Es geht auch positiv!

Schon seit 2006 gibt es das Antidiskriminierungsgesetz (AGG), nach dem es keine Schlechterbehandlung aufgrund von ethnischer Herkunft, Geschlecht oder einer Behinderung geben darf. Auch wirkt das Benachteiligungsverbot des Grundgesetzes beispielsweise im Sinne des AGGs und des bürgerlichen Gesetzbuches durchaus auf die Privatwirtschaft ein. Die Frage ist oftmals nur, ob der Mensch mit Behinderung von so einem Gesetz Gebrauch macht, was natürlich mitunter sehr mühsam sein kann. Aber es ist einfach so: Man muss sich wehren und aktiv werden! Und wenn man selbst nicht die Kraft dazu hat, gibt es heute genug Selbsthilfegruppen und Verbände, die einen nachhaltig unterstützen. Menschen mit Behinderung erfahren allerdings auch schon ohne Kampf eine gute Grundversorgung durch den Staat, zum Beispiel wenn sie Hartz IV beziehen und eine angemessene Wohnung bezahlt bekommen, in der sie alleine leben können. Das würde sich manch einer wünschen. Meistens ist auch eine gute medizinisch-technische Versorgung gegeben, zumindest kann ich das von mir sagen. Nicht zu vergessen die vielen Vergünstigungen im öffentlichen Leben wie etwa niedrigere Eintrittspreise bei Veranstaltungen.

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Der Behindertenbeauftragte von Baden-Württemberg hat vor seiner Ablösung überdies eine positive Bilanz gezogen. Unter anderem verwies er auf das Landesgesetz zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung (L-BGG), das am 1. Januar 2015 in Kraft getreten ist. So wurden Amt, Status und Aufgaben des Landes-Behindertenbeauftragten erstmals gesetzlich geregelt und deutlich ausgeweitet. Insbesondere räumt der Gesetzgeber dem Landes-Behindertenbeauftragten nun frühzeitige Beteiligungsrechte bei allen Gesetzgebungs- und Verordnungsvorhaben des Landes ein, bei denen spezifische Belange von Menschen mit Behinderung berührt sind. Also wieder ein potenter Unterstützer mehr.

4Die Kämpfe und Schwierigkeiten werden trotzdem nicht von heute auf morgen aufhören und oft zehrt der bürokratische Aufwand ganz schön an den Nerven. Aber es gibt genug positive Ansätze und an dieser Stelle spreche ich vielen engagierten Personen in der „Behindertenszene“ und „Demonstrierwilligen“ ein dickes Lob aus. Ohne sie wären wir nur halb so weit. Zudem ist die Sensibilität unserer Mitmenschen ungleich höher geworden wie noch zwei Jahrzehnte früher. Ich habe den Eindruck, dass inzwischen viel mehr Menschen die Situation von Menschen mit Behinderung besser verstehen, zuweilen wird man wie auf der Automesse regelrecht hofiert und beschützt. Auch wenn viele so ein Verhalten schnell negativ auffassen, aber diese Schleife drehe ich jetzt nicht mehr.

E-Erkenntnis des Tages: Kämpfen lohnt sich, auch wenn es manchmal ganz schön nervt.

E-Gebrauchsregel des Tages: Je mehr kompetente und engagierte Unterstützung, umso besser!

Wohin führt Deutschlands Inklusions-Weg?

Der Entwurf zum neuen Bundesteilhabegesetz (BTHG) zeigt deutlich: Gesetzgebung ist für Menschen mit Behinderung noch lange nicht so barrierefrei ausgelegt wie gewünscht. Bei allem Frust über den Entwurf des BTHGs gibt es auch positive Aspekte, gerade wenn es um die Frage geht, wie inklusiv unserer Gesellschaft bereits ist oder nicht? Ich wehre mich gegen eine zu einseitige Bewertung und will mit meinem Fazit etwas Licht in die Inklusions-Gegenwart bringen.

Ganz klar vorneweg: Das Ziel des BTHGs, die selbstständige Lebensplanung und -gestaltung zu erhöhen, hat die Politik mit dem Entwurf aus den Augen verloren. Da wäre zum Beispiel die massive Einschränkung der Selbstbestimmung durch den Wegfall des bisherigen Vorrangs von ambulanten Hilfen. Wenn eine bestimmte Gruppe von Menschen mit Behinderung in einer stationären Einrichtung kostengünstiger untergebracht werden kann, entfällt für sie die Möglichkeit, außerhalb der Einrichtung – sprich der eigenen Wohnung – zu leben. Eine Zumutbarkeitsregelung entfällt im Arbeitsentwurf. In die gleiche Richtung geht das sogenannte „Poolen“, das den Leistungsträgern erlaubt, für mehrere Menschen mit Behinderung die Assistenzleistung zusammenzulegen. Die Betroffenen müssen nicht einmal gefragt werden, obwohl ihre Selbstbestimmung dann ziemlich eingeschränkt wäre. Persönliche Assistenz würde es für sie nicht mehr geben. Weitere Inhalte des Entwurfs wie Leistungseinschränkungen im Bereich der Eingliederungshilfe und das Übergehen der Blindenhilfe kritisierte das Forum behinderter Juristinnen und Juristen (FbJJ) scharf. Deren gesamtes Papier, das negative Punkte klar verständlich benennt und ihre Forderungen formuliert, findet ihr über diesen Link.

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Auch die Änderungen durch das neue Behinderten-Gleichstellungsgesetz für Menschen mit Behinderung gehen in einigen Punkten nicht weit genug. Denn das Gesetz verpflichtet lediglich den Staat zur Barrierefreiheit, nicht aber die Privatwirtschaft, wenn es beispielsweise um die verbesserte Inklusion von Menschen mit Behinderung auf den ersten Arbeitsmarkt geht. Das Problem ist nämlich, dass immer noch zu viele Unternehmen die Potenziale verkennen, die eine Einstellung eines Menschen mit Behinderung mit sich bringen. Barrierefreie Bundesgebäude bringen uns Menschen mit Behinderung hingegen im Alltag oder Beruf nicht wirklich weiter! Christiane Link stellt in ihrem Barrierefrei-Blog „stufenlos“ zu Recht süffisant die Frage, wann wir zuletzt mit einer Bundesbehörde zu tun hatten? Die in London lebende Journalistin bemängelt, dass es im Bereich Barrierefreiheit und Inklusion zu langsam vorangeht. Dabei verweist sie auf Länder wie Großbritannien, die seit den 1990er Jahren umfassende Umbaumaßnahmen angestrengt haben, die man heute an jeder Straßenecke und in vielen Pubs sehen kann.

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Weiterhin werden zu viele Gesetze zu Ungunsten von Menschen mit Behinderung ausgelegt. Bestes Beispiel ist die restriktive Auslegung einer Brandschutzverordnung von Diskotheken, die den Besuch von Rollstuhlfahrern extrem einschränken. Dabei gibt es keine Brandschutzvorschriften, die die Teilnahme von Menschen mit Behinderung an Veranstaltungen ausdrücklich untersagen. Brandschutz soll nicht Teilhabe verhindern, sondern der Gefährdung von Menschenleben vorbauen. Hinzu kommen weitere bürokratische Hürden, mit denen man als Mensch mit Behinderung regelmäßig im Alltag zu kämpfen hat. Da wäre zum Beispiel der regelmäßige Kampf mit Ämtern und Krankenkassen um Unterstützungsleistungen und Hilfsmittel. Es ist die gängige Taktik, dass Anträge zuerst einmal abgelehnt werden, um den Antragsteller mürbe zu machen. Davon lasse ich mich mittlerweile nicht mehr verrückt machen, sondern versuche sachliche Argumente, bestenfalls nicht interpretierbare und eindeutige Gesetzesparagrafen aufzuführen. Denn ohne Widerspruch einzulegen und einem „latenten auf den Wecker gehen“, geht es meistens leider nicht mehr. Dies führt mich gleichzeitig zu den positiven Aspekten und Entwicklungen in Sachen Teilhabe und Inklusion. Fortsetzung in Kürze…

Demos halten unsere Demokratie am Leben!!

Vorgestern gingen in Berlin tausende Menschen mit und ohne Behinderung vor dem Kanzleramt auf die Straße. Sie demonstrierten gegen den Entwurf des Bundesteilhabegesetzes (ich kündigte an). Wenige Tage zuvor machte sich nach der Vorstellung des Referentenentwufs zum Bundesteilhabegesetz bei den Behindertenverbänden und vielen Betroffenen große Ernüchterung breit. Gemeinsamer Tenor war, dass die Bundesregierung dem angekündigten Systemwechsel – weg vom „Fürsorgesystem“ hin zu moderner Teilhabe – in keinster Weise entsprochen habe. Einer der Hauptkritikpunkte: Lebensnotwendige persönliche Assistenz für körperlich eingeschränkte Menschen etwa macht der Staat weiter von der finanziellen Leistungskraft des Betroffenen abhängig. Die erhoffte vollständige Abschaffung der Anrechnung von Gehalt und Vermögen bleibt aus. Für die Geschäftsführerin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), Dr. Sigrid Arnade steht der Entwurf im Gegensatz zu den Festlegungen in der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) und zu den Empfehlungen nach der Staatenprüfung Deutschlands vor einem Jahr.

$_35Ein denkbar schlechtes Zeugnis, aber schauen wir uns die Details des Entwurfs mal etwas genauer und vor allem objektiv an: Ein Fortschritt ist zwar die deutliche Erhöhung der Vermögensgrenze auf 52.000 €, soviel wie das Durchschnitts-Vermögen in Deutschland. Andererseits muss weiterhin auch der Ehepartner mit seinem Vermögen geradestehen. Betroffene und Behindertenverbände fragen sich zurecht, wieso es für größere notwendige Anschaffungen wie ein behindertengerechtes Auto keine Ausnahmen gibt? Außerdem ist die Regelung ziemlich ungerecht: Menschen, die zusätzlich zur Eingliederungshilfe auch Hilfe zur Pflege brauchen, dürfen nur 25.000 € sparen. Da kommt man sich als Mensch, der pflegebedürftig ist, wie der reinste Kostenfaktor vor. Und Überraschung, Überraschung, es gibt bedeutend mehr Menschen, die sowohl Eingliederungshilfe als auch Hilfe zur Pflege bekommen. Hinzu kommt, dass Menschen, die keine Erwerbstätigkeit ausüben, weiterhin nur den derzeitig geltenden Betrag von 2600 € sparen dürfen.
Allerdings finde ich es völlig legitim, wenn wir Betroffenen zu unseren Assistenzleistungen je nach Höhe des Einkommens einen kleinen finanziellen Beitrag leisten. Immerhin verringert sich die Einkommens-Anrechnung für die „Geringverdiener“ etwas. Und eine Summe von ca. 300 € im Jahr sollte trotz weiterer Abzüge, die alle Bürger haben, eigentlich drin sein. Inkonsequent ist wiederum, dass der Ehepartner zwar nichts mehr von seinem Einkommen abgeben muss, dafür aber nach wie vor sein Vermögen herangezogen wird.

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Fazit: Der Politik fehlt mal wieder der Weitblick und die Systematik. Es wird gekleckert und nicht geklotzt. Jetzt wäre die große Chance, die unsägliche Verknüpfung von Unterstützungsleistungen für Menschen mit Behinderung von der Sozialhilfe zu lösen. Bloß weil ich eine körperliche Einschränkung habe, möchte ich doch finanziell nicht zwangsweise auf Sozialhilfe-Niveau gedrückt werden. Einen Beitrag leisten, kein Problem. Aber nicht sparen zu dürfen wie jeder andere auch ist nicht nur ungerecht, sondern einfach unnötig. Dann soll der Gesetzgeber wenigstens eine klare Linie fahren und für alle Menschen mit Behinderung, die Unterstützung brauchen, die gleiche Vermögensgrenze ansetzen. Aber Einfachheit war scheinbar noch nie die Sprache unserer Politiker. Mich nervt es besonders, wenn Regelungen absichtlich kompliziert gehalten werden, dass der Bürger ja nicht mehr durchblickt. So ging es zumindest mir, als ich den Entwurf zum Teilhabegesetz gelesen habe. Und ob nun kompliziert oder nicht, es bleibt das ungute Gefühl, als werde der arbeitswillige Mensch mit Behinderung, der motiviert ist, im Arbeitsleben voranzukommen, weiterhin ausgebremst. Lieber Steine in den Weg legen, als fördern, das ist die Devise. Deshalb begrüße ich die Demo von vorgestern außerordentlich und ich glaube sehr wohl, dass sie einen Nutzen hatte.

E-Erkenntnis des Tages: Emotionale Themen sollte man immer auch auf einer sachlichen Ebene betrachten.

E-Gebrauchsregel des Tages: Warum transparent und fair, wenn es auch kompliziert und kleinkariert geht?

Der gute alte Rechtsstaat – und seine Auslegung

Es ist wirklich ein starkes Stück, wie die Regierung beim Teilhabegesetz Menschen mit Behinderung und ihre Verbände hinhält. Es zeigt sich mal wieder: ohne eine wirksame Lobby ist es in Deutschland sehr, sehr schwer geworden. Natürlich ist es nicht nachzuvollziehen, wenn Menschen mit Behinderung, die Hilfe zur Pflege und Eingliederungshilfe beziehen, nichts ansparen dürfen. Arbeitende Menschen mit Behinderung bezahlen Steuern wie jeder andere und haben genauso wie jeder andere auch ein Recht darauf, dass sich ihre Arbeit lohnt! Aber stellen wir diese emotionalen Empfindungen einmal kurz beiseite und schauen uns zwei interessante Aspekte genauer an, die zu einer Erklärung des Schlamassels beitragen:

UNDa wäre zum einen Artikel 4 der Behindertenrechtskonvention, welcher die Umsetzung der Konvention – anders als bei den bürgerlichen und politischen Rechten – an die Bedingung der Finanzierbarkeit bindet. In Absatz zwei heißt es, dass sich „die Vertragsstaaten unter Ausschöpfung ihrer verfügbaren Mittel verpflichten, mit entsprechenden Maßnahmen progressiv die volle Verwirklichung wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Rechte zu erreichen“. Davon unberührt bleiben natürlich die Verpflichtungen aus der UN-Behindertenrechtskonvention, die sofort anwendbar sind. D.h. also im Klartext: Auch wenn die Ausschöpfung der verfügbaren Mittel gewollt ist, bietet sich den Regierungen immer noch genügend Gestaltungsspielraum. Leider sind Menschen mit Behinderung so dem Gutdünken oder böse gesagt auch der Willkür des Staates ausgeliefert

clause-640-300x211Roland Rosenow, Sozialrechtler in Freiburg, macht noch auf eine weitere Problematik aufmerksam. Aus seiner Sicht hat die deutsche Rechtsprechung Grundrechten aus völkerrechtlichen Verträgen die Anerkennung als Recht lange Zeit weitgehend verweigert. Sie hat völkerrechtlich zugesprochene Rechte als Programmsätze deklariert und sie so der Verantwortung der Politik überlassen. Mit anderen Worten: Die Gerichte haben sich für nicht zuständig erklärt und die Tatsache ausgenutzt, dass völkerrechtliche Übereinkommen keine Gesetzgebung im uns geläufigen Sinne darstellen, sondern in den meisten Fällen Vertragsrecht zwischen zwei Staaten beinhalten. Völkerrechtliche Verträge hatten zudem viel zu lange kaum Auswirkungen auf das Rechtsbewusstsein unserer Gesellschaft. Allerdings verändern sich soziale und kulturelle Realitäten der Gesellschaft und somit auch Rechte. Laut Rosenow müssen dafür nicht unbedingt die zugrunde liegenden Gesetzestexte verändert, sondern gegebenenfalls angepasst werden. Hoffen wir mal, dass sich Rechtsbewusstsein und Rechteauslegung in eine positive Richtung entwickeln.

E-Erkenntnis des Tages: Es lohnt sich, die Behindertenrechtskonvention einmal genauer zu lesen.

E-Gebrauchsregel des Tages: Die Rechtsprechung sollte sich gegenüber der Politik im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Belange von Menschen mit Behinderung einsetzen.

Auf nach Berlin am 4. Mai!!!

Am 5. Mai jährt sich der Europäische Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen zum 20. Mal, an dem Behindertenverbände und – organisationen ihre Interessen artikulieren und die Politik an ihre Versprechen erinnern. Das diesjährige Motto lautet: „Deutschlands Zukunft Inklusiv Gestalten – Kein Kompromiss bei der Teilhabe“. Zum 1. Januar 2017 soll das neue Bundesteilhabegesetz in Kraft treten. Ein Gesetz mit besonders viel Sprengstoff: Schon eine gefühlte Ewigkeit wird der Referentenentwurf hinausgezögert, das Gesetzgebungsverfahren verschleppt. Die Regierungskoalition möchte mit dem Gesetz eigentlich die Leistungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderung neu ordnen und im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention modernisieren. Die meisten Menschen mit Behinderung fühlen sich inzwischen mal wieder verraten und verkauft, was in diesem Artikel – falls ihr etwas tiefer in die Thematik einsteigen wollt – gut zum Ausdruck kommt: http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/33543. Menschen, die wie ich aufgrund ihrer Behinderung eine dauerhafte Assistenz brauchen und berufstätig sind, haben folgendes Problem: Sollten sie mehr verdienen als ein Sozialhilfeempfänger bekommt, müssen sie bis zu 40% des Einkommens abgeben. Sollten sie trotzdem noch Geld sparen können, ist dies nicht gestattet, mehr als 2.600 € dürfen sie nicht ansparen. Hintergrund des Problems ist, dass Assistenz-Leistungen der Sozialhilfe zugeordnet sind.

Am 4.Mai geht der Protesttag übrigens in Berlin über die Bühne und der Verbund behinderter ArbeitgeberInnen (VbA) hat eine coole Aktion gestartet, auf die ich unbedingt hinweisen möchte! Rollstuhlfahrer können in München, Mainz und Köln zusteigen oder an den Raststätten entlang der Autobahnroute. Unkosten entstehen fast keine und die Unterbringung in Berlin ist sehr, sehr günstig. Zugegebenermaßen ist mir die Sache etwas zu stressig, an einem Tag hin und am anderen schon wieder zurück. Obwohl es die Sache wirklich wert wäre. Ich denke aber, dass ich als mittlerweile etablierter Blogger von zu Hause aus effektiver unterstützen kann.

12885721_1157458540940728_3087654579800446539_oIn den vergangenen Monaten wurde viel, eigentlich viel zu viel besprochen, Verbände wurden zusammen mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Arbeitskreise eingebunden, mit Betroffenen wurden Aktionspläne entwickelt. Einige Studien zu den Lebensumständen von Menschen mit Behinderung wurden gemacht. Leider ist die Umsetzung bislang äußerst mangelhaft, obwohl die Behindertenrechtskonvention bereits seit 2009 geltendes deutsches Recht ist. Das einfachste Argumente für die „Nicht-Umsetzung“ verschiedener Aspekte ist immer, dass es zu viel Geld kosten würde! Viele stellen sich schon lange die berechtigte Frage, ob sich Menschenrechte der Diktatur des Geldes beugen müssen. Artikel 3 des Grundgesetzes verkommt so zur Farce: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Und das in Zeiten, in denen die Schere zwischen Arm und Reich inzwischen so weit auseinander geht, dass es kaum mehr zu vermitteln ist. Es ist mehr als unverschämt, wenn sich einige unserer Mitbürger, die wirklich genug Geld haben, erdreisten, Briefkasten-Firmen in Panama zu gründen. Da kann ich die Wut und den Frust vieler Mitmenschen mit Behinderung sehr gut verstehen!

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Aus Ministeriumskreisen war unlängst in Persona der parlamentarischen Staatssekretärin Gabriele Lösekrug-Möller zu hören, dass man zwar aus der „Soziallogik“ herauswolle, aber die vollständige Anrechnungsfreiheit von Gehalt und Vermögen im neuen Gesetz nicht möglich wäre. Man schiebt es auf das Finanzministerium, dem eine schwarze 0 wichtiger ist als die Wahrung von Menschenrechten. Natürlich ist es schwer, nichtbehinderten Bürgern zu erklären, dass Menschen mit Behinderung Kosten verursachen. Aber hier fehlt es eindeutig an Aufklärung! Menschen mit Behinderung sind für viele andere Menschen wie etwa Ergo-und Physiotherapeuten, persönliche Assistenten sowie Hilfsmittelhersteller Existenzgrundlage. Die Volkswirtschaft wächst dadurch. Die Kosten des Verwaltungsaktes zur Ermittlung des Betrages, den Assistenznehmer an den Staat entrichten müssen, übersteigen übrigens die Einnahmen. Vielleicht sollte unsere Regierung mal nach Schweden schauen: Dort erfolgt die Hilfe für Menschen mit Behinderungen einkommens- und vermögensunabhängig. Also, geht doch!

E-Erkenntnis des Tages: Aufgeben is nicht – Fahrt alle mit, auf nach Berlin!!

E-Gebrauchsregel des Tages: Der Blick hinter die Regierungs-Kulissen ist sehr wichtig, sowohl für Menschen mit, als auch ohne Behinderung – auch wenn er oft weh tut!

Ein überraschend angenehmer Krankenhausbesuch

Meine Helferin findet nach kurzer Recherche die Telefonnummer der chirurgischen Ambulanz der Uniklinik Heidelberg heraus. Ich habe gleich jemand am Apparat und frage, ob viel los sei. Die Anmeldedame der Notfall-Ambulanz gibt leichte Entwarnung und sagt, dass wir einfach vorbeikommen sollen. Ich beiße auf die Zähne und lasse mich aus dem Bett heben, das ich heute schon ziemlich lange gehütet habe. Dort ist die Gefahr am geringsten, dass ich meinen Fuß einer größeren Belastung aussetze und etwas weh tut. Schuhe kann ich ohnehin nicht anziehen, was aber das geringste Problem ist. Ich lege ein Schaumstoffpolster auf die Fußstütze und decke den Fuß im dicken Socken mit einem Handtuch zu. Es geht besser als ich erwartet habe und wenig später fährt mich dieselbe Taxifahrerin wie Tags zuvor in die Ambulanz. Dann kann ich plötzlich meine Versicherungskarte nicht mehr finden, aber zum Glück habe ich noch einen Befreiungsausweis bei mir. Ich warte zu meiner großen Freude keine 10 Minuten und gebe der diensthabenden Krankenschwester Auskunft über meinen Unfall. Sie zieht den Socken aus und betastet sehr sorgfältig meinen Fuß. Ich bin erleichtert, dass sie nicht grob ist und zudem sehr unaufgeregt agiert. Erste heikle Hürde überstanden, denke ich mir und bin für die weitere Prozedur etwas zuversichtlicher.

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IMG_1286[1]Dann holt sie den zuständigen Arzt, der ziemlich nett und entspannt ist. Er ist noch relativ jung und hört sich meine Geschichte in aller Ruhe an. Auch er ist sehr, sehr vorsichtig und sieht die Sache nicht so kritisch, wie ich befürchtet habe. Auf jeden Fall muss ich aber den Fuß röntgen lassen, worauf ich am wenigsten Lust habe. Rauf auf eine äußerst harte Liege und wahrscheinlich ziemlich schmerzhaft für meinen Fuß… Die Röntgen-Frau ist ebenfalls ziemlich nett und meint, dass es klappen könnte, meinen Fuß im Sitzen zu röntgen. Ich bin begeistert! Neben mir im Schrank sehe ich ziemlich viel Lagerungsmaterial und die Frau versucht alles, meinen Fuß von allen Seiten möglichst schmerzfrei unter die Lupe zu nehmen. Mit ein bisschen Geduld bekommt sie die benötigten Bilder hin. Ich bin äußerst froh, dass alles im Sitzen über die Bühne geht und muss nur ab und zu ein wenig auf die Zähne beißstock-photo-27765440-happy-doctor-cartoonu14296860en.

 

 

 

 

 

Nun warten wir darauf, wie die Diagnose des Arztes ausfällt und meine Spannung steigt merklich. Dann geht endlich die Türe auf und der Arzt kommt herein. Es ist nichts gebrochen und ich atme innerlich erleichtert auf. Ein Gips hätte mir wirklich gerade noch gefehlt. Aber mit meiner diagnostizierten Prellung werde ich auch noch ein Weilchen meine Freunde haben, da mir die Bewegung fehlt und der Heilungsprozess dadurch länger dauert. Aber das ist jetzt erst mal nebensächlich. Er frägt mich, ob ich schon mal so einen ähnlichen Unfall hatte und ich bejahe. Auf dem Röntgenbild ist tatsächlich noch eine alte Fraktur zu erkennen. Ich muss unwillkürlich grinsen und erinnere mich nur zu gut, dass ich damals vor 5 Jahren nicht einmal zum Arzt gegangen bin. Auch diesmal hätte ich es mir im Prinzip sparen können, da der Arzt lediglich Schmerzmittel verschreibt. Aber es ist schon gut, dass ich jetzt 100-prozentig sicher bin, den Fuß nicht gebrochen zu haben! Erstaunlich gut gelaunt lasse ich mich mit dem Taxi nach Hause chauffieren.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Füße von E-Rollstuhlfahrern können auch im Sitzen geröntgt werden.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Es ist sehr wohltuend, wenn Ärzte und Klinikmitarbeiter nett und sensibel sind.

Start ins neue Jahr mit Nachwirkung

Ich fahre schon während der Zugabe aus dem Saal, um später nicht in den Menschenmassen steckenzubleiben. Draußen im Foyer fahre ich Richtung Eingang und postiere mich an einer geschickten Stelle, wo ich möglichst nicht im Weg stehe. Meine Assistentin holt unsere Jacken und zieht mich an. Ihre Kollegin, die heute bei mir Nachtdienst hat und sie ablöst, steht schon bereit. Jetzt müssen wir nur noch warten, bis der freundliche Mitarbeiter von vorhin den Aufzug holt. Zum Glück nehmen wir dieses Mal die Lastenhebebühne, die außen am Gebäude hoch- und runterfährt. Die Ladefläche ist schön groß und ich habe nicht jeden Moment Angst, runterzustürzen. Außerdem befindet sich die Plattform der Hebebühne nur wenige Meter neben dem Taxistand, wo mein Abholservice bereits wartet. Da ich mittlerweile ziemlich schief im Rollstuhl sitze und Gefahr laufe, während der Fahrt den Berührungssensor auf meinem Rollstuhltisch neben der Steuerung auszulösen, lasse ich diesen mit einem kleinen Schalter seitlich am Rollstuhl ausschalten. Ziemlich blöd ist, dass man nicht erkennt, falls der Sensor ausgeschaltet ist. Zudem handelt es sich um eine neue Funktion, die meine Helfer noch nicht automatisiert haben. Deshalb kommt es wie es kommen musste: der Sensor ist immer noch aktiviert, was ich nicht ahne. Der Rollstuhl macht genau das, was ich nicht will und beschert mir um ein Haar einen gebrochenen Fuß.

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Ominöser roter Schalter

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Steuerknüppel und silberner Berührungssensor

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Die Neigung meines Rollstuhlsitzes fährt plötzlich von alleine immer weiter hoch und meinen linken Fuß, der an der Ferse etwas mit der Fußstütze verklemmt ist, biegt es mit einer gefühlten gigantischen Kraft immer weiter nach unten. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann, schießt Panik in mir hoch und ich rufe nur verzweifelt: „Mein Fuß, mein Fuß, oh nein mein Fuß…!“ Hätte ich den Rollstuhl einfach schnell ausschalten lassen, wäre vielleicht nichts passiert. Aber das sagt sich hinterher immer leicht. Nach ein paar Sekunden des Schocks lasse ich meinen linken Fuß, der unter einer großen Spannung verklemmt ist, nach vorne ziehen. Zum Glück funktioniert das relativ problemlos und dank meines hohen Adrenalinpegels verspüre ich keine allzu großen Schmerzen. Natürlich pocht der Fuß wie wild… Das in diesem Moment viel größere Problem ist, dass ich komplett nach oben geneigt bin, mein Kopf etwas nach hinten hängt und ich keine Chance mehr habe, an meinen Steuerknüppel zu kommen. Es hilft alles nichts, nun muss meine Assistentin mit meinem Steuerknüppel durch das Menü meiner Rollstuhlsteuerung navigieren. Das ist alles andere als einfach, da die Steuerung auf meinen persönlichen Kraftverhältnisse ausgelegt ist und jeder andere dafür viel zu viel Kraft hat. Nach einigen Fehlversuchen klappt es endlich und mein Rollstuhlsitz fährt wieder nach unten. Nun bin ich abfahrbereit und atme trotz der unangenehmen Begleiterscheinungen tief durch.

IMG_1260IMG_1256                                                                Unser Glück ist, dass die Taxifahrerin sehr geduldig wartet, während sich in ihrem Taxi ein mehr oder weniger übliches Neujahrs-Drama abspielt. Andere Fahrer wären vielleicht panisch geworden und hätten irgendwann rumgenervt, dass sie aber nicht mehr den ganzen Abend Zeit hätten. Die Fahrerin frägt mich, ob sie nicht gleich ins Krankenhaus fahren soll, aber ich lehne sofort ab. Da ich schon relativ lange im Rollstuhl sitze, wären mir geschätzte weitere 3 Stunden definitiv zu viel des Guten. Natürlich hoffte ich insgeheim, dass es nicht ganz so schlimm ist und ich noch einmal um einen Krankenhaus-Besuch herumkomme. Als ich im Bett liege und den Schuh ausgezogen habe, fühlt es sich sogar relativ gut an. Zum Glück hat meine Assistentin kleine Kinder und daher für Notfälle alles Zuhause: Fiebersaft, Schmerzsalbe und Kühlpacks. Wir cremen den Fuß ein, wickeln einen Verband darum und legen ein Kühlpack darauf. Zunächst fühlt sich das sehr gut an und ich gebe meiner anderen Assistentin und Konzert-Begleiterin erste Entwarnung. Später entwickelt sich aber ein ziemlicher Schmerz, was mich angesichts der irrsinnigen Kräfte, die auf meinen Fuß gewirkt haben, eigentlich nicht wirklich wundert. Irgendwann geht es nicht mehr anders und ich greife zum Schmerzmittel, aber die Nacht verläuft trotzdem nicht sehr angenehm. Am nächsten Morgen ist der Fuß ziemlich blau und jede falsche Bewegung tut weh. Meine Assistentin fleht mich förmlich an, die Sache im Krankenhaus abklären zu lassen. Zähneknirschend stimme ich zu.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Mein E-Rollstuhl birgt ein unkalkulierbares Gefahrenpotenzial in sich.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Mit etwas Geduld und Fingerspitzengefühl kann man eine große Hilfe sein.

Neujahrs-Konzert mit Hindernissen

Wie könnte ich das neue Jahr besser beginnen als mit einem klassischen Konzert: Es ist das Neujahrskonzert in der Heidelberger Stadthalle mit den Heidelberger Philharmonikern und zwei Heidelberger Top-Solistinnen als Hauptprotagonisten. Wie durch ein kleines Wunder bin ich dieses Mal richtig gut in der Zeit und fahre ganz entspannt mit dem Taxi zur Stadthalle. Am Seiteneingang für Rollstuhlfahrer klingeln wir und warten keine zwei Minuten, bis ein äußerst höflicher Mann im Anzug erscheint und uns freundlich begrüßt. Soviel Glück hat der Rollstuhlfahrer bzw. die Rollstuhlfahrerin leider nicht immer. Ohne größere Probleme fahre ich auf den großen Treppenlift, den ich aber nicht besonders gern mag. Er hat zwei große stählerne Schwenkarme, die elektrisch nach unten klappen, sobald ich auf der Plattform stehe. Meine große Sorge ist dann immer, dass entweder der Menübildschirm meines Rollstuhles zertrümmert wird oder mein Beatmungsgerät etwas abbekommt. Diesmal geht alles gut, ich muss zwischendurch lediglich den Atem anhalten, als der Lift kurz hintereinander zweimal stoppt.

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Oben angekommen schnaufe ich erst einmal erleichtert durch. Aber jetzt wird es erst recht stressig: Ich lasse mich richtig in den Rollstuhl ziehen und meine rechte Hand verrutscht natürlich völlig. Bis wieder alles stimmt und mein Rollstuhl endlich anspringt, vergeht sehr viel Zeit, zu viel Zeit!! Es ist wie so oft reine Nerven-Sache! Durch meine äußerst sensible Rollstuhl-Steuerung entstehen häufig diverse Probleme. Zum Beispiel dass ich durch eine leichte Berührung ungewollt auf den Steuerknüppel drücke und der Rollstuhl eine Fehlermeldung produziert. Soweit so gut, nachdem ich also endlich wieder in der Senkrechten und somit startklar bin, fahre ich so schnell wie möglich an meinen Sitzplatz. Wobei nur meine Assistentin einen festen Platz hat. Es ist als Rollstuhlfahrer ein großes Privileg, dass man quasi freie Platzwahl hat und sich einfach überall hinstellen kann. Fluchtwege sollte man allerdings tunlichst meiden.

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In der Pause gibt es einen Neujahrs-Umtrunk mit Champagner für die Konzertgäste. Mir ist es allerdings viel zu stressig, ins Foyer zu fahren, wo sich die Menschen dicht an dicht drängen und ein hoher Lärmpegel herrscht. Unter solchen Voraussetzungen ist es mir nahezu unmöglich, mich angemessen mit meiner Assistenz, geschweige denn mit anderen Mitmenschen zu unterhalten. Meine kleine Hoffnung, dass meine Assistentin ein Gläschen direkt an meinen Platz bringen kann, macht einer der Saal-Ordner zunichte. Klar, da könnte ja jeder kommen und die vorgeschriebene Ordnung zerstören. Das geht natürlich nicht, ist außerhalb des Protokolls!! Selbstverständlich hätte ich auch bis zum Ausgangs des Saales fahren können, mir geht es ja nicht um irgendwelche Sonderstellungen. Aber es ist einfach so schön exemplarisch für deutsche Bürokratie und Unflexibilität. Wäre der Ordner etwas offener und sensibler gewesen, hätte er vielleicht sogar eine Ausnahme gemacht. Ich muss über die Sache schmunzeln, zumal der Champus laut meiner Assistentin nicht gerade der Hammer war.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es wird stressig, wenn einem der E-Rollstuhl nicht gehorcht.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Menschen müssen auch mal von ihrem festen Protokoll abweichen können – das ist cool!

Beste Aussichten in der Disco

Mein Musikgeschmack ist breit gefächert und reicht von klassicher Musik bis Heavy Metal. Heute Abend kommt die AC/DC-Coverband Dirty Deeds in den Schwimmbadclub Heidelberg. Einer meiner Assistenten hat mir den heißen Tipp gegeben. Er ist so etwas wie mein persönlicher Musikevent-Manager. Regelmäßig versorgt er mich mit sehr guten Konzerthinweisen. An diesem Abend ist recht viel los, was ich auf der Konzertebene merke. Kurz überlege ich mir, mich direkt vor der Bühne zu platzieren, lasse es aber lieber sein. Ich ziehe es vor, wegen der Lautstärke zwischen mir und der Bühne genügend Abstand zu lassen. Eine mit mir befreundete Assistentin, die mich und meinen Musikbeauftragten begleitet, schiebt mich an meinen Stammplatz.

Als es losgeht, sehe ich den Sänger perfekt und auch nachdem der Betrieb vor mir etwas zunimmt, kann ich noch ab und zu einen Blick auf die Band erhaschen. Irgendwann tanzt ein Mann direkt vor mir. Meine Assistentin gibt ihm einen Hinweis, damit er einen Meter neben mir weitermacht. Später ist noch mehr los und ich bekomme die Konsequenz meines etwas ungünstigen Platzes zu spüren. Es ist mir egal, Hauptsache ich höre die Musik. Die Jungs geben mächtig Gas!

Disco 2

Außerdem kann ich von den Discogästen auch nicht verlangen, dass sie einen Bogen mit Sicherheitsabstand um mich herum machen. Ohnehin finde ich, dass es halb so schlimm ist, nicht die komplette Bühne zu sehen, wenn attraktive Mädels vor einem abdancen. In meinem kleinen Schieberollstuhl habe ich genau die richtige Blickhöhe, um gute Aussichten zu genießen. Eine Gruppe von Männern geht ziemlich ab und springt wie wild vor und neben mir auf und ab. Einer in der Gruppe weist seine Kollegen an, ein bisschen mehr Rücksicht auf mich zu nehmen. Er reckt den ausgestreckten Daumen nach oben und nickt mir mit breitem Grinsen zu. Aha, da hat einer verstanden, denke ich und sehe wieder etwas mehr von der Band und den inzwischen völlig verschwitzten Sänger.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Mit dem Rollstuhl sieht man besser!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Entscheidend ist das Bemühen, auf seine Mitmenschen im Rollstuhl oder mit anderen Behinderungen Rücksicht zu nehmen.

Teil 4 : Eine hübsche Verlagsmitarbeiterin und Malu Dreyer

Wir fahren in Halle 3 und nehmen dort beide Ebenen in Angriff. Für mich ist der Bereich zum Thema Self-Publishing von größtem Interesse. Bei meiner Rundfahrt durch die Halle begegnen mir keine neuen Trends, sondern Angebote, die ich teilweise schon von Recherchen im Internet kenne. Immerhin habe ich hier die Chance, das eine oder andere persönliche Beratungsgespräch zu führen. Ich fahre bei BoD, einem der führenden „Self-Publishing“-Anbieter, vorbei und lasse mir das günstige Einsteiger-Angebot für Autoren erklären. Danach fällt mir noch der Stand von Printsystem Medienverlag aus dem Großraum Stuttgart auf. Es ist ebenfalls ein kleiner Verlag, der für Neuautoren wirbt und einen Vortrag mit dem Titel „Was für einen Neuautor wichtig ist“ ankündigt. Nebendran präsentiert sich die sozialdemokratische Zeitung „Vorwärts“, die unter anderem Bücher von Politikern vorstellt. Nachmittags ist die Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer angekündigt, die bekanntermaßen mit Multipler Sklerose (MS) lebt. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass sie eine Behinderung hat und damit ihr straffes Programm meistert, gehört sie zu meinen absoluten Lieblingspolitikern. Sie kommt sehr authentisch und überaus sympathisch rüber, auch wenn ich weiß, dass Eindrücke in den Medien täuschen können. Aber alles, was ich bisher von ihr hörte, klang logisch und nachvollziehbar.

Wahrzeichen: der Messeturm © Frankfurter Buchmesse/Alexander Heimann

Danach brauche nicht nur ich dringend eine Verschnaufpause, sondern auch mein Assistent, der jeden Meter zu Fuß zurücklegen muss. Wir kämpfen uns langsam aber stetig durch die Menschenmengen nach draußen. Mein Assistent holt vom Auto die Reisetasche mit allen Utensilien zum Hinliegen und wir fahren zur Sanitätsstation. Dort kennt mich scheinbar keiner mehr, obwohl ich erst vor einem Monat dort war. Einer der Mitarbeiter zögert, weil er denkt, die Liege sei zu hoch. Nach wenigen Minuten belehren wir ihn eines Besseren. Während ich durchschnaufe, ziehe ich ein erstes Resümee. Für mich war der Besuch jetzt nicht ganz „Das“, was ich mir versprochen hatte. Ich bin daran nicht unbeteiligt, denn im Vorfeld habe ich mir keinen genauen Plan gemacht, was ich mir alles anschauen möchte. Allerdings ist das auch nicht so einfach, wenn man von einer Veranstaltung keine genauen Vorstellungen hat und sich erst einmal einen Eindruck verschaffen möchte. Meine Bekannte, die schon mehrmals auf der Buchmesse war und uns bei der Fahrt durch die Hallen gut hätte unterstützen können, ist heute leider krank. Für nächstes Jahr nehme ich mir vor, gezielt 3-4 Verlage und Autoren anzuschauen sowie an mindestens zwei Lesungen teilzunehmen. Ich will ja wissen, wie es die Kollegen machen und mir vielleicht das eine oder andere Detail abschauen.

Ken Follett © Frankfurter Buchmesse/Anett Weirauch

Nachdem ich wieder einigermaßen auf der Höhe bin, geht es weiter, ohne dass ich zwischendurch mal etwas gegessen hätte. Aber mich kurz abzulegen und noch etwas vom angekündigten Vortrag mitzubekommen, war mir einfach wichtiger. Zu spät bin ich trotzdem, bekomme aber immerhin noch einen Bruchteil des Vortrages mit. Leider verstehe ich durch den hohen Hintergrund-Lärmpegel fast nichts, aber mir ist sofort klar, dass der Redner kein Schwätzer hohler Phrasen ist. Vielmehr ist es ein sehr erfahrener Verleger und ich will unbedingt mit ihm reden. Aber das haben sich auch noch ein paar andere Messebesucher gedacht. Deshalb nimmt sich seine junge Assistentin meiner an und erklärt mir das Konzept. Ich hätte zwar lieber mit dem Chef gesprochen, aber mit so einer hübschen jungen Frau, die nicht abgehoben erscheint, unterhalte ich mich natürlich sehr gerne. Plötzlich frägt sie mich, ob es in Ordnung sei, wenn sie sich neben mich auf einen Stuhl setze. Sie müsse schon den ganzen Tag stehen, wirbt sie bei mir um Verständnis. Ich finde es sogar gut, denn zum einem kann ich das Argument gut nachvollziehen, zweitens reden wir so auf einer Ebene miteinander und last but not least kann ich genau in ihre schönen Augen schauen.

© Frankfurter Buchmesse/Marc Jacquemin

Aber nicht nur die junge Dame klagt über diverse „Steh-und Geh-Probleme“ – meine Bekannte schickt mir eine Nachricht, dass sie inzwischen wegen Plattfüßen ihren Messebesuch beendet habe. So geht es auch meinem Assistenten, aber an der Buchvorstellung von Malu Dreyer führt kein Weg vorbei. Und ich werde nicht enttäuscht, denn auch live wirkt sie wahnsinnig freundlich und hat einfach Ausstrahlung. Mit ihren Aussagen ringt sie den Zuhörern einerseits Respekt ab, andererseits bringt sie immer wieder alle zum Lachen. Ganz am Rand fällt mir ihr Dreirad auf, denn zu große Strecken zu Fuß sind wohl zu viel für sie – mehr als verständlich! Danach geht es so schnell wie möglich heimwärts. Obwohl ich erst zu Hause auf die Idee komme, mein Vesper auszupacken und damit meine zweite Mahlzeit des Tages zu mir zu nehmen, bin ich noch erstaunlich fit.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Wohl dem, der den Messebesuch mit einem fahrbaren elektrischen Untersatz bestreiten kann.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Bitte setzen! – Dann kommunizieren wir auf Augenhöhe.