Das Schattendasein der ambulanten Pflege

Ausführlich geht und ging die Presse auf die Situation in den „Corona-Hotspots“ Krankenhaus und Pflegeheim ein, was gut und wichtig ist und war. Leider hat sie einen gerade auch für mich absolut existenziellen Bereich vergessen die ambulante Pflege.Ich organisiere mein Assistenzteam selbst, angestellt sind die AssistentInnen bei einem ambulanten Pflegedienst. Eine höhere Verantwortung, den „Kunden“ nicht anzustecken, verschärfte Hygienemaßnahmen und Arbeiten in 24-36-Stundenblöcken führen zu einer nicht unerheblichen Mehrbelastung. Hinzu kommt die Problematik, dass ich als Teil außerklinischer Beatmung zur Zeit nur sehr zeitverzögert an Schutzausrüstung wie professionellen Mundschutz, Handschuhe und Hände-Desinfektionsmittel komme. Zum Glück bin ich als ordentlicher Schwabe gut strukturiert und habe noch etwas Vorrat 🙂

Meine derzeit immer noch größte Sorge ist aber: Was mache ich, wenn eine/r meiner AssistentInnen das Virus bekommt und gleichzeitig ein Großteil meines Assistenzteams ausfällt. Falls die ambulante Versorgung von Personen mit hohem Unterstützungsbedarf zu Hause nicht mehr gewährleistet werden könnte, müssten diese Menschen entweder zu ihrer Familie oder in ein Krankenhaus eingewiesen werden. Das Horrorszenario Krankenhaus brauche ich nicht schon wieder, auch wenn das Pflegeteam bei meinem letzten Aufenthalt echt super war. Aber es gibt halt die üblichen organisatorischen und bürokratischen Probleme: Erstens wird Assistenz im Krankenhaus grundsätzlich nicht bezahlt, weil ja das Krankenhaus die Pflege sicherstellen muss (in der Praxis ist das bei mir aber nur in Ansätzen möglich, da die Unterstützung und Handreichungen, die ich brauche, sehr individuell auf mich abgestimmt sind). Im Falle des oben beschriebenen Szenarios hätte ich zeitweise sowieso nicht genügend Assistenten zur Verfügung, weil sie sich in Quarantäne befänden.

Der worst case wäre natürlich, wenn ich selbst erkranken und in Quarantäne kommen würde. Wer weiß schon, wen das Personal dann überhaupt noch zu mir vorlassen würde. Der eine oder andere Fall in den Medien, wonach Angehörige ein im Sterben liegendes Familienmitglied nicht sehen/besuchen dürfen, ist für mich ein absolutes Nogo. Dann müssen alle Möglichkeiten in Betracht gezogen werden, zum Beispiel Besuch mit 100 % sicherer Schutzausrüstung.

Covid 19 verboten bei der persönlichen Assistenz

Also noch mal auf den Punkt gebracht: Für den Fall, dass ich ohne Assistenz und ein Familienmitglied in die Klinik müsste, hätte ich große Bedenken, dass sich die Ärzte und Pfleger angesichts der Corona-Krise für mich genügend Zeit nehmen könnten. Einige Betroffene haben noch schwerwiegendere Befürchtungen , nämlich dass sie bei einer möglichen „Triage“ aufgrund ihrer Behinderung keine lebensrettende Behandlung bekommen. Der Begriff “Triage“ kommt aus dem Französischen und bedeutet “Auswahl“ oder “Sichtung“. Im medizinischen Kontext beschreibt er die Einteilung von Patienten nach der Schwere ihrer Verletzungen. Mithilfe des sogenannten „Triage-Systems“ sollen Ärzte und Pfleger leichter entscheiden können, wer zuerst behandelt wird. Dabei spielen die Erfolgsaussichten einer Behandlung eine entscheidende Rolle. Um diese bei der derzeitigen Pandemie und den jeweils bestehenden Ressourcen zu prüfen, haben die wichtigsten ärztlichen Fachgesellschaften Handlungsempfehlungen in einem Leitfaden verabschiedet. Hauptkriterien sind folgende:

  • den Schweregrad der Erkrankung
  • den allgemeinen Gesundheitszustand
  • mögliche Begleiterkrankungen, die die Diagnose verschlechtern können (z.B. eine fortgeschrittene Krebserkrankung oder Immunschwäche)

Wichtig dabei ist das Mehraugenprinzip: Am besten sollten mindestens zwei Ärzte der Intensivmedizin und ein erfahrenes Mitglied aus dem Pflegeteam gemeinsam entscheiden. Das klingt in der Theorie gut, Behindertenverbände wie die International Disability Alliance (IDA) oder der Behindertenaktivist Raul Krauthausen befürchten allerdings, dass Menschen mit schweren Behinderungen im Ernstfall benachteiligt werden. Was auf jeden Fall nicht passieren darf: Grundsätzlich und pauschal alle Menschen eines gewissen Alters und mit Behinderung –unabhängig von der patientenindividuellen Erfolgsaussicht von Behandlungen –negativ zu bewerten. Das Institut für Menschenrechte mahnte die deutsche Regierung, dass sie genau auf die Anwendung der Leitlinien achten muss!

Um auch noch etwas Positives zu sagen: Ich habe ehrlich gesagt ein positives Gefühl, denn zu einem derartigen Problem wird es gar nicht kommen; wir haben genügend gute und emphatische Ärzte – vor allem von der jungen Nachwuchsgeneration habe ich bislang diesen Eindruck! Allerdings finde ich es äußerst schade, dass bei der Erstellung des Leitfadens nicht die Meinung von Menschen mit Behinderung nicht mit einbezogen wurde. Das ist nicht inklusiv und man verzichtet auf wichtige Erfahrungen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Ambulante Pflege und außerklinische Beatmung brauchen unbedingt Unterstützung in der Corona-Krise, denn sie leisten einen großen Beitrag! Danke an alle, die das erkennen und sich dafür engagieren.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Jetzt heißt es Positiv Denken, seit jeher eines der wichtigsten Rezepte, um aus einer Krise gestärkt hervorzugehen!