Fahren mit Bahn und Straßenbahn muss gelernt sein

Ich kann ausnahmsweise einmal gemütlich zur Straßenbahn fahren und es kommt sogar eine rollstuhlgerechte Bahn mit Klapprampe. Wer aber glaubt, dass ich damit aller meiner Sorgen entledigt bin, täuscht sich gewaltig. Spätestens beim Ausstieg am großen Busbahnhof kommt es öfter zu Komplikationen. Die Menschen stehen dicht gedrängt am Bahnsteig und Einige kleben mit der Nase förmlich an der Straßenbahnscheibe, noch bevor diese zum Stehen kommt. Kaum öffnet sich die Türe, stürmen die Menschen in die Bahn, als ginge es ums nackte Überleben. Natürlich stehen ein paar Spezialisten mitten auf der Klapprampe. Als der Schaffner die Klappe herunterklappen will, um mich herauszulassen, muss er sie erst mal deutlich auffordern, Platz zu machen. Ich bin froh, als ich draußen bin und die Bahn ihrem weiteren Schicksal überlassen kann.

Beim Ausstieg aus dem Bus ist das Ganze noch eine Nummer komplizierter, da ich erst durch den schmalen Gang fahren muss, am Fahrer vorbei, um auf die elektrische Rampe zu kommen. Natürlich geben mir die meisten Menschen keine Chance dazu, da sie sofort einsteigen. Dann wirds schön kuschelig und ich muss mich an einigen Leuten, die große Augen machen, vorbeiquetschen. Es ist nervig und uneffektiv und zeigt einfach, dass wir Deutschen ein bisschen mehr Disziplin nötig haben. Noch schlimmer ist es aber, wenn man als Rollstuhlfahrer mit ganz vielen Menschen am Bahnsteig steht, was vor allem nach Großveranstaltungen vorkommt: Wenn ich meine Helfer nicht anweise, sich vorzudrängeln und ihre Ellenbogen einzusetzen, schaffe ich es nicht in die Bahn. Es ist ganz klar: Wer nicht als erster die Bahn entert, ist verloren: Eine Schande, die kein Mensch jemals ertragen könnte.

Bahnfahrt

Schon traurig, dass Ordner zwingend nötig sind, um ein absolutes Chaos zu verhindern. Kürzlich war an der Bahnhaltestelle mal wieder die Hölle los: Ein paar Jungs haben Junggesellenabschied gefeiert. Als sie in die Bahn steigen, sind sie alles andere, bloß nicht nüchtern und bleiben mitten in der Bahn stehen. Es ist scheinbar kein Durchkommen mehr, aber die Jungs müssten einfach nur aufrücken. Obwohl sie total neben der Spur sind, bekommen sie das gerade noch hin und ich kann mich irgendwie in die Bahn quetschen. Allerdings zu dem Preis, dass ich fast keine Luft mehr bekomme. Kaum zu glauben, dass Fahrradfahrer manchmal sogar freiwillig aus der Bahn oder dem Bus steigen, um Platz zu machen. Es gibt also Lichtblicke und im Grunde finde ich es toll, dass ich die Möglichkeit habe, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Bei der Fahrt mit Bus und Bahn sind gute Nerven zwingend erforderlich.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Beim Ein – und Aussteigen in öffentliche Verkehrsmittel Mitdenken und Rücksichtnahme nicht vergessen!

Tatort Service-Point

Ich bin ausnahmsweise einmal pünktlich am Hauptbahnhof, denn ich will ja das letzte Liga-Spiel der Saison vom VFB anschauen. Voller Vorfreude melde ich mich beim Service-Point an, damit mir die Bahn-Mitarbeiter beim Einstieg helfen. Schließlich bin ich ja ordnungsgemäß vorgemeldet. Plötzlich klingelt mein Handy und mein Kumpel berichtet mir, dass er wegen einer Zugverspätung den Anschlusszug verpasst hat. Na Prost Mahlzeit, den geplanten Zug bekommen wir so nie und die erste Halbzeit ist futsch. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es meistens Glück gebracht hat, wenn ich zu spät kam…

Die schwierigste Aufgabe steht mir aber noch bevor: Ich darf dem Service-Mensch erklären, dass ich ein Zug später fahren muss. Und prompt erklärt er mir mit höchst sorgenvoller Mine, dass dies natürlich ein sehr frommer Wunsch sei. Und samstags seien die Züge ja überfüllt und er müsse erstmal den Zugbegleiter fragen. Aber wahrscheinlich habe es eh keinen Zweck!

DB Schlacht

Langsam habe ich genug von dieser Jammerei und frage ihn geradeheraus, was er eigentlich unter einer Serviceleistung versteht, ich will ja nur eine Lösung und wenn es um den VFB geht, kenne ich keine Gnade! Ich bin kurz davor, auszurasten, aber der Service-Mensch kommt mir zuvor und flippt aus: Er habe jetzt langsam die Schnauze voll. Er sei schon vierzig Jahre bei der Deutschen Bahn und habe absolut keinen Bock mehr auf dieses Theater jeden Tag. Er würde sich jetzt krankschreiben lassen, damit er diesen Stress endlich loshabe, verkündet er. Ich bin einigermaßen perplex und finde es nach kurzer Sprachlosigkeit fast schon witzig. Immerhin ist der Gute so pflichtbewusst, dass er tatsächlich nachfragt, ob in dem späteren Zug noch ein freier Rollstuhlplatz ist.
Derweil verdrücke ich mich, um weiteren Wutausbrüchen zu entgehen. Nach ein paar Minuten kommt eine überaus freundliche Bahn-Mitarbeiterin auf mich zu und teilt mir mit, dass ich den nächsten Zug nehmen kann. Also, geht doch!

Als mein Kumpel endlich eintrifft, überbringe ich ihm sofort diese freudige Botschaft und das Beste: Im Stadion entschädigt mich der VFB mit drei Toren in sechs Minuten!! Wenn sich das mal nicht gelohnt hat, denke ich mir und könnte platzen vor Freude.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Lass dir niemals von einem Bahn-Service-Mitarbeiter die Laune verderben!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Es gibt immer eine Lösung.

Die Tücken einer schriftlichen Prüfung

Die meisten Schüler und Studenten haben in der Regel vor mündlichen Prüfungen den größten Respekt. Bei mir ist das Gegenteil der Fall und zwangsläufig war ich den schlimmsten Nervenschlachten während schriftlichen Prüfungen ausgesetzt. Ich habe die Zwischenprüfung meines Studiums noch viel zu genau im Hinterkopf. Zuerst konnte ich mich nicht für die Fragen entscheiden, die ich mindestens beantworten sollte und am Ende wurde die Zeit knapp. Irgendwann wurde die Hilfskraft, welche mich und meinen Helfer beaufsichtigt hatte, durch einen Dozenten abgelöst, mit dem ich schon einige positive Gespräche hatte. Er beruhigte mich erst mal mit den Worten, dass ich mir ruhig Zeit lassen solle. Als ich nach 5 ½ Stunden fix und fertig abgab und der Dozent zu einem Kommentar ansetzte, befürchtete ich das Schlimmste. Aber er machte mir ein Kompliment, dass ich ja eine ganz schöne Leistung vollbracht hätte.

Die Vorgeschichte bis zur nächsten kritischen Prüfungssituation beginnt im April 2009: Vor meiner Abschlussprüfung des Studiums sind umfangreichere Vorbereitungen nötig, um die optimalen Bedingungen für mich herauszuholen. Ich stelle beim Prüfungsamt einen Antrag auf Zeitverlängerung und will erreichen, dass ich meine schriftliche Prüfung zu Hause schreiben kann. Hört sich verrückt an, aber ich kann nicht sechs Stunden am Stück meinem Zivi eine Klausur diktieren, ohne mich hinzulegen. Zu meiner positiven Überraschung ist der Chef des Prüfungsamtes total umgänglich und locker drauf. Ich schildere ihm die Situation und er überlegt keine zwei Sekunden: Ich solle die Prüfung so abwickeln, wie ich es für richtig halte. Schließlich wäre ich ja Experte in eigener Sache und könne meine Bedürfnisse am besten einschätzen. Ich kann kaum fassen, dass die Sache schon durch ist und jubiliere innerlich. Am Tag der Prüfung kommt ein netter Aufseher in meine Wohnung und es kann losgehen. Schon ein komisches Gefühl und meine Gedanken kommen nur schwer ins Rollen, eine zähe Angelegenheit! Mit dem Ergebnis, dass mein Zivi am Ende der Klausur fast um sein Leben schreiben muss. Kaum zu glauben, dass sechs Stunden Prüfungszeit um ein Haar nicht ausreichen.

Zu guter Letzt sei aber noch erwähnt, dass auch mündliche Prüfungen bei mir nicht immer ohne Komplikationen ablaufen. Relativ entspannt fahre ich zu meiner mündlichen Geschichtsprüfung. Vor dem Prüfungsraum will ich noch mein Beatmungsgerät in Gang setzen, da ich dann viel entspannter reden kann. Plötzlich fragt mein Zivi nach, wo denn meine Atemmaske sei. Mir wird auf einmal bewusst, dass sie zu Hause liegt und ein Anflug von Panik überkommt mich. Mein Zivi ist der Verzweiflung nahe, meine Prüfer fragen mich, ob alles in Ordnung sei und ich die Prüfung auf einen anderen Tag legen wolle? Aber ich habe mich wieder gefangen und will das Ding jetzt durchziehen. Da ich mich relativ stark auf die Atmung konzentriere, verfliegt jegliche Nervosität und ich lege problemlos eine Bombenprüfung ab.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Augen zu und durch: Irgendwie kriegt man jede Prüfung über die Bühne.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Weniger Bürokratie ist mehr! Der Pragmatismus soll Siegen!

Der etwas andere Start ins Studium

Ich habe mir schon lange vor dem Abitur Gedanken gemacht, wie es weitergeht, das heißt wo und was ich studieren werde. Denn es war klar, dass ich Einiges vorher abklären musste. Wer übernimmt die Pflege, gibt es rollstuhlgerechte Wohnungen, ist die Stadt rollstuhlfreundlich und das Wichtigste, kann ich mein Wunsch-Studienfach wegen der Gebäudezugänglichkeit studieren? Das waren für mich die drängendsten Fragen. Um es kurz zu machen: Ich habe mich letztendlich für die Kombination Geschichte und Politikwissenschaft in Heidelberg entschieden, nicht zuletzt dank zweier sehr engagierter Vertrauensleute, dem Fachstudienbeauftragten und dem Behindertenbeauftragten. Ohne Umbaumaßnahmen im Historischen Seminar wäre für mich ein Studium unmöglich gewesen. Beide haben mich aber hervorragend unterstützt und schließlich wurden Rampen gebaut, sodass ich problemlos durchs Gebäude flitzen konnte. Und so muss das sein: Engagiert und unkompliziert.

Überhaupt kommt mir während des gesamten Studiums viel Verständnis seitens der Dozenten entgegen. Nur ein alter Professor interveniert empört, da ich seine Vorlesungen für meine Nachbereitung aufzeichnen möchte. Aber der Reihe nach: Das Studium beginnt mit der Ringvorlesung für Studienanfänger „Einführung in die Politikwissenschaft“. Die Aula der Neuen Universität ist völlig überfüllt und ich muss mich mit meinem Helfer an einen freien Platz durchkämpfen. Es ist eine riesige und nicht immer einfache Umstellung von der kleinen, gut behüteten Schule zum Massenbetrieb Universität. Dafür sind die Kommilitonen meist sehr hilfsbereit, wenn ich einen Mitschrieb kopieren will oder ähnliches. Das Knüpfen von Kontakten mit Kommilitonen will nicht so richtig klappen. Natürlich haben einige Berührungsängste, aber es liegt eher an den Bedingungen, die meinen Studiumsalltag bestimmen. Da ich nicht so lange sitzen kann, komme ich eigentlich nur zu den Vorlesungen und Seminaren, fahre danach mit dem Taxi wieder zurück. Am schwersten wiegt, dass ich nicht in die Mensa gehe, dem Hauptgesprächsort für studienrelevante Themen und Dinge, welche die Studenten bewegen. Viele Studenten können so viel leichter eine Beziehung zueinander aufbauen, wenn sie mehr oder weniger den ganzen Tag miteinander verbringen.

Dass bei manchen meiner Kommilitonen doch recht viel Unsicherheit im Verhalten gegenüber mir zu spüren ist, macht mein erstes Referat im Studium deutlich. Als es um die Vergabe der Referatsthemen und -gruppen geht, möchte fast keiner mit mir eine Gruppe bilden. Letztlich finden sich doch ein paar Kommilitonen, wobei ich nicht gerade die motiviertesten Leute erwische. Ich investiere zunächst mit Abstand am meisten Arbeit in die Vorbereitung des Referats. Als ich am Tag des Referats als erster meiner Gruppe mit dem Vortrag beginne, merke ich schnell, dass die Kommilitonen sehr aufmerksam und interessiert zuhören. Danach klopft mir einer auf die Schulter und teilt mir mit, dass ich einen sehr ansprechenden Vortrag gehalten hätte.

Da ich nicht so schnell reden kann, muss ich besonders darauf achten, nur das wichtigste in meinen Vortrag zu packen. Dies führt dazu, dass meine Referate sehr kompakt ausfallen und es der Zuhörer einfach hat. Den Grundstein für meinen gelungenen Vortrag lege ich am Beginn des Referats: Ich teile den Zuhörern mit, dass ich aufgrund meiner schwachen Atmung nicht so konstant reden kann und mein Vortrag nicht flüssig sein wird. Aber nach vielen vorherigen Referaten, die meistens in geschliffenem  Hochdeutsch heruntergerattert wurden, sind meine Kommilitonen froh, dass sie nun ganz entspannt Satz für Satz von mir anhören dürfen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Aller Anfang ist schwer, aber spannend!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Studenten im E-Rollstuhl sind Studenten wie jeder andere, nur etwas anders!

Der ultimative VfB-Wutausbruch

Eines schönen Mittags sitze ich zu Hause bei meinen Eltern auf der Terrasse und lass es mir gut gehen. Eigentlich bin ich total entspannt und mich kann nichts aus der Ruhe bringen, wäre da nicht eine Sache, die ganz tief in meinem Inneren rumort. Es ist das leidige Thema mit dem Rollstuhlfahrerkarten für mein Wohnzimmer – ähhääm ich meine natürlich die Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart, wo mein VfB seine Heimspiele austrägt. Bisher war es immer so, dass ich mir für jedes Spiel ein einzelnes Ticket besorgen musste, was immer ziemlich mühsam war. Manchmal konnte man das Wetter schlecht vorhersehen – denn bei Dauerregen mit E-Rollstuhl im Stadion zu sitzen macht keinen Sinn – und hin und wieder habe ich einfach keinen Begleiter gefunden. Irgendwann hat dann der VfB angekündigt, für jeden Rollstuhlfahrer eine Dauerkarte anzubieten. Ich komme deshalb zwar nicht mehr umsonst ins Stadion, aber ich habe endlich meinen gesicherten Stammplatz und meine Ruhe.

An dem besagten Nachmittag lässt mir das ganze keine Ruhe mehr und ich greife zum Telefon. Ich weiß wohl, dass ich einen schwierigen Gesprächspartner habe mit dem Behindertenbeauftragten des VfB. Er ist ehrenamtlich tätig und sicher sehr bemüht, aber halt auch heillos überfordert. Aber ich habe keine andere Wahl, es ist schon der dritte Spieltag und die versprochene Dauerkarte lässt immer noch auf sich warten!
…TutTut… „Heinzelmann, was kann ich für sie tun??“ Ich schildere mit Nachdruck meine Situation und bin voller Hoffnung. Der gute Heinzelmann speist mich mit der 08-15 Aussage ab, da könne er jetzt auch nichts machen und ich bräuchte halt noch etwas Geduld.

Das war eindeutig zu viel, ich bin fassungslos und koche vor Wut. Es gibt kein Halten mehr, ich schreie ihn an, dass dies wohl die größte Verarschung des Jahrhunderts wäre und werde immer lauter. Als plötzlich meine Mutter mit hochrotem Kopf auf der Terrasse erscheint, wird mir bewusst, dass ich übers Ziel hinausgeschossen bin. Erst habe ich den guten Heinzelmann fertig gemacht und nun bin ich dran: Meine Mutter herrscht mich an, was mir eigentlich einfällt, so laut draußen herumzubrüllen. Was sollen da bloß die Nachbarn denken. Das ist mir natürlich in diesem Moment völlig egal, aber ich sage erst einmal nichts mehr! Bis ich wieder vollständig herunterkomme, dauert es noch eine ganze Weile.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Schreie nie zu laut auf der Terrasse herum!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Achtung, auch Fußballfans im E-Rollstuhl können ausrasten!

Veröffentlicht unter VFB

Begrüßen und Verabschieden mal etwas anders

Begrüßen und Verabschieden mal etwas anders

Wie oft passiert es uns heutzutage, dass wir auf der Straße einen Jugendlichen begrüßen und einfach keine Antwort bekommen!? Der Grund: Die meisten sind mit ihrem I-Phone beschäftigt oder hören so laut Musik, so dass sie um sich herum so gut wie nichts mehr mitbekommen. Da ist es doch eine Wohltat, wenn uns bei einer Veranstaltung zur Begrüßung erstmal jemand die Hand reicht.
E-Rollstuhlfahrer wie ich denken da aber etwas anders: „Hoffentlich versucht hier niemand, mir die Hand zu geben!“ Nicht das ich keine Lust hätte, höflich zu sein und mich zu unterhalten. Diese Haltung legen wir einfach nur aus praktischen Gründen und zum Schutz des Gegenübers an den Tag. Ja, richtig gehört, wer E-Rollstuhlfahrern die Hand gibt, lebt gefährlich! In der Regel haben sie die rechte Hand am Steuerknüppel und wenn man versucht, diese zu schütteln, ist klar was passiert. Zumindest bei mir ist das ein riskantes Spiel, da meine Finger dauerhaft am Steuerknüppel sind. Damit alles in der richtigen Position ist, wird der Arm von einer speziellen Armauflage gestützt. Wenn sich irgendetwas durch äußere Einflüsse verschiebt, kann ich gleich nicht mehr so gut steuern und mein Helfer muss meine Hand wieder mühsam nachjustieren.

Salto Mortale InternetBesonders kritisch wird es meistens, wenn ich in meiner Kirchengemeinde bin. Viele der älteren Damen meinen es besonders gut mit mir und denken wohl, sie machen mir eine große Freude, wenn sie meine Hand kräftig tätscheln oder gar meine komplette Hand schütteln. Leider verursacht dies bei mir einen mittleren Albtraum, denn bei meiner Hand stimmt dann gar nichts mehr. Dass ich nebenbei mit dem falschen Namen gegrüßt werde, ist da leicht zu verschmerzen. Na ja, bei den Senioren ist das ja echt verständlich, die kennen sich mit der neuen Technik kein bisschen aus und können die Auswirkungen nicht erahnen. Bei manchem unserer jüngeren Mitmenschen verstehe ich aber manchmal nicht, dass Sie überhaupt nicht überlegen, was sie tun. Anscheinend sehen sie meinen Steuerknüppel nicht oder sie denken, ich steuere meinen E-Rolli irgendwie anders.

Beim Verabschieden vom Leiter des Gottesdienstes kam es jedenfalls schon öfter fast zu einem Frontal-Zusammenstoß. Wenn die Männer voller Tatendrang meine Hand anpacken, machen Sie in der nächsten Zehntelsekunde einen Satz zurück und mein Turbogeschoss schießt um Haaresbreite an ihnen vorbei. Ich bekomm natürlich die Krise und mein Herz rast. Aber seit einem Jahr ist alles besser: Einer meiner Rollstuhl-Experten hat mir einen genialen Handwärmer konstruiert, der meine Hand ab sofort vor Wind und Kälte schützt und natürlich vor fremden Händen, die jetzt gezwungen sind, mich mit einem Klaps auf die Schulter oder auf die andere Hand zu begrüßen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Hab ganz fein acht auf deine heilige Steuerung.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Bitte gib keinem E-Rollstuhlfahrer ohne nachzudenken die Hand!

Immer diese Kirchen(Fuß)gänger

Nach meinem Umzug musste ich einige Wochen mit der Straßenbahn fahren, wenn ich die Gottesdienste meiner Kirchengemeinde besuchen wollte. Da es nie ganz klar ist, ob die geeignete Bahn kommt, bin ich sicherheitshalber mit meinem kleinen Schieberollstuhl – liebevoll auch Stadionrolli genannt – auf Tour gegangen. Naja, war alles halb so schlimm, da es auf den Sommer fiel. Viel schwerer wog, dass ich in meinem kleinen Rolli absolut unbeweglich bin und eine Etage tiefer wie alle Fußgänger dieser Welt sitze. Ich bin also darauf angewiesen, dass die Leute von selbst auf mich zukommen. Eigentlich ja nicht so schwer, sollte man meinen. Außerdem bin ich ein sehr offener und kommunikativer Mensch, der sich über jeden Gesprächspartner freut.

Also, steigen wir ein in die Szenerie: Ich sehe einen alten Kumpel in der Kirchenbank sitzen, der mittlerweile in einer anderen Stadt studiert. Ich freue mich schon auf die Unterhaltung nach der Kirche. Nach dem Schlussgebet kann ich mich leider nicht sofort zu meinem Kumpel umdrehen, also warte ich. Und zum Glück kommt gleich mein Helfer um die Ecke. Sofort gebe ich ihm zu verstehen, dass er mich drehen soll. Da sehe ich auch schon wieder meinen Kumpel und rufe nach ihm. Aber aus irgendeinem Grund registriert er mich nicht und irgendwann geb ichs auf.

Draußen im Vorraum ist es ziemlich voll und ich verzichte darauf, mich zu irgendeinem potenziellen Gesprächspartner hinfahren zu lassen. Ein paar Jugendliche stehen im Kreis zusammen und unterhalten sich angeregt. Leider sehen sie mich nicht und ich friste einsam mein Dasein. Ansonsten wäre ja alles kein Problem: Denn wenn ich mich mal ins Gespräch einschalten kann – sofern die Voraussetzungen gegeben sind, freuen sie sich sofort und hören mir interessiert zu.
Als ich so vor mich hin sinniere kommt einer meiner besten Kumpels und reißt mich aus den Gedanken. Sofort beschließen wir, dass auf jeden Fall noch ein, zwei Bierchen in unserer Stammkneipe drin sind. Ein paar andere Jugendliche kommen ebenfalls mit und es wird doch noch ein gelungener Abend.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Kommunikation ist möglich, wenn die Rahmenbedingungen passen!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Immer schön aufmerksam! Rollstuhlfahrer sind in der Regel tolle Gesprächspartner!

Immer diese Berührungsängste

Heute Abend bin ich bei Freunden zum Geburtstag eingeladen. Es wird gegrillt und ich finde es cool, dass ich einmal nicht der Grillgastgeber bin und nichts vorbereiten muss. Über einen kleinen Holperweg fahre ich in den großen Garten und es ist echt nett dort, ideal für ne Party. Die Stimmung ist gut und wir unterhalten uns alle recht angeregt. Spätestens als die ersten Gäste wieder gehen, fällt mir etwas auf: Alle nehmen sich zum Abschied kurz in den Arm, nur bei macht das niemand. Eigentlich bin ich das gewohnt, aber diesmal fällt es mir besonders auf. Die Leute haben wohl Angst, dass sie meine Atemmaske verschieben oder bei mir etwas zerbrechen könnten, dabei bin ich ein ziemlich zäher Bursche. Ich finde es total schade und könnte mich schon etwas aufregen, aber erstens bringt das nichts und zweitens verstehe ich meine Mitmenschen auch ein bisschen.

Denn wenn sie es genau wüssten wie, würden sie sich mit Sicherheit anders verhalten. Es hat sich als beste Methode erwiesen, dass ich meinen Mitmenschen dabei helfe und offen auf sie zugehe. Dann merken sie plötzlich, dass „der ja voll gut und witzig drauf ist und mit ähnlichen Problemen wie ich selbst zu kämpfen hat“. Dies senkt ihre Hemmschwelle meist gewaltig und sie sind oft beeindruckt, dass stark eingeschränkte Menschen ja ganz normal leben können.

Hauptursache dafür, dass Menschen nicht genau wissen, wie sie sich gegenüber behinderten Menschen verhalten sollen, ist meiner Meinung nach die mangelnde Aufklärung über verschiedene Krankheitsbilder und der fehlende Umgang mit körperlich und geistig Behinderten. Durch meine langjährige Erfahrung weiß ich, dass alle Menschen, die einmal ein Soziales Jahr gemacht, körperbehinderte Familienmitglieder haben oder beruflich mit behinderten Menschen zu tun haben, viel lockerer mit Rollstuhlfahrern, Spastikern, Blinden, etc. umgehen und sie einfach wie normale Menschen behandeln. Scheinbar ganz einfach und doch so schwer!
Natürlich gibt es Menschen, die von Natur aus keine Probleme haben, alle Menschen sofort anzusprechen, und die besonderes Interesse zeigen, wenn jemand außerhalb der Norm ist. Damit man im Umgang mit behinderten Menschen sicherer wird, gibt es eigentlich ein ganz einfaches Rezept: Orientiere dich an Menschen, die das super können und denke dir bei einer behinderten Person einfach, dass es ein Mensch ist wie du und ich.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Sei nicht so streng mit deinen Mitmenschen und ergreife die Initiative, wann immer sich die Chance bietet.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: E-Rollstuhlfahrer brauchen gewöhnlich keine Sonderbehandlung!

Angekommen in der realen Welt der Fußgänger:

Ich habe schon unzählige Versuche unternommen, an einen festen Job oder neue Aufträge zu kommen. In meinen Bewerbungsgesprächen war ich bisher nicht gerade vom Glück verfolgt. Meistens waren es immer dieselben Punkte, wieso ich eine Absage bekommen habe: Einerseits gab es Bedenken, dass ich aufgrund meiner Situation als E-Rollstuhl-Fahrer nicht flexibel und leistungsfähig genug bin, andererseits bin ich Quereinsteiger und kein gelernter Journalist. Außerdem habe ich das Pech, als Texter einer sehr großen Konkurrenz ausgesetzt zu sein.

Irgendwann habe ich beschlossen, bei meinen Bewerbungsaktionen mehr auf persönliche Kontakte zu setzen, denn Beziehungen sind bekanntlich die halbe Miete! Vor ein paar Wochen bin ich in die Gruppe „Rhein-Neckar-Netzwerk“ des Sozialen Netzwerks Xing eingeladen worden. Xing ist vergleichbar mit Facebook, hauptsächlich bezogen auf Geschäftsleute beziehungsweise Arbeitnehmer. Jeden Monat findet ein Netzwerktreffen statt und dieses Mal geht es um die Gestaltung von Homepages. Ich denke mir, dass dies für mich ganz nützlich sein könnte, um neue Kontakte zu knüpfen.

Als ich in das Hotel hineinfahre, wo das Treffen stattfindet, bin ich sehr gespannt, was mich erwartet. Hoffentlich nicht lauter Geschäftsmänner, die wahnsinnig wichtig sind und mir nicht die geringste Beachtung schenken. Ich fahre langsam auf eine Gruppe zu, die im Kreis beieinander steht. Vielleicht kann ich mich am Gespräch beteiligen, aber es kommt zu einen Reflex, der geradezu typisch ist: Sie wollen unbedingt sofort Platz machen und mich vorbeilassen. Dabei wollte ich ja nur am Gespräch teilnehmen und die Leute begrüßen. Der erste Kontaktversuch ist also gescheitert und ich bin froh, als ich die Moderatorin der Netzwerk-Gruppe an einem Stehtisch erblicke. Ohne zu zögern, steuere ich auf sie zu. Ich stelle mich vor und sie wirkt ziemlich überrascht. Erst als ich ihr erkläre, dass sie mich in die Gruppe eingeladen hat, kommt sie langsam in die Gänge. Ihr Gesprächspartner ist ebenfalls ziemlich überrumpelt, da ich ihn zunächst verwechsle und unvermittelt von meiner Tätigkeit und dem Grund meiner Anwesenheit berichte. Meine Gesprächspartner verstehen mich aufgrund des hohen Lärmpegels im Besprechungsraum nicht wirklich gut. Ich bin froh, dass ich mein Beatmungsgerät laufen habe, denn sonst würde mich wahrscheinlich gar niemand verstehen.

Dennoch habe ich ein Problem, das wohl der Klassiker unter den Kommunikationsproblemen von Rollstuhlfahrern ist: Ich befinde mich fast eine Etage tiefer wie meine stehenden Gesprächspartner. Die Tatsache, dass es nur Stehtische gibt, erschwert die Kontaktaufnahme erheblich. Die meisten „Netzwerker“ sehen gar keine Veranlassung, sich zu mir etwas herunterzubeugen, geschweige denn in die Hocke zugehen. Immerhin kann ich mich mit einer netten Frau aus der Personaldienstleistungs-Branche ein wenig unterhalten.
Dann geht’s offiziell los und es gibt eine kleine Vorstellungsrunde. Als ich an der Reihe bin, versuche ich so locker und witzig wie möglich etwas von mir zu erzählen. Dass gelingt mir sehr gut und ich habe einige Lacher auf meiner Seite. Das dürfte zur allgemeinen Entspannung beitragen, denn durch meinen Auftritt mit Beatmungsmaske habe ich doch einige sehr erschreckt. Kurz nach dem Vortrag eines Referenten kommt ein netter Typ auf mich zu, beginnt ganz normal mit mir zu quatschen und das Beste: Da er mich ums verrecken nicht verstehen kann, schnappt er sich einen Stuhl und setzt sich drauf. Echt cool, da denkt jemand mit! Es sind einige nette Leute beim Treffen dabei und ich kann mich mit einem von ihnen noch ein bisschen unterhalten. Mit Geschäftskontakten war ich zwar nicht sonderlich erfolgreich, aber das Live-Kontaktexperiment mit einer Gruppe aus einem Sozialen Netzwerk ist nach anfänglichen Schwierigkeiten noch ganz gut geglückt.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Schön selbstbewusst auftreten und den Mut haben, Kommunikation zu wagen.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Immer locker bleiben und nach unten schauen!

Der ultimative Ämterwahnsinn

Uns Rollstuhlfahrer und anderen Behinderten geht es in Deutschland sehr gut. Wir haben mehr Rechte als wir glauben und bekommen je nach Krankheitsbild und Bedarf eine „Rund um die Uhr“-Versorgung bezahlt. Alles schön und gut, wäre da nur nicht das böse Monster namens Bürokratie in Form der deutschen Ämter. Ein Umzug in einen anderen Zuständigkeitsbereich kann da echt zum Fluch werden: Zunächst einmal muss der Umzug für Hartz 4-Empfänger wie mich vom Jobcenter genehmigt werden. Als E-Rollstuhlfahrer, der mit einer 24 Stunden Alltagsassistenz bekommt, steht einem eine umfangreichere Wohnungsgröße zu. Das weiß ich und ich bin ziemlich verwundert, als die Frau vom Jobcenter unverblümt wissen will, wozu ich eigentlich umziehen will. So nach dem Motto, was fällt dem eigentlich ein, umzuziehen! Aber es gibt ja triftige Gründe, ich lasse mich nicht abwimmeln und bleibe ganz freundlich.

Später analysiere ich mit meinen Freunden die Situation: Im Prinzip geht es dem Amt nur darum, eine Geldleistung zu verhindern oder möglichst lange hinauszuzögern. Wir geben die Parole aus, dass ich den Vorfall abhake und das Amt kontinuierlich nerve, wie weit mein Antrag denn sei. Die Genehmigung lässt zum Glück nicht lange auf sich warten und die Bestätigung durch das neue Jobcenter läuft reibungslos. Tja, Wunder gibt es bekanntlich immer wieder! Aber die Freude währt nicht allzu lange, denn es gibt ja auch noch das Sozialamt, welches einen Teil der Pflegeleistungen und die Alltagsbegleitung bezahlt. Auch hier steht ein Ämterwechsel bevor, wobei die Sozialämter ihren Sitz in der gleichen Stadt haben. Gefühlt sind sie aber ein paar 100 Kilometer voneinander entfernt. Eigentlich müssten die Sachbearbeiter ja nur kurz miteinander reden und eine saubere Aktenübergabe machen. Aber das wäre ja zugegebenermaßen viiieeel zu einfach…

Der Traum, ohne einen Formularkrieg auskommen zu können, ist schnell ausgeträumt. Der Beginn der Antragsprozedur ist noch erträglich, aber irgendwann verkommt die ganze Geschichte zu einer einzigen Farce. Es fehlt immer nochmals ein Formular oder ein Nachweis, so sinnlos er auch ist. Trotz beigefügtem Hartz 4-Bescheid soll ich auch noch ein „Gesamtengagement“, welches ich bei meiner Bank habe, vorlegen. Dafür habe ich absolut kein Verständnis mehr. Als ob ich über Nacht Millionär geworden wäre. Dieses Vorgehen ist eine einzigartige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und hochgradige Geldverschwendung! Hier kann endgültig davon gesprochen werden, dass sich unsere Verwaltungen in den Städten oft nur mit sich selbst beschäftigen. Und das für eine Leistung, ohne die ich nicht leben kann und die absolut verständlich sein muss. Außerdem übernimmt die Krankenkasse einen Großteil der Kosten. Es gibt jedoch auch nach drei Monaten noch keine Zusage, was einem die Sprache verschlägt und ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Aber wer jetzt glaubt, das ist das Ende der Fahnenstange, wird in den nächsten Zeilen eines Besseren belehrt. Als Rollstuhlfahrer ohne Erwerbseinkommen stehen mir so genannte Kulturfahrten zu, damit meine Teilhabe am öffentlichen und kulturellen Leben gewährleistest bleibt. Solange ich in meinem alten Appartement wohne, geht die ganze Sache noch recht erträglich über die Bühne. Zunächst gibt der zuständige und langjährige Vertragspartner des Sozialamts, das Deutsche Rote Kreuz, zu bedenken, dass ich nur bis um 18 Uhr fahren kann und sonntags ja eigentlich nur die Essensausgabe auf dem Pogramm steht. Ein schlechter Witz, seit wann finden nach 18 Uhr oder sonntags keine Kulturveranstaltungen mehr statt? Nicht mal meine Fahrten zur Kirche könnte ich so abdecken. Zu meiner Überraschung einigt sich das Sozialamt mit dem DRK auf eine Ausnahmeregelung und ich kann meine Kirchenfahrten machen.

Dumm nur, dass 3 Kilometer weiter alles zur Makulatur wird. Die Akte Kulturfahrten wird neu aufgemacht mit dem ernüchternden Ergebnis, dass der zuständige DRK-Kreisverband meines neuen Wohnorts zu den gewünschten Zeiten auf keinen Fall fahren kann. Echt der Hammer, da sind die Fahrten genehmigt und ich kann sie nicht nutzen und das jetzt schon einige Wochen. Die zuständige Dame vom Sozialamt ist sehr bemüht und meint, dass die Fahrten auch vom alten Fahrdienst übernommen werden können. Sie verspricht, es abzuklären. Als ich nach einer Woche nachhake, wie der Stand der Dinge ist, erfahre ich zunächst, dass ich jetzt einen anderen Ansprechpartner für diese Sache habe. Ich könnte kotzen: Das ist typisch Sozialamt, aus Prinzip wechseln hier die Zuständigkeiten wahnsinnig häufig, damit „zwischen Sachbearbeiter und Hilfsbedürftigen die Objektivität gewahrt bleibt und keine persönlichen Bindungen entstehen.“ So steht es in den Statuten, wirklich schön formuliert. Leittragender ist der hilfsbedürftige Bürger, da er immer wieder von vorne anfangen muss. Aber es gehört wohl zur beschriebenen Verzögerungstaktik dazu.

Vom neuen Sachbearbeiter werde ich ganz schnell abgefertigt: Der alte Fahrdienst habe keine Kapazität, er habe keine andere Lösung und ich solle selber nach einem geeigneten Fahrdienst suchen. Ach ja, und mehr kosten als beim DRK darf es natürlich auch nicht! Ich komme mir vor wie ein Idiot, denn für diese Antwort musste ich ein paar Anträge stellen und einige Wochen Geduld aufbringen. Als ich höre, wieviel das Sozialamt auf den Kilometer zahlt, fällt mir gar nichts mehr ein: 1 Euro pro Kilometer und 2 Euro Anfahrtspauschale. Total an der Realität vorbei, denn schon mit dem normalen Taxi bezahlt man von meinem Wohnort zur Kirche 18 Euro und das Amt würde lediglich 12 Euro übernehmen. Bei einem Rollstuhltransport ist der Preis natürlich ungleich höher. Es gibt Fahrdienste, die ehrenamtliche Mitarbeiter und Jugendliche mit Freiwilligem Sozialen Jahr einsetzen und dadurch die Kosten begrenzt halten können. Diese kämpfen aber ums Überleben und auf Anfrage bekomme ich entweder die Antwort, dass ich nicht zu ihrem Zuständigkeitsbereich gehöre oder dass sie nicht genügend Kapazitäten frei haben. Zwei andere Fahrdienste würden es eventuell machen, aber zu einem Wahnsinnspreis. Ich finde auch noch ein Taxiunternehmen, das alle Bedingungen erfüllt und im Vergleich recht preisgünstig ist. Dies hieße im Klartext 80 Euro für Hin- und Rückfahrt und zeigt, wie weit das Sozialamt von der Realität entfernt ist. Als letzte Möglichkeit besteht jetzt nur noch, dass ich schriftlich die Situation darstelle und auf eine schnelle Lösung dränge. Denn am Telefon werde ich lediglich mit der Aussage abgespeist, dass das Sozialamt laut Gesetz nicht mehr bezahlen könne. Also ist der Ausgang dieses Bürokratiedramas äußerst ungewiss!

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Die deutsche Bürokratie ist ein mehrköpfiges Monster.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Die Sachbearbeiter in unseren Ämtern brauchen mehr Fingerspitzengefühl und Realitätsbezug.