Teil 3: In Barcelona wird Inklusion gelebt, nicht gesprochen

Die  dritte entscheidende Frage der Barcelona-Reise betraf die Kosten. Mir war bewusst: Durch die rollstuhlspezifische Unterkunft und die lange Zugreise würden einige Kosten auf mich zukommen. Etwas Geburtstagsgeld und Unterstützung meiner Eltern haben das Ganze erleichtert. Zudem habe ich für den Mehraufwand, der mir durch meine Assistenz entsteht, finanzielle Unterstützung beim Sozialamt beantragt. Für die meisten Assistenten ist es schwierig bis unmöglich mit mir im gleichen Raum zu schlafen, da mein Beatmungsgerät deutlich hörbare Geräusche macht. Ohnehin ist es nötig, dass sie auch einen Rückzugsraum haben. Deshalb bin ich bei Reisen auf eine Unterkunft angewiesen ist, die mindestens zwei Schlafzimmer hat. Entscheidend für eine Förderung ist die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben. Dies ist laut dem Gesetzgeber vor allem dann gegeben, wenn der Antragsteller mit Behinderung Kontakte zu Menschen ohne Behinderung knüpfen kann, neudeutsch könnte man auch Inklusion dazu sagen 🙂

Ich dachte nach, ob ich das ohne großen bürokratischen Aufwand begründen könnte: Mir fiel spontan ein, dass ich mich bei Unternehmungen in einer fremden Stadt nicht um Alltagsdinge wie Organisation der Assistenz, Bürokratie und Arbeit kümmern muss. Dadurch habe ich ganz einfach mehr Zeit und Möglichkeiten, Mitmenschen ohne Behinderung zu begegnen! Und wer in einer Großstadt unterwegs ist, bekommt automatisch Kontakt mit Menschen ohne Behinderung, d.h. er erlebt Inklusion! Und bei diesem Gedanken kam mir plötzlich ein Geistesblitz: Ich werde am Beispiel Barcelona schauen, welche Fortschritte bei der Inklusion in Spanien erreicht wurden und was wir in Deutschland davon lernen können. Langfristig -so meine Idee- kann ich durch den Input meiner Auslandserfahrungen dazu beitragen, die Inklusion bei uns vor Ort zu verbessern. Ich fragte nach bei Barcelona-Enabled, ob sie mein Vorhaben unterstützen würden. Und tatsächlich, der Verein stellte mir schließlich den Kontakt zur Selbsthilfeszene her. So konnte ich einmal einige Mitglieder des Kulturnetzwerks Barcelona im Zuge ihres regelmäßigen Stammtisches treffen. Dabei habe ich bemerkt, dass sehr viele Menschen ohne Behinderung bei diesem Netzwerk engagiert sind. Das Netzwerk kümmert sich intensiv um Inklusion und organisiert diesbezüglich einige Veranstaltungen und Treffen.

… meistens geht’s schwellenlos in die U-Bahn rein und raus

Ohnehin stellte ich bei der Erkundung der Stadt eine ausgeprägte Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung Barcelonas und einen großen Wille zur Inklusion fest. Der öffentliche Nahverkehr ist dafür ein gutes Beispiel. Das Busnetz ist gut ausgebaut und alle Busse sind rollstuhlgerecht. Zudem gibt es recht viele U-Bahn-Stationen, die mit dem E-Rollstuhl nutzbar sind. Die vielen flachen und glatten Wege im Zentrum machten es mir sehr angenehm, die Stadt zu erkunden. Vor allem aber die Menschen sind äußerst „inklusionsfähig“: Wir haben wirklich in jeder schwierigen Situation auf Anhieb eine Person gefunden, die uns unkonventionell Hilfe anbot. Auch wenn die Mittel in manchen Fällen etwas beschränkt waren. Aber wie sagt man so schön: Der Wille zählt!

Dazu habe ich folgende kleine Anekdote auf Lager: Schon zu Beginn meiner Reise nehme ich mir einen Ausflug auf einen der wichtigsten Aussichtshügel Barcelonas, den Tibidabo, vor. Obwohl uns keiner eine gescheite Verbindung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln nennen kann, ziehen wir los. Nach einer gefühlten Odyssee kommen wir endlich an eine Bushaltestelle, von wo Busse zum Tibidabo hinauffahren. Als der Bus kommt, sind wir aufgrund seines Rollstuhlsymbols sehr erfreut! Allerdings sehen wir im nächsten Moment die Stufen in den Bus und die Hoffnung schwindet. Der Busfahrer gibt uns zu verstehen, dass wir mitfahren sollen. Als ihm meine Schwester auf Spanisch die Problematik schildert, lässt er immer noch nicht locker. Er will uns inklusive mir unbedingt mitnehmen. Wahrscheinlich hätte er auch noch einige starke Männer organisiert, um mich in den kleinen Bus zu hieven. Zwar schade, dass der Ausflug ins Wasser fällt, aber trotzdem sind wir begeistert von dieser bedingungslosen Hilfsbereitschaft.

… überall super angenehmer Untergrund für Rollstuhlfahrer

Soweit so gut, kommen wir noch mal zum Beginn dieses Artikels und stellen uns folgende Frage: Wieso ist ein Zuschuss für meine Reisen überhaupt an ganz spezielle Bedingungen geknüpft und wieso reicht ein einfacher Nachweis des Mehraufwandes, der offensichtlich ist, nicht aus. Zumal meine Reisen den Kopf frei machen, neuen Input geben und mich für den Alltag mit neuer Energie aufladen. Ein Großteil der Bürger Deutschlands hat weit weniger Hürden zu überwinden, wenn er eine Reise machen will. Ich habe außerdem nicht die Möglichkeit, einfach so kostengünstig wie möglich zu verreisen, weil bei mir als E-Rollstuhlfahrer eben bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen. Leider laufe ich als Sozialhilfeempfänger und unterliege deshalb bei der Förderung einer Reise sehr strengen Maßstäben. Die Hintergründe und Diskussionen, wieso das so ist, würden an dieser Stelle eindeutig zu weit führen und sind stark politisch geprägt.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es hat sich gelohnt, die Inklusion in Barcelona intensiver zu begutachten-sie ist vorbildhaft.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Ämter oder andere finanzielle Unterstützungsstellen sollten Reisen für E-Rollstuhlfahrer und andere Menschen mit Behinderung fördern und nicht unnötig erschweren-hier ist vor allem die Politik und die gesellschaftliche Denkweise gefragt!

Fotos: Florian Müller