Alltag

„Mit dem Rollstuhl am Neckar unterwegs“ – Teil 2

Jetzt beginnt der unbefestigte Teil des Weges, der zwar etwas mühsamer zu befahren ist, aber wunderschön idyllisch anmutet ähnlich einer Allee. Für meinen E-Rollstuhl ist der Feldweg mit Kieselsteinen und Grünstreifen in der Mitte kein Problem – eher schon für mich, der ich kräftig durchgeschüttelt werde. Indem ich den Grünstreifen zwischen meine Räder nehme, geht es einigermaßen. Die anderen kommen recht gut hinterher, nur mein Kumpel und Aktiv-Rollstuhlfahrer Chris muss seine Greifräder ganz schön kräftig bearbeiten. Insbesondere die Teilnehmer, die noch nie in einem Schieberollstuhl unterwegs waren, haben Mühe. Immerhin erbarmt sich der eine oder andere Läufer als „Anschub-Unterstützung“. Jedenfalls bekundet die Frau von Hans Stahl ebenfalls, dass es ein spezielles Gefühl sei, den Weg eine Etage weiter unten bewältigen zu müssen. Die spezielle Situation im „Schieberollstuhl“ bestätigt auch ein Kumpel von mir und mein Assistent, der oft mit dem Rad fährt, findet es ziemlich anstrengend, sich ständig mit bloßer Hände-Power fortzubewegen zu müssen.

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Als wir zu der Stelle kommen, wo es etwas waldiger wird, hält es der kleine Radfahrer nicht mehr aus und überholt mich. Das macht ihm sichtlich Spaß. Ich verstehe schon und lasse mich zur Entlastung ein paar Meter von meinem Assistent fahren. Nach der nächsten Kehre erkennen wir Neckarhausen vor uns und biegen scharf links ab, um eine kurze aber knackige Rampe zu erklimmen. Während ich es gerade so alleine schaffe, braucht der eine oder andere Unterstützung. Oben angekommen fahren wir auf dem Gehweg neben der Hauptstraße zwischen den beiden Ortsteilen.

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Immer weiter vorwärts: Wie an der Perlenschnur gezogen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht an der Bushaltestelle ein genialer Oldtimer, es ist Oldtimer-Treffen im benachbarten Örtchen Ladenburg, wo Carl Benz seine ersten Fahrzeuge zusammenschraubte. Da ist natürlich ein Schnappschuss Pflicht. Nach wenigen Metern geht es leicht rechts ab, näher an den Neckar heran. Jetzt wird es wieder sehr idyllisch, aber geteert, sodass ich endlich mal richtig Gas geben kann. Nur einer kann mithalten und überholt mich natürlich: Mein Kumpel Lars, der etwas mehr PS hat als ich. “Mir kannst du nicht so leicht entwischen“, ruft er mir mit einem breiten Grinsen zu, als er an mir vorbeirauscht. Bevor es über die Straße über den Parkplatz des Schwimmbad zum Hallenbad-Bistro „Azzurro“ geht, warte ich auf die anderen.

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Traumauto: An so einem Fahrzeug kommt kein Auto-Liebhaber vorbei!!

Auf der anderen Straßenseite bekomme ich ein Dauergrinsen: Ich erblicke eine schwarze, wunderschöne S-Klasse von Mercedes. Wenig später sind wir beim Bistro, was für ein Hallenbad-Imbiss ein erstaunlich einladendes Ambiente hat. Ein Teil der Runde verabschiedet sich jetzt, aber wir sind immer noch eine schöne und unterhaltsame Gruppe. Es wird jetzt richtig warm und wir sind froh, mittlerweile unter dem Sonnenschirm zu sitzen und etwas Kühles zu trinken. Aufs Essen müssen wir leider verhältnismäßig lange warten, aber wir unterhalten uns prächtig. Vor allem der stellvertretende VdK-Vorsitzende Achim mit seinen originellen Sprüchen und mein Assistent als professioneller „Wespen-Fänger“ sorgen für eine ungezwungene Stimmung.

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Guten Durst!: Bei diesen Temperaturen ist ein Bistro-Besuch genau das richtige.

Gut gesättigt nehmen wir den Rückweg in Angriff, den wir wesentlich schneller hinter uns bringen. Wir unterhalten uns nebenbei angeregt und nehmen mit unseren Rollstühlen zeitweise die ganze Breite der Straße ein. Urplötzlich kommt von hinten ein Radfahrer ohne zu klingeln angeschossen. Da der Platz zu knapp wird, weicht er auf den Straßenrand aus und der Ast eines Laubbaums trifft ihn mitten ins Gesicht. Wir erschrecken ziemlich, regen uns aber nur kurz über den Raser auf. Unserer guten Laune tut dies sowieso keinen Abbruch, zumal es ohne einen einzigen Zwischenfall ja auch irgendwie etwas langweilig geworden wäre.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Ein Hallenbad-Bistro kann richtig cool sein.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Menschen im Rollstuhl fahren tatsächlich auf die Seite für dich, wenn du sie darauf aufmerksam machst!

 

Mein Weg – „Mit dem Rollstuhl am Neckar unterwegs“

Heute ist es endlich soweit! Nachdem der erste Versuch meines Weges „Mit dem Rollstuhl am Neckar unterwegs“ regelrecht ins „Wasser gefallen“ war, ist heute das ideale Wetter für mein Vorhaben: Nicht zu kalt und nicht zu heiß! …

Die Frage, warum ich diesen Weg mit anderen zusammen fahre bzw. laufe, ist berechtigt: Im Zuge des Jubiläums meines Wohnortes Edingen-Neckarhausen und dem 40-jährigen Gemeindezusammenschluss beider Ortsteile kam die Idee des Projekts „40 Wege“ auf. Also 40 schöne Wege, die beide Ortsteile verbinden. Als ich davon hörte, kam mir sofort die Idee, einen Weg anzubieten, bei dem Jeder! mitlaufen oder -fahren kann: Rollstuhlfahrer, Senioren, „Läufer“ und Kinder. Natürlich bot es mir auch die Chance, mich einzubringen und etwas Öffentlichkeitsarbeit für mehr Inklusion und meinem Blog zu machen. Als Unterstützer hatte ich bald den VdK-Ortsverband der Stadt im Boot. „Viel besser, als so etwas alleine durchziehen zu müssen“, dachte ich mir.

… etwas Nervosität kann ich an diesem Samstag Morgen kaum verbergen. Als ich und mein Assistent endlich startklar sind, blicke ich hektisch auf die Uhr: Oh Gott, nur noch 10 Minuten bis zum Start, Beeilung ist angesagt! Durchs gekippte Fenster ruft plötzlich ein guter Kumpel herein, dass es jetzt aber langsam Zeit werden würde. Dann klingelt es und ein anderer Kumpel kommt hereinspaziert. Auf meine Bitte hin schnappt er sich einen von zwei Schieberollstühlen, in denen interessierte „Läufer“ den Weg als Rollstuhlfahrer erleben können. Mein Assistent kann es kaum erwarten, endlich mal wieder selbst Rollstuhl zu fahren. Kaum aus der Haustüre draußen, brettert er los, ich schieße mit Vollgas hinterher. Plötzlich macht er aus unerfindlichen Gründen ein Bremsmanöver… jedenfalls so überraschend, dass ich nicht mehr reagieren kann und volle Kanne auf sein linkes Hinterrad drauffahre. Ich lasse einen ziemlich lauten Brüller fahren, komme aber zum Glück mit dem Schrecken davon. Einen Crash mit Folgen schon vor dem eigentlichen Start der Neckartour hätte mir gerade noch gefehlt. Ganz abgesehen von der Peinlichkeit!

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Erfreulich: Ein überraschend großes Teilnehmerfeld freut sich auf den Start

Draußen gebe ich ein recht hohes Tempo vor, mehr als fünf Minuten Verspätung will ich mir nicht leisten, nicht heute! Ich nehme die Abkürzung zum Neckar und fahre dann mit zwei Freunden und meinem Assistent im Schlepptau Richtung Rathaus. Dort haben sich zu meiner Freude schon ein paar Teilnehmer eingefunden, davon ein paar Freunde. Auch eine Assistentin von mir mit ihren zwei kleinen Jungs, der eine im Kinderwagen, der andere mit seinem kleinen BMX-Rädchen. Für ihn ist eine kleine Ausfahrt mit dem Rädchen genau das Richtige. Auch seinen kleineren Bruder hält es nicht die ganze Zeit in seinem Kinderwagen, zwischendurch muss er ein bisschen rennen! Meiner Assistentin war es schon immer wichtig, dass ihre Jungs von klein auf mit Menschen mit Behinderung in Berührung kommen, dass sie es normal finden. Das finde ich klasse und es ist ein wichtiger Aspekt meines Weges.

Vor lauter Aufregung begrüße ich die erfreulich große Runde der „Weg-Teilnehmer“ mehr schlecht als recht. Zum Glück rettet die Reporterin der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) die Situation und schlägt vor, doch erst einmal ein schönes Foto vom Teilnehmerfeld zu machen. Sehr gute Idee, das lockert die Stimmung nach meinem Empfinden deutlich auf! Dann geht’s los, ich will eigentlich gar nicht als Erster losfahren, aber darum komme ich nicht herum. „Natürlich musst du vorausfahren, wir kennen doch den Weg gar nicht“, macht mein Kumpel mit Rollator deutlich. Also gut, ich setze mich an die Spitze und führe das Feld an. Es klappt erstaunlich gut mit dem „Selbstständig fahren“, was bei mir keine Selbstverständlichkeit ist. Außer dass ich immer mal wieder abbremsen muss. Das bemerkt zwar ein aufmerksamer Teilnehmer und will von meinem Assistenten den Grund wissen. Anscheinend ist die Problematik aber nicht weiter aufgefallen, wie mir mein Kumpel später versichert. Plötzlich kommt die Reporterin nach vornegeprescht, um mir noch ein paar Fragen zu stellen. Ein ganz neues Gefühl, während dem Fahren wurde ich noch nie interviewt.

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Neue Erfahrung: Im Rollstuhl fühlt sich der Weg etwas anders an

Ich fühle mich gut, das Wetter ist super, meine Jacke und mein Heizkasten reichen völlig aus. Da ich von Natur aus ein ziemlich vorsichtiger Mensch bin, habe ich natürlich auch noch das Regencape eingepackt. Mein kleines Gepäcksnetz hinten am Rollstuhl lässt auf eine größere Tour schließen. Aber bei mir sieht es meistens so aus, als würde ich eine Weltreise machen. Hinter mir herrscht gute Stimmung, der kleine Radfahrer ist begeistert bei der Sache und die anderen Teilnehmer unterhalten sich bestens. Es läuft alles wie von allein, auf dem ersten ebenen Abschnitt gebe ich ein paar Meter Vollgas, um dann auf die anderen zu warten. Ein paar Fotos sind angesagt und endlich trauen sich die ersten „Wegbegleiter“, an mir vorbeizuziehen, es geht sowieso immer geradeaus. Jetzt lasse ich mich das erste Mal von meinem Assistenten fahren und genieße das laue Lüftchen. Wenige Meter später erkenne ich den Erfrischungsstand, den die „Grünen“ zur Verfügung stellen. Bald ist das komplette Teilnehmerfeld zusammen beim „Boxenstopp“ und erfrischt sich mit kühlen Getränken, es gibt sogar Sekt. Die Pause kosten wir länger aus wie gedacht. Es herrscht buntes Treiben und alle unterhalten sich angeregt. Ich begrüße noch den einen oder anderen Teilnehmer persönlich und unterhalte mich mit „40 Wege-Projektleiterin“ Conny Mahler, die mit ihrer Familie schon länger in Neckarhausen wohnt. Eine sehr engagierte Bürgerin, deren Idee es war, die schönen Wege rund um unser idyllisches Neckarstädtchen den Bürgern näherzubringen.

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Ausgedehnte Pause: Gute Unterhaltung bei kühlen Getränken

Hans Stahl, langjähriges Gemeinderatsmitglied, berichtet mir über seine Erfahrungen im Schieberollstuhl: „Das ist schon ein spezielles Gefühl, vor allem habe ich gemerkt, wie stark man die Unebenheiten spürt!“ Ich fühle meine eigenen Erfahrungen bestätigt und erkundige mich über neueste Bemühungen der Stadt zur Barrierefreiheit. Da blitzen seine Augen erfreut und er erzählt mir, dass es ihm ein persönliches Anliegen sei, auch die restlichen Hindernisse wie zu hohe Bordsteinkanten noch auszumerzen. Gelder dafür seien vorhanden, für die Verwaltung sei es nur nicht immer einfach zu wissen, wo genau noch Handlungsbedarf bestehe. Dafür freue er sich besonders über Infos aus erster Hand, also von den Bürgern, die solche Maßnahmen hauptsächlich betreffen. Als die Ersten mit den Hufen scharren, besteht kein Zweifel mehr: Ich muss das Signal zur Weiterfahrt geben. Ich bedanke mich noch bei den „Grünen“ und drücke wieder aufs Gaspedal.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es ist eine schöne und nützliche Sache, sich in der eigenen Gemeinde einzubringen, denn der Input wird gebraucht.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Zu einer ausgewogenen inklusiven Gemeinschaft gehören immer zwei: Die nicht-behinderten Menschen und die Menschen mit Behinderung.

 

Inklusion kann so einfach sein!!!

Nachdem wir alle mehr oder weniger gut ins neue Jahr gerutscht sind, ist es schon wieder so weit. Einer meiner besten Kumpels feiert Geburtstag: Dieses Mal ist es der Dreißigste! Gott sei Dank wieder einer mehr, der die 30er-Marke überschreitet. Wir treffen uns in der Studentenkneipe Ziegler Heidelberg in der Nähe vom Bismarckplatz, Verkehrsknotenpunkt Nummer eins. Obwohl das Wetter garstig ist, beruhigt mich die Aussicht, nicht zu lange in der Kälte herumfahren zu müssen. Beim Aussteigen aus der Straßenbahn drängen sich die Menschen wie immer sofort alle in die Bahn hinein, bevor ich auch nur einen Millimeter Richtung Türe fahren kann. Aha, denke ich, es ist alles wie immer, auch im Jahr 2015 haben die Menschen in diesem Punkt noch nichts dazugelernt. Aber eigentlich hat dieses Verhalten ja schon Tradition und mir würde doch etwas fehlen, wenn es anders wäre 🙂

Bahnfahrt

Dichtes Gedränge wie immer: Unterwegs im ÖPNV

Dann geht’s schnell in Richtung Geburtstagskind und als ich ins Ziegler hineinfahre, bin ich positiv überrascht: Sie wurde etwas umgebaut und anders eingerichtet: Gechillte Stimmung, keine Höllenlautstärke und schöne Sitzeinheiten, zwischen denen genügend Platz ist. Für einen E-Rollstuhlfahrer ein kaum zu überschätzender Faktor. Ich fühle mich direkt richtig wohl. Das WC hätten sie zwar auch umbauen können, aber ich komme zumindest hinein und kann mein Geschäft erledigen.

Irgendwann fällt mir ein Mann auf, der von Tisch zu Tisch schlendert und mit allen Gästen einen netten Small-Talk hält. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es der Inhaber ist, aber scheinbar hat er dort etwas mehr zu sagen. Dann kommt er zu mir und lacht mich freundlich an: „Wahnsinn, was fährst du denn für eine geniale Maschine, das ist ja ein Hammer-Teil!“ Mit einem Leuchten in den Augen deutet er auf meinen fahrbaren Untersatz und ich bin mir im ersten Moment nicht sicher, ob er die ganze Sache ernst meint. Aber egal, es ist ja gut, wenn die Leute von mir Notiz nehmen und mich ansprechen. Mit ein bisschen Stolz stimme ich ihm zu. „Echt genial, kannst du den Rollstuhl selber bewegen und wie funktioniert das alles?“, will er wissen. Und es ist ihm scheinbar wirklich wichtig. Also erkläre ich ihm auf die Schnelle, wie der Hase läuft und was mein Super-Rollstuhl alles drauf hat. Dann die nächste Frage: „Was hat der denn gekostet?“ „Naja, um die 30.000…“, lasse ich ihn wissen und kann mir ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Er ist sichtlich beeindruckt und würde mir am liebsten noch einen Drink spendieren. Man hat ja schließlich nicht jeden Tag „etwas speziellere Gäste“. Auch meinem Kumpel, der ebenfalls im Rollstuhl sitzt, klopft er wohlwollend auf die Schulter: „Einfach klasse, eure Runde!“

Unfall

Allround-Talent: Mein E-Rollstuhl umschifft jede Hürde.

Als er dann seinen großen Hund anschleppt und meint, er würde mir damit eine Freude machen, muss ich allerdings energisch protestieren: „Bitte nicht, lassen Sie mir dieses Vieh vom Leib!!“ Ich war noch nie der große Fan von Haustieren, aber solche großen Exemplare sind einfach überhaupt nichts für mich. Er ist zwar etwas enttäuscht, wünscht mir aber das Allerbeste, als er mich verabschiedet. Auf jeden Fall ein lustiger Kerl, der nicht nur neugierig durch die Gegend frägt. So oder so finde ich es richtig erfrischend, wenn jemand ganz ungezwungen etwas über meine Erkrankung wissen möchte. Viel besser als wenn die Leute einen nur anschauen und mit weit offenem offen stehendem Mund an einem vorbeischleichen.

super-Rollstuhl

Geht nicht gibt’s nicht: Der E-Rolli ist in alle Richtungen verstellbar.

Aber das sollte es an diesem Abend noch nicht gewesen sein: Als ich in Edingen aussteige, spricht ein junger Mann, etwa Mitte 20, mit Blick auf mich meinen Helfer an: „Was ist denn mit ihm passiert?“ „Du kannst ihn ja direkt selber fragen“, gibt der daraufhin zurück. Also frägt er mich und wirkt dabei nicht einmal erschrocken. Er dachte wohl wirklich, mich hätte es ein bisschen härter erwischt. Meine Güte, liegt ja durchaus im Bereich des Möglichen, deshalb kann ich ihn sogar verstehen. Ich erkläre ihm in kurzen Sätzen, was ich für eine Krankheit habe und meine dann noch zu ihm: „Und übrigens, noch ein frohes neues Jahr!“ Er lächelt mich an und läuft weiter. Sympathischer junger Kerl, der den Mut hatte, meinem Helfer anzusprechen, weil er es einfach nicht besser wusste.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Die Inklusion scheint gaaaanz langsam doch erste Früchte zu tragen.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Einfach nur Fragen.

 

Einkaufen

Ich bin unlängst in eine größere, schönere und rollstuhlgerechte Wohnung umgezogen. Außerdem ist sie nur 5 Minuten vom nächsten Supermarkt entfernt. Das möchte ich natürlich sofort ausnutzen und begleite meinen Helfer beim Einkauf. Ich habe jedoch nicht bedacht, dass am nächsten Tag Feiertag ist und der Laden vor Menschen wimmelt. Ich komme kaum vorwärts und anstatt die meisten Einkäufer schnell an mir vorbeigehen, begutachten sie mich lieber eine gefühlte halbe Stunde. Das ist unnötig, kostet nur Zeit und hält den Verkehr im Laden auf. Als ich endlich auf einen menschenleeren Gang stoße, gebe ich Vollgas. Dabei kommt mir eine ältere Dame in die Quere und erschrickt total. Keine Sorge gute Frau: Ist doch nur ein motorisierter Rollstuhl mit etwas zuviel PS.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Kaufe nie wieder vor einem Feiertag ein und flitze nie mehr zu schnell um Regalecken.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Auch Supermarktregale schützen nicht vor Unfällen!

 

 

Immer wieder Dienstags

Ich pace mit Karacho zur Straßenbahnhaltestelle, weil ich mal wieder spät dran bin. Mein Helfer hechelt hinterher. Es geht zum allwöchentlichen Filmabend zu meinen Kumpels. Wieso ich eigentlich immer so spät dran bin? Also zum einen benötigt ein E-Rollstuhl-Fahrer wie ich immer für alle Dinge etwas mehr Zeit, zum anderen aber ist es selbstverschuldet, da ich immer denke, so viel wie möglich noch erledigen zu müssen. Der alltägliche Wahnsinn eben!

Seit ich wegen meines Umzugs mit der Bahn zum Filmabend muss, bin ich immer pünktlich bei meinen Freunden. Die Bahn zwingt mich quasi dazu, ich muss lediglich immer Vollgas geben dank meines großzügigen Zeitmanagements.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich überhaupt kein Filme-Gucker bin und viel lieber die ganze Zeit mit meinen Kumpels reden würde. Aber sie bemühen sich wirklich sehr, um mir möglichst Marcel-gerechte Filme vorzusetzen. Diesmal kommt Iron Man 2, ganz ok, aber ich bin müde, träume vor mich hin und will heim. Beim Blick auf die Uhr wird mir klar, dass ich so schnell wie möglich losfahren muss. Schnell bespreche ich mit meinen Kumpels die letzten Details und lasse mich anziehen. Dann geht’s mal wieder ab, mit Vollgas schieße ich um die nächsten Kurven, der Wettlauf mit der Straßenbahn beginnt. Es ist unglaublich, aber als ich die Haltestelle erreiche, fährt gerade die Bahn ein. Puh, mal wieder gut gegangen!

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Wer zu spät dran ist, den bestraft nicht immer die Straßenbahn.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Wer mit E-Rollstuhl-Fahrern unterwegs ist, muss fit im Schritt sein.

 

Gaffer mit den eigenen Waffen schlagen

Anfang des Jahres hörte ich davon, dass der Katholikentag dieses Jahr in Mannheim stattfindet. Als Heidelberger und gläubiger Christ habe ich einen Besuch dieses Ereignisses gleich auf meinen Jahresplan gesetzt. Zum einen weil ich auf interessante Vorträge gehofft habe, zum anderen war ich neugierig, wie sich die Katholiken in der Öffentlichkeit präsentieren und wie sie mit dem Thema Behinderung umgehen würden.
Aber der Reihe nach: Als wir in Mannheim ankommen, stürze ich mich zusammen mit meinem Helfer ins Getümmel. Es ist mal wieder wie immer: Je mehr Menschen unterwegs sind, desto mehr potentielle Schaulustige habe ich zu befürchten. Ich schaffe es problemlos, die Aufmerksamkeit vieler Kirchentagsbesucher auf mich zu lenken. Irgendwann meint mein Helfer zu mir, dass es ja ganz schön krass sei, wie viele Menschen mich anstarren.

Ich erzähle ihm die Geschichte von meinem Urlaub mit meiner Schwester in Prag. Sie machte sich einen Spaß daraus und rief jedem, der mich länger als fünf Sekunden anschaute, lauthals den Aufschrei „GuckGuuuck“ hinterher. Mein Helfer ist sofort „Feuer und Flamme“ und kringelt sich vor lachen. Er will das jetzt unbedingt sofort ausprobieren und ich habe keine Chance mehr, ihn davon abzuhalten…
Er hat den Rest vom Tag wahnsinnig viel Spaß und wir können uns teilweise das Lachen nicht verkneifen. Manchmal tun mir die Leute, die Opfer meines Helfers werden, fast leid. Hin und wieder übertreibt er es und ich gestehe mir ein, dass ich manche Menschen  genauso komisch anschaue. Dennoch haben es einige so genannte „Gaffer“ verdient, dass wir ihnen eine kleine Lektion erteilen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Ein bisschen Spaß muss sein!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: So außergewöhnlich sind E-Rollstuhlfahrer nun auch wieder nicht.

 

 

2 Gedanken zu „Alltag

  1. 1., diese Seite hat mir gut gefallen.
    Letzten Sonntag bin ich mit meinem Schiebe Rolli nachts um 12 Uhr in München von einer Reise angekommen. Bisher hatte ich noch nie Ärger mit der Mobilitätszentrale, entweder hat man mich zum Infopoint oder zum Taxi gebracht, in Berlin Ost sogar bis ins Hotel. Doch letzten Sonntag hat man mich mit Rolli und Gepäck aus dem Zug geholt und das war alles. Der Beamte sagte er hätte keine Zeit mich weiter zu bringen, wenn ich zum Taxi gebracht werden wolle, müsse ich das anmelden. München, Welt stadt mit Herz. Doch dann fragte mich ein junges Paar ob sie mir helfen könnten und die brachten mich dann zum Taxi. Es gibt eben doch noch Menschen mit Herz. Meine nächste Reise mache ich jetzt mit meinem E.Rolli weil ich sowieso keine Schiebehilfe habe. Also alles Gute und weiterhin so nette Beiträge im Internet.

    • Hi Elsen,
      danke für deinen Eintrag. Ja, manchmal erlebt man schon böse Überraschungen 🙂 Es kommt halt immer drauf an, wie motiviert der Bahnbeamte ist! ich habe bisher immer ganz gute Erfahrungen gemacht mit der MSZ, nur wenn mal was außer der Regel ist, wird es kritisch. Hast du auch Muskeldystrophoie und was fährst du für einen E-Rollstuhl? Liebe Grüße Marcel

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