts passiert. Aber das sagt sich hinterher immer leicht. Nach ein paar Sekunden des Schocks lasse ich meinen linken Fuß, der unter einer großen Spannung verklemmt ist, nach vorne ziehen. Zum Glück funktioniert das relativ problemlos und dank meines hohen Adrenalinpegels verspüre ich keine allzu großen Schmerzen. Natürlich pocht der Fuß wie wild… Das in diesem Moment viel größere Problem ist, dass ich komplett nach oben geneigt bin, mein Kopf etwas nach hinten hängt und ich keine Chance mehr habe, an meinen Steuerknüppel zu kommen. Es hilft alles nichts, nun muss meine Assistentin mit meinem Steuerknüppel durch das Menü meiner Rollstuhlsteuerung navigieren. Das ist alles andere als einfach, da die Steuerung auf meinen persönlichen Kraftverhältnisse ausgelegt ist und jeder andere dafür viel zu viel Kraft hat. Nach einigen Fehlversuchen klappt es endlich und mein Rollstuhlsitz fährt wieder nach unten. Nun bin ich abfahrbereit und atme trotz der unangenehmen Begleiterscheinungen tief durch.

IMG_1260IMG_1256                                                                Unser Glück ist, dass die Taxifahrerin sehr geduldig wartet, während sich in ihrem Taxi ein mehr oder weniger übliches Neujahrs-Drama abspielt. Andere Fahrer wären vielleicht panisch geworden und hätten irgendwann rumgenervt, dass sie aber nicht mehr den ganzen Abend Zeit hätten. Die Fahrerin frägt mich, ob sie nicht gleich ins Krankenhaus fahren soll, aber ich lehne sofort ab. Da ich schon relativ lange im Rollstuhl sitze, wären mir geschätzte weitere 3 Stunden definitiv zu viel des Guten. Natürlich hoffte ich insgeheim, dass es nicht ganz so schlimm ist und ich noch einmal um einen Krankenhaus-Besuch herumkomme. Als ich im Bett liege und den Schuh ausgezogen habe, fühlt es sich sogar relativ gut an. Zum Glück hat meine Assistentin kleine Kinder und daher für Notfälle alles Zuhause: Fiebersaft, Schmerzsalbe und Kühlpacks. Wir cremen den Fuß ein, wickeln einen Verband darum und legen ein Kühlpack darauf. Zunächst fühlt sich das sehr gut an und ich gebe meiner anderen Assistentin und Konzert-Begleiterin erste Entwarnung. Später entwickelt sich aber ein ziemlicher Schmerz, was mich angesichts der irrsinnigen Kräfte, die auf meinen Fuß gewirkt haben, eigentlich nicht wirklich wundert. Irgendwann geht es nicht mehr anders und ich greife zum Schmerzmittel, aber die Nacht verläuft trotzdem nicht sehr angenehm. Am nächsten Morgen ist der Fuß ziemlich blau und jede falsche Bewegung tut weh. Meine Assistentin fleht mich förmlich an, die Sache im Krankenhaus abklären zu lassen. Zähneknirschend stimme ich zu.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Mein E-Rollstuhl birgt ein unkalkulierbares Gefahrenpotenzial in sich.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Mit etwas Geduld und Fingerspitzengefühl kann man eine große Hilfe sein.

Neujahrs-Konzert mit Hindernissen

Wie könnte ich das neue Jahr besser beginnen als mit einem klassischen Konzert: Es ist das Neujahrskonzert in der Heidelberger Stadthalle mit den Heidelberger Philharmonikern und zwei Heidelberger Top-Solistinnen als Hauptprotagonisten. Wie durch ein kleines Wunder bin ich dieses Mal richtig gut in der Zeit und fahre ganz entspannt mit dem Taxi zur Stadthalle. Am Seiteneingang für Rollstuhlfahrer klingeln wir und warten keine zwei Minuten, bis ein äußerst höflicher Mann im Anzug erscheint und uns freundlich begrüßt. Soviel Glück hat der Rollstuhlfahrer bzw. die Rollstuhlfahrerin leider nicht immer. Ohne größere Probleme fahre ich auf den großen Treppenlift, den ich aber nicht besonders gern mag. Er hat zwei große stählerne Schwenkarme, die elektrisch nach unten klappen, sobald ich auf der Plattform stehe. Meine große Sorge ist dann immer, dass entweder der Menübildschirm meines Rollstuhles zertrümmert wird oder mein Beatmungsgerät etwas abbekommt. Diesmal geht alles gut, ich muss zwischendurch lediglich den Atem anhalten, als der Lift kurz hintereinander zweimal stoppt.

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Oben angekommen schnaufe ich erst einmal erleichtert durch. Aber jetzt wird es erst recht stressig: Ich lasse mich richtig in den Rollstuhl ziehen und meine rechte Hand verrutscht natürlich völlig. Bis wieder alles stimmt und mein Rollstuhl endlich anspringt, vergeht sehr viel Zeit, zu viel Zeit!! Es ist wie so oft reine Nerven-Sache! Durch meine äußerst sensible Rollstuhl-Steuerung entstehen häufig diverse Probleme. Zum Beispiel dass ich durch eine leichte Berührung ungewollt auf den Steuerknüppel drücke und der Rollstuhl eine Fehlermeldung produziert. Soweit so gut, nachdem ich also endlich wieder in der Senkrechten und somit startklar bin, fahre ich so schnell wie möglich an meinen Sitzplatz. Wobei nur meine Assistentin einen festen Platz hat. Es ist als Rollstuhlfahrer ein großes Privileg, dass man quasi freie Platzwahl hat und sich einfach überall hinstellen kann. Fluchtwege sollte man allerdings tunlichst meiden.

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In der Pause gibt es einen Neujahrs-Umtrunk mit Champagner für die Konzertgäste. Mir ist es allerdings viel zu stressig, ins Foyer zu fahren, wo sich die Menschen dicht an dicht drängen und ein hoher Lärmpegel herrscht. Unter solchen Voraussetzungen ist es mir nahezu unmöglich, mich angemessen mit meiner Assistenz, geschweige denn mit anderen Mitmenschen zu unterhalten. Meine kleine Hoffnung, dass meine Assistentin ein Gläschen direkt an meinen Platz bringen kann, macht einer der Saal-Ordner zunichte. Klar, da könnte ja jeder kommen und die vorgeschriebene Ordnung zerstören. Das geht natürlich nicht, ist außerhalb des Protokolls!! Selbstverständlich hätte ich auch bis zum Ausgangs des Saales fahren können, mir geht es ja nicht um irgendwelche Sonderstellungen. Aber es ist einfach so schön exemplarisch für deutsche Bürokratie und Unflexibilität. Wäre der Ordner etwas offener und sensibler gewesen, hätte er vielleicht sogar eine Ausnahme gemacht. Ich muss über die Sache schmunzeln, zumal der Champus laut meiner Assistentin nicht gerade der Hammer war.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es wird stressig, wenn einem der E-Rollstuhl nicht gehorcht.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Menschen müssen auch mal von ihrem festen Protokoll abweichen können – das ist cool!

Beste Aussichten in der Disco

Mein Musikgeschmack ist breit gefächert und reicht von klassicher Musik bis Heavy Metal. Heute Abend kommt die AC/DC-Coverband Dirty Deeds in den Schwimmbadclub Heidelberg. Einer meiner Assistenten hat mir den heißen Tipp gegeben. Er ist so etwas wie mein persönlicher Musikevent-Manager. Regelmäßig versorgt er mich mit sehr guten Konzerthinweisen. An diesem Abend ist recht viel los, was ich auf der Konzertebene merke. Kurz überlege ich mir, mich direkt vor der Bühne zu platzieren, lasse es aber lieber sein. Ich ziehe es vor, wegen der Lautstärke zwischen mir und der Bühne genügend Abstand zu lassen. Eine mit mir befreundete Assistentin, die mich und meinen Musikbeauftragten begleitet, schiebt mich an meinen Stammplatz.

Als es losgeht, sehe ich den Sänger perfekt und auch nachdem der Betrieb vor mir etwas zunimmt, kann ich noch ab und zu einen Blick auf die Band erhaschen. Irgendwann tanzt ein Mann direkt vor mir. Meine Assistentin gibt ihm einen Hinweis, damit er einen Meter neben mir weitermacht. Später ist noch mehr los und ich bekomme die Konsequenz meines etwas ungünstigen Platzes zu spüren. Es ist mir egal, Hauptsache ich höre die Musik. Die Jungs geben mächtig Gas!

Disco 2

Außerdem kann ich von den Discogästen auch nicht verlangen, dass sie einen Bogen mit Sicherheitsabstand um mich herum machen. Ohnehin finde ich, dass es halb so schlimm ist, nicht die komplette Bühne zu sehen, wenn attraktive Mädels vor einem abdancen. In meinem kleinen Schieberollstuhl habe ich genau die richtige Blickhöhe, um gute Aussichten zu genießen. Eine Gruppe von Männern geht ziemlich ab und springt wie wild vor und neben mir auf und ab. Einer in der Gruppe weist seine Kollegen an, ein bisschen mehr Rücksicht auf mich zu nehmen. Er reckt den ausgestreckten Daumen nach oben und nickt mir mit breitem Grinsen zu. Aha, da hat einer verstanden, denke ich und sehe wieder etwas mehr von der Band und den inzwischen völlig verschwitzten Sänger.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Mit dem Rollstuhl sieht man besser!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Entscheidend ist das Bemühen, auf seine Mitmenschen im Rollstuhl oder mit anderen Behinderungen Rücksicht zu nehmen.

Teil 2 : Autos, Autos und eine Portion Inklusion

Vor ein paar Jahren kam es bei größeren Menschenansammlungen auf der IAA nicht selten vor, dass einem als E-Rollstuhlfahrer rempelnde Menschen begegnet sind, die einen übersehen oder solche, die sich unbeabsichtigt mitten ins Sichtfeld des Ausstellungsobjekts gestellt haben, das man gerade sehen will. Im Laufe der Jahre haben ich und mein Vater bemerkt, dass sich das Verhalten und die Hilfsbereitschaft gegenüber Rollstuhlfahrern bzw. Menschen mit Behinderung auf der Messe positiv verändert haben. Die Besucher sind viel sensibler geworden. Wenn etwa jemand bemerkt, dass er/sie mir die Sicht auf ein Ausstellungstück versperrt, geht er/sie sofort zur Seite. Natürlich übertreiben es die Leute gelegentlich auch, indem sie versuchen, sich fluchtartig in Luft aufzulösen, sobald sie einen E-Rollstuhlfahrer sehen. Sie könnten ja problemlos überfahren werden…

Wir verlassen gerade Halle 3, als mir mein Papa grinsend erzählt, dass ihn beim Rausgehen ein US-Amerikaner mit den Worten angesprochen hat: „Please take care for the wheelchair driver next to you, he wants to drive through the door .“ Wir müssen natürlich herzhaft lachen, aber der gute Mann konnte ja nicht ahnen, dass ich zu meinem Papa gehöre. Dasselbe Schauspiel wiederholt sich noch zweimal auf Deutsch, als Messebesucher meinen Papa und Assistenten ansprechen und diese auffordern, doch bitte für mich auf die Seite zu gehen. Die höhere Sensibilität und das Verständnis für „handicaped people“ gilt übrigens nicht nur für Messebesucher, sondern auch für Messemitarbeiter. Da die Sonne scheint und wir Hunger bekommen, halten wir an der ersten Currywurst-Bude sofort an. Dummerweise haben wir kein Messer dabei, um mir die Wurst kleinzuschneiden. So habe ich keine Chance, mein Menü zu essen, da ich den Mund nicht weit genug öffnen kann. Mein Vater frägt am Verkaufsstand nach einem Messer und kommt mit dem größten Schlachter-Messer ever wieder zurück. Ich könnte mich totlachen, finde die Aktion aber klasse! Die nette Verkäuferin handelt total unkonventionell und gibt uns ihr einziges Messer. Da gehörte schon eine große Portion Vertrauen dazu – es wäre viel einfacher für sie gewesen, wenn sie sich hinter ihren Vorschriften versteckt hätte.

Automesse 1

An dieser Stelle muss ich einfach die witzige Anekdote mit Daimler-Boss Dieter Zetzsche vor zwei Jahren erzählen. Es passt perfekt zum erhöhten Stellenwert von Menschen mit Behinderung bei den Messemitarbeitern. Wir fuhren durch die Mercedes-Halle und an einer Stelle gab es einen separaten Durchgang für Rollstuhlfahrer, den ich auch passiert habe. Wenige Augenblicke später tauchte plötzlich Zetzsche auf und war gerade dabei, den Rollstuhldurchgang zu durchqueren. Er hatte aber nicht mit einer engagierten Mitarbeiterin gerechnet, die auf ihn zustürzte und ihn wild gestikulierend davon abhielt, weiterzulaufen. Sie erklärte ihm, dass dieser Durchgang speziell für Rollstuhlfahrer sei. Wenige Meter daneben konnten ich und mein Vater uns das Grinsen nicht verkneifen. Dann kam ein anderer Mitarbeiter ziemlich hektisch herbeigeeilt und flüsterte seiner Kollegin etwas ins Ohr. Diese lief auf der Stelle puderrot an und öffnete dem Vorstandschef unverzüglich den Durchgang. Sie hatte einfach keine Ahnung, dass sie den obersten Boss vor sich hatte. Natürlich mussten wir sofort loslachen! Aber im Endeffekt gelten für einen Vorstandschef die gleichen Regeln wie für jeden anderen Menschen auch.

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Abgesenkte Bordsteine inklusive: nicht nur die Messebesucher geben ihr Bestes, auch die Barrieren halten sich in Grenzen.

Aber zurück in die Gegenwart: Nach unserem Imbiss bin ich ziemlich fertig und bekomme zu allem Überfluss noch starke Kopfschmerzen. Ich gebe das Signal, dass ich mich nun hinlegen und ausruhen muss. Das heißt erst einmal suchen, weil die Sanitätsstation, in der ich mich ausruhen kann, scheinbar umgezogen ist. Zum Glück geht jemand ans Telefon, als wir die entsprechende Nummer wählen. Die Station befindet sich nun am anderen Ende der Messehalle 4, ist neu renoviert und sieht ziemlich modern aus. Allerdings gibt es nur zwei etwas härtere Liegen, von denen der Sanitäter – wie er uns erzählt – regelmäßig Kreuzschmerzen nach seinem Nachtdienst bekommt. Er ist ziemlich nett und würde uns wohl gleich fünf Decken zur Unterpolsterung bringen, wenn wir nur wollen. Ich kann mich zum Glück ganz gut erholen. Das gilt genauso für meinen Rollstuhl, der sich die nötige Energie von der Steckdose wieder holt. In der Vergangenheit habe ich es tatsächlich zwei- oder dreimal geschafft, meinen Akku komplett leerzufahren. Da blieb uns nichts anderes übrig, als die sogenannte „ViaMobile“ zu benutzen, im Prinzip nichts anderes wie eine Rolltreppe ohne Treppe 🙂 Damit sind die verschiedenen Messehallen verbunden. Allerdings ist der Zugang zur „ViaMobile“ nicht ganz unkompliziert, da man oft die Etage wechseln muss und auch die Aufzüge nicht immer auf Anhieb findet.

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Spasic geht die Welt zugrunde: Bei Opel ist alles auf Hochglanz poliert.

Und bei schönem Wetter ist es auch ganz angenehm, die Wege auf dem Außengelände zurückzulegen. Heute nervt mich aber mein Rollstuhl total, da er auf dem etwas unebenen Messegelände ziemlich stark schwankt. Ich würde mir am liebsten auf der Stelle einen Neuen bestellen. Die Folgen der Wackelei quälen mich schon ein paar Jahre. Die Problematik äußert sich so, dass Ruckler bzw. seitliche Bewegungen meine Sitzposition sehr leicht negativ verändern und meine rechte Hand verrutscht, die den Steuerknüppel bedient. Eher ungünstig, wenn es wie bei mir auf jeden Millimeter ankommt. Den Spaß lasse ich mir trotzdem nicht nehmen und schaue mir mit meinen Begleitern noch drei weitere Hallen an. Danach geht’s zurück zum Parkplatz und tatsächlich ohne Stau wieder nach Heidelberg – unglaublich aber wahr!!

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Die Automesse ist hinsichtlich praxisorientierter Inklusion eine Veranstaltung mit Vorbildcharakter.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Vorsicht, das ist kein unverschämter Messebesucher, sondern nur der Begleiter eines Rollstuhlfahrers.