Ausflug ins Montserrat

Aber nicht nur die Stadt Barcelona an sich, sondern auch das Hinterland haben einen großen Reiz. So folgten wir dem Vorschlag meines Kumpels, der eine Woche mit mir in Barcelona verbrachte, und machten einen Ausflug in das 45 km entfernte

Sandsteingebirge Montserrat: Wir müssen eine ganze Weile suchen und fragen, bevor uns eine kompetente Bahnmitarbeiterin endlich den entscheidenden Hinweis für den richtigen Zug gibt. Wir sind erst mal erleichtert, wobei die 30-minütige Zugfahrt meine Geduld ebenfalls etwas strapaziert. Dafür entschädigt mich die tolle Fahrt mit der Zahnradbahn steil hinauf bis zum Kloster Montserrat, welches spektakulär in die Felsen integriert ist. Der Ausblick hinunter auf das Hinterland und den weitläufigen Naturpark ist genial und löst bei mir das Gefühl aus, im Hochgebirge zu sein. Außerdem nutzen wir die Gelegenheit, die schöne Klosterkirche anzuschauen. Einziger Wermutstropfen sind die etwas zu vielen Touristen rund um die Klosteranlage, aber wer will es den Menschen verdenken.

Fotos: David Schäfer und privat

Teil 4: Barcelona und noch viel mehr

In der Stadt gab es natürlich unzählige schöne Dinge und Unternehmungen, die wir zur Auswahl hatten. Von wunderschönen Gebäuden, über die berühmteste Promenade Barcelonas „Las Ramblas“ und den Strand bis hin zu vielen schönen Parks und Grünflächen mit musizierenden Menschen ist in dieser Stadt alles dabei. Dieses entspannte Flair inspirierte uns mehrmals zu einem gemütlichen Picknick und Chill-Out. Gut essen ist im Land der Paella ebenfalls überall möglich, unter anderem gibt es auch diverse rollstuhlgerechte Restaurants. Speziell am bedeutendsten Architekt Barcelonas, Antoni Gaudí , kamen wir nicht vorbei und das war auch gut so. Denn die von ihm maßgeblich geprägte Kirche Sagrada Familia ist schlichtweg atemberaubend und kaum in Worte zu fassen. Mehr interessante Infos zur Kathedrale und deren Besichtigung sowie weitere Details zur Erkundung von Barcelona erfahrt ihr übrigens in meinem Artikel der Zeitschrift „Gepflegt Durchatmen, Ausgabe 45, Juli 2019.

Blick vom Park de Güell auf Barcelona

An dieser Stelle möchte ich auf jeden Fall noch den wunderschönen Park de Güell, ein weiteres Meisterstück von Gaudí, erwähnen. Ein Muss für jeden Rollstuhlfahrer ist auch ein Ausflug mit dem Bus auf den Montjuïc, den Hausberg von Barcelona. Auf dem Gipfel befindet sich das Castell de Montjuïc, eine große Verteidigungsanlage aus dem 18. Jahrhundert, wo heute regelmäßig interessante Veranstaltungen stattfinden. Von hier genossen wir eine Traumaussicht auf den Hafen, das Meer und die Stadt.

Auch ein Besuch im botanischen Garten ist sehr zu empfehlen. Bei diesem Tipp darf eine kleine Anekdote, wie die Menschen in Barcelona touristischen Gästen aus dem Ausland das Leben vereinfachen, nicht fehlen. Bei unserem Besuch im botanischen Garten fahren wir erst mal zum falschen Eingang, nämlich zum Eingang des Instituts vom botanischen Garten in Barcelona. Um den langen Weg zum Haupteingang zu vermeiden, klingelt meine Schwester beim Pförtner. Sie nutzt ihre guten Spanischkenntnisse und redet zu unserem Vergnügen eindringlich auf ihn ein. Und siehe da: Das große Tor öffnet sich und er schleust uns quasi durch den „Hintereingang“ in den botanischen Garten. Wir feiern die Situation und sind bester Stimmung! Meine Schwester erklärt uns, dass der Mann es streng genommen nicht hätte machen dürfen, für uns aber ein Auge zugedrückt hat. Ganz nebenbei sparen wir uns noch den Eintritt 🙂

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Barcelona ist sehr rollstuhlgerecht und man kann fast alles auch mit dem E-Rollstuhl erleben.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Wenn du hier in Deutschland nicht weißt, wie du ausländischen Gästen unkonventionell und effektiv weiterhilfst, dann mache unbedingt einen Inspirations-Besuch in Barcelona!

Zwei Geheimtipps zum Essen gehen:

https://tienda.garlana.es/

http://www.losbellota.com/start

Las Ramblas und Montjuïc, Fotos: Florian Müller

Teil 3: In Barcelona wird Inklusion gelebt, nicht gesprochen

Die  dritte entscheidende Frage der Barcelona-Reise betraf die Kosten. Mir war bewusst: Durch die rollstuhlspezifische Unterkunft und die lange Zugreise würden einige Kosten auf mich zukommen. Etwas Geburtstagsgeld und Unterstützung meiner Eltern haben das Ganze erleichtert. Zudem habe ich für den Mehraufwand, der mir durch meine Assistenz entsteht, finanzielle Unterstützung beim Sozialamt beantragt. Für die meisten Assistenten ist es schwierig bis unmöglich mit mir im gleichen Raum zu schlafen, da mein Beatmungsgerät deutlich hörbare Geräusche macht. Ohnehin ist es nötig, dass sie auch einen Rückzugsraum haben. Deshalb bin ich bei Reisen auf eine Unterkunft angewiesen ist, die mindestens zwei Schlafzimmer hat. Entscheidend für eine Förderung ist die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Dies ist laut dem Gesetzgeber vor allem dann gegeben, wenn der Antragsteller mit Behinderung Kontakte zu Menschen ohne Behinderung knüpfen kann, neudeutsch könnte man auch Inklusion dazu sagen 🙂

Ich dachte nach, ob ich das ohne großen bürokratischen Aufwand begründen könnte: Mir fiel spontan ein, dass ich mich bei Unternehmungen in einer fremden Stadt nicht um Alltagsdinge wie Organisation der Assistenz, Bürokratie und Arbeit kümmern muss. Dadurch habe ich ganz einfach mehr Zeit und Möglichkeiten, Mitmenschen ohne Behinderung zu begegnen! Und wer in einer Großstadt unterwegs ist, bekommt automatisch Kontakt mit Menschen ohne Behinderung, d.h. er erlebt Inklusion! Und bei diesem Gedanken kam mir plötzlich ein Geistesblitz: Ich werde am Beispiel Barcelona schauen, welche Fortschritte bei der Inklusion in Spanien erreicht wurden und was wir in Deutschland davon lernen können. Langfristig -so meine Idee- kann ich durch den Input meiner Auslandserfahrungen dazu beitragen, die Inklusion bei uns vor Ort zu verbessern. Ich fragte nach bei Barcelona-Enabled, ob sie mein Vorhaben unterstützen würden. Und tatsächlich, der Verein stellte mir schließlich den Kontakt zur Selbsthilfeszene her. So konnte ich einmal einige Mitglieder des Kulturnetzwerks Barcelona im Zuge ihres regelmäßigen Stammtisches treffen. Dabei habe ich bemerkt, dass sehr viele Menschen ohne Behinderung bei diesem Netzwerk engagiert sind. Das Netzwerk kümmert sich intensiv um Inklusion und organisiert diesbezüglich einige Veranstaltungen und Treffen.

… meistens geht’s schwellenlos in die U-Bahn rein und raus

Ohnehin stellte ich bei der Erkundung der Stadt eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung Barcelonas und einen großen Wille zur Inklusion fest. Der öffentliche Nahverkehr ist dafür ein gutes Beispiel. Das Busnetz ist gut ausgebaut und alle Busse sind rollstuhlgerecht. Zudem gibt es recht viele U-Bahn-Stationen, die mit dem E-Rollstuhl nutzbar sind. Die vielen flachen und glatten Wege im Zentrum machten es mir sehr angenehm, die Stadt zu erkunden. Vor allem aber die Menschen sind äußerst „inklusionsfähig“: Wir haben wirklich in jeder schwierigen Situation auf Anhieb eine Person gefunden, die uns unkonventionell Hilfe anbot. Auch wenn die Mittel in manchen Fällen etwas beschränkt waren. Aber wie sagt man so schön: Der Wille zählt!

Dazu habe ich folgende kleine Anekdote auf Lager: Schon zu Beginn meiner Reise nehme ich mir einen Ausflug auf einen der wichtigsten Aussichtshügel Barcelonas, den Tibidabo, vor. Obwohl uns keiner eine gescheite Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nennen kann, ziehen wir los. Nach einer gefühlten Odyssee kommen wir endlich an eine Bushaltestelle, von wo Busse zum Tibidabo hinauffahren. Als der Bus kommt, sind wir aufgrund seines Rollstuhlsymbols sehr erfreut! Allerdings sehen wir im nächsten Moment die Stufen in den Bus und die Hoffnung schwindet. Der Busfahrer gibt uns zu verstehen, dass wir mitfahren sollen. Als ihm meine Schwester auf Spanisch die Problematik schildert, lässt er immer noch nicht locker. Er will uns inklusive mir unbedingt mitnehmen. Wahrscheinlich hätte er auch noch einige starke Männer organisiert, um mich in den kleinen Bus zu hieven. Zwar schade, dass der Ausflug ins Wasser fällt, aber trotzdem sind wir begeistert von dieser bedingungslosen Hilfsbereitschaft.

… überall super angenehmer Untergrund für Rollstuhlfahrer

Soweit so gut, kommen wir noch mal zum Beginn dieses Artikels und stellen uns folgende Frage: Wieso ist ein Zuschuss für meine Reisen überhaupt an ganz spezielle Bedingungen geknüpft und wieso reicht ein einfacher Nachweis des Mehraufwandes, der offensichtlich ist, nicht aus. Zumal meine Reisen den Kopf frei machen, neuen Input geben und mich für den Alltag mit neuer Energie aufladen. Ein Großteil der Bürger Deutschlands hat weit weniger Hürden zu überwinden, wenn er eine Reise machen will. Ich habe außerdem nicht die Möglichkeit, einfach so kostengünstig wie möglich zu verreisen, weil bei mir als E-Rollstuhlfahrer eben bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen. Leider laufe ich als Sozialhilfeempfänger und unterliege deshalb bei der Förderung einer Reise sehr strengen Maßstäben. Die Hintergründe und Diskussionen, wieso das so ist, würden an dieser Stelle eindeutig zu weit führen und sind stark politisch geprägt.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es hat sich gelohnt, die Inklusion in Barcelona intensiver zu begutachten-sie ist vorbildhaft.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Ämter oder andere finanzielle Unterstützungsstellen sollten Reisen für E-Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderung fördern und nicht unnötig erschweren-hier ist vor allem die Politik und die gesellschaftliche Denkweise gefragt!

Fotos: Florian Müller

Teil 2: Die große Frage nach der geeigneten Unterkunft

Eine ganz entscheidende Frage für den Barcelona-Aufenthalt war die nach der richtigen Unterkunft. Bei der Suche danach habe ich es mir nicht leicht gemacht: Nach guten Erfahrungen mit airbnb-Wohnungen in London und Paris versuchte ich, dieses kostengünstige Modell auch für Barcelona zu wählen. Allerdings musste ich nach tagelanger erfolgloser Suche einsehen, dass es keinen Zweck hatte. Da Barcelona sehr eng bebaut ist, sind die Wohnungen alle eine Nummer kleiner als in Deutschland und in der Regel nicht für E-Rollstühle ausgelegt. Also griff ich letztlich doch auf die mir mehrfach empfohlene Apartment-Hotelanlage MIC Sant Jordi mit vollständig rollstuhlgerechten Ferienwohnungen, Kochmöglichkeit und direkter Anbindung an das U-Bahn-Netz zurück.

vor der Appartment-Anlage

Da vollumfängliche Barrierefreiheit immer mehr kostet, wurde es leider etwas teurer, aber im Nachhinein war es ein echter Glücksgriff. Vor allem meine ReisebegleiterInnen waren ziemlich begeistert, da es für sie ein separates Assistenzzimmer mit Bad gab. Für mich stand ein elektrisch verstellbares Pflegebett bereit, was meiner Assistenz sehr zugute kam. Bislang hieß es immer eine Woche Rücken strapazieren wegen viel zu niedrigen airbnb- und Hotelbetten. Außerdem war das Apartment sehr geräumig, sodass sogar noch ein guter Kumpel von mir bei uns wohnen konnte, der seinen Kostenanteil übernahm.

Wohn- und Essbereich

Es war jeden Abend ein schönes Gefühl, in die Unterkunft zurückzukommen. Dort bekamen wir freundlich über alles Notwendige Auskunft inklusive Freizeittipps und es war problemlos möglich, Wäsche zu waschen. Gebucht habe ich das ganze sehr unkompliziert über die Organisation Barcelona-Enabled, die Menschen mit Behinderung bei der Planung und Durchführung ihres Aufenthalts in Barcelona unterstützt. Meine Fragen stellte ich per E-Mail und ließ mal wieder wie immer kein Detail aus. Trotzdem bekam ich jede Frage schnell und kompetent beantwortet.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Eine speziell rollstuhlgerecht ausgestattete Ferienwohnung ist eine tolle Sache.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Lass einen E-Rollstuhlfahrer so viele Fragen zur Unterkunft stellen wie er möchte: Denn er ist darauf angewiesen und außerdem gibt es sowieso keine blöden Fragen!

Fotos: Florian Müller

Barcelona mit dem Zug? Nichts ist unmöglich.. :-)

Wer träumt nicht von der katalanischen Perle Barcelona? Spätestens nach der folgenden kleinen Serie über die tolle Stadt am Mittelmeer, sollten dies zumindest alle Rollstuhl- und E-Rollstuhlfahrer dieser Welt tun. Aber eigentlich auch alle anderen 🙂

Im dritten Anlauf hat es endlich geklappt! Nachdem ich schon zweimal nach Barcelona wollte und es entweder zu kompliziert oder zu teuer war, haben ich und meine wunderbaren Reiseassistenten diesmal alle Widerstände aus dem Weg geräumt.

Die erste entscheidende Frage, wie ich nach Barcelona komme, hatte ich für mich schon länger beantwortet, nämlich mit dem Zug. Eigentlich verrückt, aber mit einem Rollstuhl, der hypersensible Elektronik an Bord hat, eine Flugreise zu machen, klingt für mich noch viel verrückter. Erst recht wenn man nach über zwei Jahren Vorarbeit einen neuen E-Rollstuhl fahren darf, der einem das Leben auf allen Ebenen immens erleichtert! Das Problem beim Fliegen ist, dass man irgendwann den Rollstuhl verlassen muss und dessen Schicksal in fremde Hände legt. Bei einer persönlichen Lebensversicherung, wie es mein Rollstuhl für mich ist, überlegt man sich das dreimal.

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… los geht’s in Karlsruhe!

Angemeldet habe ich die komplette Bahnfahrt wie immer über die Mobilitätszentrale der Deutschen Bahn inklusive Ticketbuchung. Dabei hat es sich gerade bei dieser langen und komplexen Reisestrecke als großes Plus erwiesen, alles per E-Mail abzuwickeln. Dies hat den Vorteil, dass die Anfrage gleich eine/r der fähigsten MitarbeiterInnen beantwortet. Die Tücken einer transeuropäischen Bahnreise blieben mir allerdings nicht erspart – nach meiner Reise war mir zumindest vollkommen klar, wieso EU-Politik und -Kommunikation so schwierig ist!

Dazu folgende Anekdote: Bei der Reiseplanung finde ich heraus, dass ich dieses Mal TGV fahren werde und das Modell TGV Euro Duplex rollstuhlgerecht ist. Dieser verkehrt auf der Strecke Mannheim-Paris und ich bekomme die solide Auskunft, dass mein Rollstuhl maximal 75 cm breit sein darf und es einen geeigneten zuggebundenen Hublift gibt. Für den weit längeren Abschnitt Paris-Barcelona ist keine Aussage mehr drin: „Also dafür ist die französische Bahn zuständig, wir wissen nicht, welche Züge auf dieser Strecke verkehren.“ Eigentlich dachte ich immer, wer Tickets verkauft, sollte auch wissen, ob die zugehörigen Züge rollstuhlgerecht sind. Mal wieder ist Eigeninitiative gefragt und nach einer längeren Recherche bin ich mir zu 90 % sicher, dass der TGV Euro Duplex nach Barcelona fährt. Also alles gut!? Scheinbar, denn 2 Wochen vor der Abreise bekomme ich die Auskunft der Deutschen Bahn, das der Bahnhof Barcelona die Ausstiegshilfe abgelehnt hat. Den Vogel schießt freilich die Aussage der Bahnmitarbeiterin Art: „Fahren Sie doch einfach nur bis Frankreich.“ Ihr anderer überaus erbauender Vorschlag, alles auf einen anderen Tag umzubuchen ohne Garantie, dass es dann eine Zusage gibt, kommt ebenfalls nicht infrage. Ich koche innerlich, aber es ist mir auch relativ schnell klar: Bei so einem großen internationalen Bahnhof ist es kaum vorstellbar, dass ich nicht ausgeladen werde und außerdem muss ich so oder so raus aus dem Zug. Kann ja schließlich nicht darin übernachten… 🙂

Liegen auf dem Lamzac im TGV

Nach Absprache mit meinen Assistenten für die Hinfahrt steht fest: Wir ziehen das Ding durch! Und das, obwohl meine Begleiter für den Abschnitt nach Barcelona ihre zugewiesenen Plätze auch noch in anderen Waggons haben… Aber das war schon mal so und wir haben wieder Glück, dass neben meinem Rollstuhlplatz genug Sitzplätze frei bleiben. Zudem habe ich die „Rollstuhlbucht“ für mich alleine und kann mich sogar hinlegen. Für die überaus netten Zugbegleiter und ein Pärchen mit Kinderwagen ist das kein Problem. Bezüglich Ausstieg können wir uns auf Englisch ganz gut mit ihnen verständigen. Wir erfahren, dass sie im Notfall den TGV-Lift bedienen können und wir haben erst mal eine Sorge weniger. In Barcelona wartet aber ohnehin bereits ein netter Bahnhofsmitarbeiter und hilft uns beim Ausstieg! So viel zur Kommunikation im europäischen Fernverkehr.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Mit dem Zug kommst du fast überall hin, du musst es nur wollen.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Beim transeuropäischen Fernverkehr sollte die Deutsche Bahn ihre Kunden im E-Rollstuhl besser und zielsicherer informieren. Dafür ist zukünftig aber etwas mehr Engagement und Sensibilität nötig!

Fotos: Florian Müller und privat

Für alle, die sich für eine Zugreise mit dem E-Rollstuhl nach Barcelona interessieren, habe ich noch ein paar Links aufgeführt. Bei Rückfragen könnt ihr mir auch gerne eine E-Mail schreiben.

https://mobilista.eu/195/bahn-verguenstigungen-im-ausland-mit-deutschen-schwerbehindertenausweis/

https://www.seat61.com/Spain.htm

https://tgv-france.jimdo.com/sitzpl%C3%A4ne/

https://www.barcelona-tourist-guide.com/en/transport/stations/estacio-sants/disabled-facilities-barcelona-sants.html

http://www.renfe.com/EN/viajeros/atendo/servicio_atendo.html

Buchtipp – „Mein Papa fährt Rollstuhl“

Es ist der Klassiker schlechthin: kleine Kinder stehen staunend vor meinem großen Hightech-Rollstuhl und werden von ihren Eltern schnell weggezogen: Bitte bloß nicht hinschauen, das ist nichts für dich! Ich finde es vielmehr toll und auch wichtig, wenn Eltern den Kindern erklären möchten, was es damit auf sich hat. Das ist ein Stück Inklusion, vor allem wenn Eltern ganz offen fragen, ob das für mich o. k. ist.

Es besteht heutzutage weniger Scheu, Menschen mit Schwerbehinderung anzusprechen. Aber ein Großteil der Gesellschaft versteht nach wie vor nicht, dass auch Menschen mit schwerer Einschränkung ein Bedürfnis nach Sexualität oder den Wunsch nach einer festen Partnerschaft und Familie haben. Es wäre nicht ungewöhnlich, wenn Eltern mit Behinderung staunend angeschaut werden. Hier bietet das schöne Kinderbuch „Mein Papa fährt Rollstuhl“ einen interessanten und offenen Einblick, was es bedeutet, einen Vater im Rollstuhl zu haben. Verlegerin Doris Hesseler, Mutter eines schwermehrfachbehinderten Sohnes, vertreibt seit mehr als 10 Jahren Kinderbücher mit Inklusions-Hintergrund.

Samstagabends in der Bahn und ein „hombre“

Samstagabends in der Bahn und ein „hombre“

Handball in Leutershausen war mal wieder klasse: Mittendrin statt nur dabei! Aber jetzt bin ich müde und kann eigentlich nichts mehr brauchen. Das Problem ist nur, dass ich an einem Samstagabend in der Bahn unterwegs bin und viele Jugendliche in Feierlaune ebenfalls. Niveauloses Geschwätz und schlechte Witze sind da noch das geringste Übel, wobei es angereichert mit Alkohol ziemlich unangenehm werden kann. An der nächsten Haltestelle steigt eine Gruppe Jugendlicher ein, die ordentlich Party machen wollen. Ein junges Mädel mit hochhackigen Schuhen und aufreizend kurzem Rock hat eine halbvolle Sektflasche in der Hand, von der alle abwechselnd trinken. Mir wird schon vom Zuschauen schlecht. Ein anderer aus dieser Gruppe trägt zu allem Überfluss auch noch ein dröhnendes Taschenradio in der Hand. Als zusätzlich ein älterer Herr mit seinen zwei Hunden einsteigt, entsteht endgültig ein rücksichtsloses Gedränge und Geschiebe. Nicht dass ich nur Angst um mein Beatmungsgerät bekomme. Auch die Lichtschranke spielt dadurch verrückt und verhindert am laufenden Band, dass die Türe zugeht und die Fahrt weitergeht. Die Fahrt nervt also nicht nur, sie verzögert sich auch immer mehr – ein entspannter Samstagabend scheint weit entfernt…

Manchmal muss man einfach cool sein

Bald sind wir am Hauptbahnhof Heidelberg und so langsam erkenne ich Licht am Ende des Tunnels. Aber zu früh gefreut, denn plötzlich kommt ein ziemlich aufdringlicher Kerl, ein türkisch- oder spanischstämmiger junger Mann wie mir scheint, auf uns zu. Klarer Fall: Ein „Coolman“ wie er im Buche steht! So wirkt das Ganze jedenfalls auf mich. Und als der Typ meine Helferin mit Blick auf mich auch noch frägt, was „ihm“ denn passiert sei, ist meine Toleranzgrenze nahezu überschritten. Diese gibt nur zurück, dass er mich doch auch selber fragen könne. Dann passiert etwas, womit ich nicht gerechnet hätte. Der junge Mann wirkt nicht etwa überfordert, er fragt wirklich interessiert, was denn bei mir los sei. Als ich ihm die Kurzversion erzähle, gibt er zurück, dass seine Mutter wochenlang im Wachkoma gelegen habe. Das macht mich nachdenklich und ich habe plötzlich Respekt vor ihm. Durch seine Erfahrungen kann er sich in etwa vorstellen, was es heißt, mit mehr oder weniger großen Einschränkungen zu leben. Und er kann verhältnismäßig locker damit umgehen.

Aber seinen großen Auftritt am Ende braucht er dann doch noch. Zu unserer Belustigung dreht er sich zu seinen Kumpels um, die ein paar Meter weiter weg stehen: „Hey, das ist mein hombre*! Wenn ihr dem irgendetwas macht, ey dann fick ich euch alle!“ Oh Mann, ganz schön derbe „Coolman“-Sprache… Aber trotzdem, er zeigt mir seine Solidarität und ich bin ihm anscheinend nicht egal. Wenige Augenblicke später ist er in der Dunkelheit verschwunden. Die restliche Rückfahrt vergeht wie im Flug, da wir so eine ereignisreiche Fahrt eher selten erleben.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Eine Bahnfahrt samstagabends hat Risiken und Nebenwirkungen, aber durchaus ihren Reiz.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Wer Menschen im E-Rollstuhl direkt und ehrlich interessiert anspricht, macht nichts falsch!

* Kommt aus dem Spanischen und bedeutet so viel wie guter Kumpel

Ein Schloss zum Verlieben

Es ist ziemlich praktisch, wenn sich der Bahnhof eines weit entfernten Reiseziels unweit von der gebuchten Unterkunft befindet. Besonders Reisende mit viel Gepäck und eingeschränktem körperlichem Durchhaltevermögen wissen das zu schätzen. Deshalb bin ich trotz verhältnismäßig entspannter Anfahrt sehr erfreut, dass das Intercity-Hotel zu Schwerin direkt am Hauptbahnhof liegt. Der Zugang zum Hoteleingang über eine äußerst schmale Rampe mit Rechtskurve stellt durchaus eine kleine Herausforderung an meine Fahrkünste. Dass es einen bequemen Nebeneingang für Rollstuhlfahrer gibt, verrät uns die Rezeption erst am letzten Tag. Abgesehen davon sind die Mitarbeiter sehr bemüht, vor allem was mein Problem mit dem Bad meines Zimmers angeht. Wieder mal ist das WC für meinen Toilettenstuhl zu hoch, aber mithilfe des sehr engagierten Haustechnikers lösen wir das Problem ganz einfach mit einer großen Holzplatte unter dem WC. Für den morgendlichen „Toilettengang“ brauche ich trotzdem beide Assistenten, da man den Toilettenstuhl anheben muss. Dies ist gleichzeitig ein sehr gutes Argument dafür, wieso ich auf Reisen zeitweise zwei Assistenten zur gleichen Zeit benötige. Wir machen ein Beweis-Video für das Sozialamt 🙂 wer weiß, für was das Video später noch gut ist!

Am ersten Abend haben wir aber noch eine andere Hürde zu überwinden. Von der Organisatorin des Beatmungs-Workshops bin ich als Referent zum Abendessen eingeladen. Wir wählen einen „Italiener“ mit leckeren Gerichten aus, der drei Stufen hat. Davon lassen wir uns allerdings nicht abschrecken, da der Inhaber höchst selbst sofort Unterstützung verspricht. Nachdem das halbe Küchenpersonal und ein sehr netter Gast im Restaurant zusammengetrommelt sind, geht es relativ sanft abwärts. Ansonsten gibt es keine besonderen Vorkommnisse, Schwerin ist recht barrierefrei und rollstuhlfreundlich. Auch die Besichtigung des traumhaften Schlosses ist trotz einiger Kopfsteinpflaster soweit kein Problem! Als wir dann die besonders interessante Ebene mit dem Thronsaal in Angriff nehmen wollen, treffen wir auf eine etwas übervorsichtige Mitarbeiterin. Sie gibt unserem Vorhaben keine Chance, da mein Rollstuhl ihrer Meinung nach viel zu schwer und zu groß für den Treppenlift im obersten Stock ist. Ich bin mir da nicht so sicher, da ich schon mit einigen Treppenlifts gefahren bin und es eigentlich immer geklappt hat. Deshalb wird die Vorrichtung von mir vor Ort in Augenschein genommen und wenige Minuten später bin ich auf der Ebene des Thronsaals. So kann man sich täuschen…

Später kommen wir in einen kräftigen Gewitterschauer, finden aber zum Glück ein Restaurant, in das wir hineinflüchten können. Bei nur noch leichtem Nieselregen stellen wir uns an die Bushaltestelle und sind erleichtert, als wir im Bus sind. Das gute Gefühl ist leider nur von kurzer Dauer. An der nächsten Haltestelle steigt ein recht alter Mann mit seinem Rollator ein, der sich leider als egoistischer und rücksichtsloser Zeitgenosse entpuppt. Als er merkt, dass er nicht sofort an meinem Rollstuhl vorbeikommt, vollführt er ein Riesentheater und will auf der Stelle durch. Tobias versucht vergeblich, ihn zu beschwichtigen und wird langsam aber sicher böse. Um für Ruhe zu sorgen, fährt mich Tobias ein kleines Stück nach vorne, damit der „Alte“ vorbeikommt. Im Eifer des Gefechts ein gutes Stück zu weit und ich krache mit meiner Fußstütze gegen einen Pfosten. Sofort ist klar, dass mit meinem rechten Fuß etwas passiert ist. Ich ärgere mich wahnsinnig und kann einfach nicht anders, als diesen Mitmensch zu beschimpfen. Ich habe ja für gewöhnlich viel Geduld, aber irgendwann reicht’s! Die Schmerzen verschwinden durch den Ärger dummerweise nicht.

Mein Schmerzgel allein reicht nicht und als wenig später die Apotheken geschlossen haben, hilft mir zum Glück eine sehr nette Hotelmitarbeiterin mit Schmerzmittel aus. Die Schlossbeleuchtung können wir trotzdem vergessen – denke ich zumindest. Nachdem Tobias sich von dem ganzen Theater erholt hat, hat er eine tolle Überraschung für mich. Er schlägt vor, die Schlossbeleuchtung vom Hotel aus zu beobachten und mit Hilfe unseres Fotostativs zu fotografieren. Das sollte sich als super Idee erweisen und lässt mich meine Schmerzen zwischendurch vergessen!

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: die meisten Hürden sind überwindbar, aber nicht der Egoismus und die Starrköpfigkeit mancher Mitbürger!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: es ist mitunter hilfreich, sich auf die Erfahrungen eines E-Rollstuhlfahrers verlassen.

Nur Liegen ist schöner!

Es ist eine tolle Sache, wenn man als beatmeter E-Rollstuhlfahrer die Möglichkeit hat, für den Hersteller seines Beatmungsgerätes Praxisvorträge zu halten. Vor allem wenn es immer in eine andere interessante Stadt geht. Durch meine Vorträge auf Beatmungskongressen kam der Kontakt zustande. Wohl dem körperlich eingeschränkten Referenten, der so coole Übernachtungsmöglichkeiten wie in einer Münchner Vorstadt zur Verfügung gestellt bekommt. Dieses Mal ist Schwerin an der Reihe, was eine lange Zugfahrt nach sich zieht. Mit 2 Assistenzkräften sitze ich im ICE und bereits kurz nach Mannheim stellen sich starke Schmerzen an meinem rechten Rippenbogen ein.

Beim Vortrag in Schwerin

Während meinem Vortrag in Schwerin

Da kommt meinem Assistenten Tobias eine super Idee: „Du könntest dich doch einfach quer auf die Sitzreihe neben deinem Rollstuhl-Stellplatz legen“, meint er. Ich glaube, mich verhört zu haben, da mir dieses Vorhaben viel zu kompliziert und nicht gerade praxistauglich erscheint. „Wir haben noch über 5 Stunden Zeit!“, ermutigt er mich. Eigentlich hat er völlig recht und zu verlieren gibt es ja nichts. Eine kurze Planungs-Phase genügt, dann legen wir los: das Kopfkissen kommt auf das eine Ende der Sitzreihe und während meine Assistentin Veronika die Sitzflächen nach unten drückt, schwenkt Tobias mich aus dem Rollstuhl in die Waagrechte. Ich liege! Zuerst unbequem, dann werden meine Beine mit 2 Kissen, die ich sowieso dabei habe, unterpolstert. Jetzt nur noch eine Lösung für die Füße finden, die über die äußere Armlehne nach unten hängen. Hierzu muss das Beatmungsgerät als Fußstütze herhalten 🙂 für die Fahrgäste an Bord ist der Durchgang zwar etwas schmal, aber es geht. Ab und zu wird mein Fuß fast heruntergeworfen, aber das sind Nebensächlichkeiten. Auch dass 2 oder 3 Fahrgästen bei unserer „Spezial-Transportaktion“ Mund und Augen weit offen stehen. Das Gefühl, im Liegen Zug zu fahren, ist einzigartig… man schwebt förmlich durch die Landschaft, den Himmel und die Bewegung der Wolken immer fest im Blick!

Auf jeden Fall funktioniert das Liegen super und ich habe eine so lange Entlastungsphase, wie ich es mir nie hätte träumen lassen! Deshalb hören einige Pflegekräfte am nächsten Tag einen Vortrag von einem sehr entspannten Referenten über seine „Heimbeatmung in der Praxis“. Reinhören lohnt sich: Beginn der Beatmung und Selbstbestimmung bei Beatmung.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es gibt immer eine Lösung, man muss es einfach nur machen oder machen lassen!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Jaaaaa, ein ICE-Abteil lässt sich auch zum Liegewagen umfunktionieren.

Information ist alles!

Wer kennt diese Situation als Mensch mit Behinderung nicht: es wird dringend ein neues Hilfsmittel benötigt oder man will ganz entspannt in den Urlaub fahren. Man weiß nicht so recht, auf was alles zu achten ist! Diesem Problem kann heutzutage sehr gut begegnet werden. Im Internet gibt es eine Fülle an Infoportalen rund um „Barrierefreiheit und Inklusion“. Immer öfter sind die Plattformen professionell aufgezogen und lassen Experten in eigener Sache zu Wort kommen. Diese Ehre wurde auch mir schon zuteil. Neuestes Beispiel auf der Seite www.treppenlift-ratgeber.de mit einem Interview über meine Erfahrungen, Wünsche und Ansichten zur Inklusion!

logo-treppenlift-ratgeber

Der Treppenlift-Ratgeber bietet zahlreiche nützliche Infos zum Thema Treppenlift und Anpassung der Wohnung/des Eigenheims. Dazu noch ansprechend gestaltet mit einigen Praxisbeispielen und Erfahrungen von Menschen mit Behinderung. Sehr empfehlenswert!

 

E-Erkenntnis des Tages: Cool, dass es immer mehr nützliche Info-Plattformen zur Barrierefreiheit gibt. Internet kann einfach genial sein!

E-Gebrauchsregel des Tages: Liebe Info-Portale, baut auch weiterhin so viele Praxiserfahrungen von mir Menschen mit Behinderung ein!