Der E-Rolli und sein Schatten

Mittlerweile ist der Tag schon fast wieder vorbei, aber ich sitze natürlich noch an meinem Laptop und überlege, wie ich die letzten Passagen meines Artikels formulieren soll. Mein Helfer Simon hängt schon etwas schräg auf der Couch und schaut müde in seinen Mini-Laptop vor sich. Ich frage ihn, ob er mir bitte kurz hilft, ein paar Sätze zu tippen, die ich mir überlegt habe. Da mein Gehirn so spät abends auch nicht mehr ganz auf der Höhe ist, diktiere ich nur sehr bruchstückhaft. Simon muss sich echt Mühe geben, dass er nebenbei nicht einschläft. Meine Assistenten haben halt schon ein hartes Los gezogen, bei so einem  verrückten Workaholic wie mir zu arbeiten. Wurde höchste Zeit, dass ich mir meinen neuen Laptop geholt habe und meine Sprachsoftware endlich benutzen kann.
Soweit, so gut, ich hab´s tatsächlich geschafft, mich vom PC zu lösen. Ich fahre in mein Zimmer und wir beginnen mit den Vorbereitungen für den Transfer ins Bett. Reden müssen wir nicht viel, da die Handgriffe nach 5 Jahren völlig automatisiert sind. Simon schnappt mich, als wäre es nichts und hebt mich schwungvoll ins Bett.

Obwohl ich mir für den nächsten Tag strikte Zielvorgaben verordnet habe und ich früh aufstehen will, bekomme ich morgens nicht die Kurve und schlafe für eine gefühlte kleine Ewigkeit nochmal ein. Als ich wieder aufwache, ist einer meiner Vollzeitkräfte da, genauer gesagt die Frau aus dem Odenwald oder auch MilliVanilli. Sie hat schon ihre üblichen Rituale hinter sich, die den Beginn ihres Dienstes ausmachen: Den Gang aufs WC und der frische Kaffee. Sie hat einen beruhigenden Einfluss auf mich, denn obwohl mein exakt durchgetakteter Zeitplan schon aus dem Ruder gelaufen ist, bin ich ganz entspannt. Ich habe schon immer versucht, etwas von Menschen abzuschauen, die anders ticken wie ich selbst. Ein bisschen mehr Chillen und weniger Stress schaden mir auf jeden Fall nicht. Ich glaube sogar, dass ich dann gelassener und somit effektiver und schneller arbeiten kann. Wenn ich zu wenig geschafft bekomme, liegt das meistens sowieso nur daran, dass ich mich nicht richtig auf eine einzige Sache fokussiere.

Fertig geschniegelt und gestriegelt im Rollstuhl sitzend, bespreche ich mit meiner Starköchin, was es zum Mittagessen geben soll. Dann flitze ich an meinen Schreibtisch und Milli zum Auto. Schon praktisch, wenn man eine Fahrerin hat für die schweren Getränkekisten. Während ich alleine bin, klingelt das Telefon und ich kann natürlich nicht abnehmen. Ich bin aber eher erleichtert, da ich im Moment überhaupt keinen Nerv für ein Telefongespräch habe. Der Tag nimmt seinen gewohnten Gang, abends verheddern wir uns an einer dämlichen Onlinebewerbung, die ich alleine bestimmt vorzeitig abgebrochen hätte. Aber die motivierende Schattenfrau pusht mich. Am nächsten Morgen sitze ich schon früh und nicht gerade ausgeschlafen auf meinem WC-Stuhl. Als Biggi rein kommt, schrecke ich hoch. „Marcy, ich geh noch kurz Eine rauchen“, meint sie und ich hab nichts dagegen. Nach einer Stunde entscheide ich mich, endlich meine Sitzung zu beenden und der Tag kann so richtig beginnen. Während ich noch ewas brauche, um in die Gänge zukommen, sprüht Biggi schon voller Tatendrang. Sie bring die Wohnung auf Vordermann, ohne dass ich sie darauf hinweise, was natürlich förderlich für meine Konzentration ist. Es ist der Idealfall, wenn die Leute von alleine sehen, was zu tun ist. Dennoch bin ich heute gar nicht zufrieden mit mir und meiner Effektivität, Biggi dagegen kann schon zufrieden mit sich sein. Manchmal wäre ich auch gerne Helfer!

UnexpendablesAber gut, ich bündle nochmal alle meine Kräfte in Vorfreude auf heute Abend, auf Gonzo n‘ Friends, eine tolle Coverband aus der Region. Abends kommt dann Gernot, der Mann für alle Fälle! Wir verstehen uns blind und haben komischerweise einen ziemlich ähnlichen Musikgeschmack, obwohl ich über zwanzig Jahre jünger bin. Heute Abend brauche ich ihn aber hauptsächlich als den, der mich durch die Gegend schleppt und vier Stockwerke mit dem Rollstuhl hinaufzieht. Wie gut, dass die Heidelberger Party-Locations so schön rollstuhlgerecht sind. Aber deshalb habe ich ja Helfer, die vor nichts zurückschrecken und kampferprobt sind. Dies gilt besonders auch für meine aufgeweckte freche Fränkin, eine kleine Powerfrau, die oft genauso tickt wie ich und mir manchmal sogar einen Schritt voraus ist. Vor allem wenn es darum geht, sich nicht zu spät ins Bett zu begeben. Meine Helferinnen sind halt schon sehr besorgt um meinen physischen Zustand. Wenn ich aber in meinen pedantischen und detailversessenen Urzustand zurückverfalle und zu viele Anweisungen gebe, kann es ungemütlich werden. „Also wirklich, ist ja wohl logisch, dass ich das weiß. Bin ja nicht zum ersten Mal hier!“ Solche Aussagen darf ich mir dann schon mal anhören.

So, zum Abschluss wende ich mich noch meinem ultimativen PC-Papst zu, der niemals zurücktreten darf! Der Mann ist echt der Hammer und nicht nur weil er gelegentlich genauso zu denken scheint wie ich. Seine große Motivation mutet manchmal beängstigend an, er wird richtig böse, wenn er seinen Aufgabenzettel nicht erfüllt. Da kenne ich nochmal jemand… Richtig aggressiv wird er, wenn meine Komandozentrale, bestehend aus Laptop, Riesenbildschirm, Spracheingabe und externer Tastatur nicht 100% funktioniert und die Ausführung meiner Sinne stark eingeschränkt ist. Aber Probleme sind ja bekanntlich da, um sie zu lösen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Meine Helfer sind ein Fall für sich und machen mein Leben schöner!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Alltagsassistenten werden viel zu häufig unterschätzt. Es steckt viel mehr in ihnen als man glauben mag.

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Unterwegs mit der Straßenbahn

Ich bin mal wieder zu spät dran und versuche die einfahrende Bahn irgendwie noch zu erreichen. Mein Helfer rennt zur Bahn, um die Türe zu blockieren. Ich kämpfe derweil mit anderen Problemen, komme kaum vorwärts, da ich nicht mehr in der richtigen Position sitze. Eine ältere Frau versucht verzweifelt, mich anzuschieben. Gut gemeint, aber ein E-Rollstuhl lässt sich nicht einfach schieben und man macht eher mehr kaputt, als dass es hilft.

Zum Glück schaffe ich es noch, da ich es mit einem sehr netten Fahrer zu tun habe, ein Positivbeispiel für alle anderen Fahrer. In der Bahn stehe ich neben einer geistig behinderten Frau und Sie möchte die Uhrzeit wissen. Eine ältere Frau neben ihr – vermutlich ihre Mutter – gibt ihr einen Stoß in die Seite. Ich könnte mich über dieses Verhalten aufregen und das steigert sich noch, als sie mich belehrt, auf welcher Seite ich aussteigen soll. Draußen bespreche ich die Szene mit meinem Helfer und er klärt mich auf: Es war nicht die Mutter der behinderten Frau, sondern ebenfalls eine geistig behinderte Frau.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: OK, so kann man sich täuschen!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Bitte versuche niemals ohne Anleitung einen E-Rollstuhl zu schieben!

Fahren mit Bahn und Straßenbahn muss gelernt sein

Ich kann ausnahmsweise einmal gemütlich zur Straßenbahn fahren und es kommt sogar eine rollstuhlgerechte Bahn mit Klapprampe. Wer aber glaubt, dass ich damit aller meiner Sorgen entledigt bin, täuscht sich gewaltig. Spätestens beim Ausstieg am großen Busbahnhof kommt es öfter zu Komplikationen. Die Menschen stehen dicht gedrängt am Bahnsteig und Einige kleben mit der Nase förmlich an der Straßenbahnscheibe, noch bevor diese zum Stehen kommt. Kaum öffnet sich die Türe, stürmen die Menschen in die Bahn, als ginge es ums nackte Überleben. Natürlich stehen ein paar Spezialisten mitten auf der Klapprampe. Als der Schaffner die Klappe herunterklappen will, um mich herauszulassen, muss er sie erst mal deutlich auffordern, Platz zu machen. Ich bin froh, als ich draußen bin und die Bahn ihrem weiteren Schicksal überlassen kann.

Beim Ausstieg aus dem Bus ist das Ganze noch eine Nummer komplizierter, da ich erst durch den schmalen Gang fahren muss, am Fahrer vorbei, um auf die elektrische Rampe zu kommen. Natürlich geben mir die meisten Menschen keine Chance dazu, da sie sofort einsteigen. Dann wirds schön kuschelig und ich muss mich an einigen Leuten, die große Augen machen, vorbeiquetschen. Es ist nervig und uneffektiv und zeigt einfach, dass wir Deutschen ein bisschen mehr Disziplin nötig haben. Noch schlimmer ist es aber, wenn man als Rollstuhlfahrer mit ganz vielen Menschen am Bahnsteig steht, was vor allem nach Großveranstaltungen vorkommt: Wenn ich meine Helfer nicht anweise, sich vorzudrängeln und ihre Ellenbogen einzusetzen, schaffe ich es nicht in die Bahn. Es ist ganz klar: Wer nicht als erster die Bahn entert, ist verloren: Eine Schande, die kein Mensch jemals ertragen könnte.

Bahnfahrt

Schon traurig, dass Ordner zwingend nötig sind, um ein absolutes Chaos zu verhindern. Kürzlich war an der Bahnhaltestelle mal wieder die Hölle los: Ein paar Jungs haben Junggesellenabschied gefeiert. Als sie in die Bahn steigen, sind sie alles andere, bloß nicht nüchtern und bleiben mitten in der Bahn stehen. Es ist scheinbar kein Durchkommen mehr, aber die Jungs müssten einfach nur aufrücken. Obwohl sie total neben der Spur sind, bekommen sie das gerade noch hin und ich kann mich irgendwie in die Bahn quetschen. Allerdings zu dem Preis, dass ich fast keine Luft mehr bekomme. Kaum zu glauben, dass Fahrradfahrer manchmal sogar freiwillig aus der Bahn oder dem Bus steigen, um Platz zu machen. Es gibt also Lichtblicke und im Grunde finde ich es toll, dass ich die Möglichkeit habe, öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Bei der Fahrt mit Bus und Bahn sind gute Nerven zwingend erforderlich.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Beim Ein – und Aussteigen in öffentliche Verkehrsmittel Mitdenken und Rücksichtnahme nicht vergessen!

Tatort Service-Point

Ich bin ausnahmsweise einmal pünktlich am Hauptbahnhof, denn ich will ja das letzte Liga-Spiel der Saison vom VFB anschauen. Voller Vorfreude melde ich mich beim Service-Point an, damit mir die Bahn-Mitarbeiter beim Einstieg helfen. Schließlich bin ich ja ordnungsgemäß vorgemeldet. Plötzlich klingelt mein Handy und mein Kumpel berichtet mir, dass er wegen einer Zugverspätung den Anschlusszug verpasst hat. Na Prost Mahlzeit, den geplanten Zug bekommen wir so nie und die erste Halbzeit ist futsch. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass es meistens Glück gebracht hat, wenn ich zu spät kam…

Die schwierigste Aufgabe steht mir aber noch bevor: Ich darf dem Service-Mensch erklären, dass ich ein Zug später fahren muss. Und prompt erklärt er mir mit höchst sorgenvoller Mine, dass dies natürlich ein sehr frommer Wunsch sei. Und samstags seien die Züge ja überfüllt und er müsse erstmal den Zugbegleiter fragen. Aber wahrscheinlich habe es eh keinen Zweck!

DB Schlacht

Langsam habe ich genug von dieser Jammerei und frage ihn geradeheraus, was er eigentlich unter einer Serviceleistung versteht, ich will ja nur eine Lösung und wenn es um den VFB geht, kenne ich keine Gnade! Ich bin kurz davor, auszurasten, aber der Service-Mensch kommt mir zuvor und flippt aus: Er habe jetzt langsam die Schnauze voll. Er sei schon vierzig Jahre bei der Deutschen Bahn und habe absolut keinen Bock mehr auf dieses Theater jeden Tag. Er würde sich jetzt krankschreiben lassen, damit er diesen Stress endlich loshabe, verkündet er. Ich bin einigermaßen perplex und finde es nach kurzer Sprachlosigkeit fast schon witzig. Immerhin ist der Gute so pflichtbewusst, dass er tatsächlich nachfragt, ob in dem späteren Zug noch ein freier Rollstuhlplatz ist.
Derweil verdrücke ich mich, um weiteren Wutausbrüchen zu entgehen. Nach ein paar Minuten kommt eine überaus freundliche Bahn-Mitarbeiterin auf mich zu und teilt mir mit, dass ich den nächsten Zug nehmen kann. Also, geht doch!

Als mein Kumpel endlich eintrifft, überbringe ich ihm sofort diese freudige Botschaft und das Beste: Im Stadion entschädigt mich der VFB mit drei Toren in sechs Minuten!! Wenn sich das mal nicht gelohnt hat, denke ich mir und könnte platzen vor Freude.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Lass dir niemals von einem Bahn-Service-Mitarbeiter die Laune verderben!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Es gibt immer eine Lösung.

Die Tücken einer schriftlichen Prüfung

Die meisten Schüler und Studenten haben in der Regel vor mündlichen Prüfungen den größten Respekt. Bei mir ist das Gegenteil der Fall und zwangsläufig war ich den schlimmsten Nervenschlachten während schriftlichen Prüfungen ausgesetzt. Ich habe die Zwischenprüfung meines Studiums noch viel zu genau im Hinterkopf. Zuerst konnte ich mich nicht für die Fragen entscheiden, die ich mindestens beantworten sollte und am Ende wurde die Zeit knapp. Irgendwann wurde die Hilfskraft, welche mich und meinen Helfer beaufsichtigt hatte, durch einen Dozenten abgelöst, mit dem ich schon einige positive Gespräche hatte. Er beruhigte mich erst mal mit den Worten, dass ich mir ruhig Zeit lassen solle. Als ich nach 5 ½ Stunden fix und fertig abgab und der Dozent zu einem Kommentar ansetzte, befürchtete ich das Schlimmste. Aber er machte mir ein Kompliment, dass ich ja eine ganz schöne Leistung vollbracht hätte.

Die Vorgeschichte bis zur nächsten kritischen Prüfungssituation beginnt im April 2009: Vor meiner Abschlussprüfung des Studiums sind umfangreichere Vorbereitungen nötig, um die optimalen Bedingungen für mich herauszuholen. Ich stelle beim Prüfungsamt einen Antrag auf Zeitverlängerung und will erreichen, dass ich meine schriftliche Prüfung zu Hause schreiben kann. Hört sich verrückt an, aber ich kann nicht sechs Stunden am Stück meinem Zivi eine Klausur diktieren, ohne mich hinzulegen. Zu meiner positiven Überraschung ist der Chef des Prüfungsamtes total umgänglich und locker drauf. Ich schildere ihm die Situation und er überlegt keine zwei Sekunden: Ich solle die Prüfung so abwickeln, wie ich es für richtig halte. Schließlich wäre ich ja Experte in eigener Sache und könne meine Bedürfnisse am besten einschätzen. Ich kann kaum fassen, dass die Sache schon durch ist und jubiliere innerlich. Am Tag der Prüfung kommt ein netter Aufseher in meine Wohnung und es kann losgehen. Schon ein komisches Gefühl und meine Gedanken kommen nur schwer ins Rollen, eine zähe Angelegenheit! Mit dem Ergebnis, dass mein Zivi am Ende der Klausur fast um sein Leben schreiben muss. Kaum zu glauben, dass sechs Stunden Prüfungszeit um ein Haar nicht ausreichen.

Zu guter Letzt sei aber noch erwähnt, dass auch mündliche Prüfungen bei mir nicht immer ohne Komplikationen ablaufen. Relativ entspannt fahre ich zu meiner mündlichen Geschichtsprüfung. Vor dem Prüfungsraum will ich noch mein Beatmungsgerät in Gang setzen, da ich dann viel entspannter reden kann. Plötzlich fragt mein Zivi nach, wo denn meine Atemmaske sei. Mir wird auf einmal bewusst, dass sie zu Hause liegt und ein Anflug von Panik überkommt mich. Mein Zivi ist der Verzweiflung nahe, meine Prüfer fragen mich, ob alles in Ordnung sei und ich die Prüfung auf einen anderen Tag legen wolle? Aber ich habe mich wieder gefangen und will das Ding jetzt durchziehen. Da ich mich relativ stark auf die Atmung konzentriere, verfliegt jegliche Nervosität und ich lege problemlos eine Bombenprüfung ab.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Augen zu und durch: Irgendwie kriegt man jede Prüfung über die Bühne.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Weniger Bürokratie ist mehr! Der Pragmatismus soll Siegen!

Der etwas andere Start ins Studium

Ich habe mir schon lange vor dem Abitur Gedanken gemacht, wie es weitergeht, das heißt wo und was ich studieren werde. Denn es war klar, dass ich Einiges vorher abklären musste. Wer übernimmt die Pflege, gibt es rollstuhlgerechte Wohnungen, ist die Stadt rollstuhlfreundlich und das Wichtigste, kann ich mein Wunsch-Studienfach wegen der Gebäudezugänglichkeit studieren? Das waren für mich die drängendsten Fragen. Um es kurz zu machen: Ich habe mich letztendlich für die Kombination Geschichte und Politikwissenschaft in Heidelberg entschieden, nicht zuletzt dank zweier sehr engagierter Vertrauensleute, dem Fachstudienbeauftragten und dem Behindertenbeauftragten. Ohne Umbaumaßnahmen im Historischen Seminar wäre für mich ein Studium unmöglich gewesen. Beide haben mich aber hervorragend unterstützt und schließlich wurden Rampen gebaut, sodass ich problemlos durchs Gebäude flitzen konnte. Und so muss das sein: Engagiert und unkompliziert.

Überhaupt kommt mir während des gesamten Studiums viel Verständnis seitens der Dozenten entgegen. Nur ein alter Professor interveniert empört, da ich seine Vorlesungen für meine Nachbereitung aufzeichnen möchte. Aber der Reihe nach: Das Studium beginnt mit der Ringvorlesung für Studienanfänger „Einführung in die Politikwissenschaft“. Die Aula der Neuen Universität ist völlig überfüllt und ich muss mich mit meinem Helfer an einen freien Platz durchkämpfen. Es ist eine riesige und nicht immer einfache Umstellung von der kleinen, gut behüteten Schule zum Massenbetrieb Universität. Dafür sind die Kommilitonen meist sehr hilfsbereit, wenn ich einen Mitschrieb kopieren will oder ähnliches. Das Knüpfen von Kontakten mit Kommilitonen will nicht so richtig klappen. Natürlich haben einige Berührungsängste, aber es liegt eher an den Bedingungen, die meinen Studiumsalltag bestimmen. Da ich nicht so lange sitzen kann, komme ich eigentlich nur zu den Vorlesungen und Seminaren, fahre danach mit dem Taxi wieder zurück. Am schwersten wiegt, dass ich nicht in die Mensa gehe, dem Hauptgesprächsort für studienrelevante Themen und Dinge, welche die Studenten bewegen. Viele Studenten können so viel leichter eine Beziehung zueinander aufbauen, wenn sie mehr oder weniger den ganzen Tag miteinander verbringen.

Dass bei manchen meiner Kommilitonen doch recht viel Unsicherheit im Verhalten gegenüber mir zu spüren ist, macht mein erstes Referat im Studium deutlich. Als es um die Vergabe der Referatsthemen und -gruppen geht, möchte fast keiner mit mir eine Gruppe bilden. Letztlich finden sich doch ein paar Kommilitonen, wobei ich nicht gerade die motiviertesten Leute erwische. Ich investiere zunächst mit Abstand am meisten Arbeit in die Vorbereitung des Referats. Als ich am Tag des Referats als erster meiner Gruppe mit dem Vortrag beginne, merke ich schnell, dass die Kommilitonen sehr aufmerksam und interessiert zuhören. Danach klopft mir einer auf die Schulter und teilt mir mit, dass ich einen sehr ansprechenden Vortrag gehalten hätte.

Da ich nicht so schnell reden kann, muss ich besonders darauf achten, nur das wichtigste in meinen Vortrag zu packen. Dies führt dazu, dass meine Referate sehr kompakt ausfallen und es der Zuhörer einfach hat. Den Grundstein für meinen gelungenen Vortrag lege ich am Beginn des Referats: Ich teile den Zuhörern mit, dass ich aufgrund meiner schwachen Atmung nicht so konstant reden kann und mein Vortrag nicht flüssig sein wird. Aber nach vielen vorherigen Referaten, die meistens in geschliffenem  Hochdeutsch heruntergerattert wurden, sind meine Kommilitonen froh, dass sie nun ganz entspannt Satz für Satz von mir anhören dürfen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Aller Anfang ist schwer, aber spannend!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Studenten im E-Rollstuhl sind Studenten wie jeder andere, nur etwas anders!

Der ultimative VfB-Wutausbruch

Eines schönen Mittags sitze ich zu Hause bei meinen Eltern auf der Terrasse und lass es mir gut gehen. Eigentlich bin ich total entspannt und mich kann nichts aus der Ruhe bringen, wäre da nicht eine Sache, die ganz tief in meinem Inneren rumort. Es ist das leidige Thema mit dem Rollstuhlfahrerkarten für mein Wohnzimmer – ähhääm ich meine natürlich die Mercedes-Benz-Arena in Stuttgart, wo mein VfB seine Heimspiele austrägt. Bisher war es immer so, dass ich mir für jedes Spiel ein einzelnes Ticket besorgen musste, was immer ziemlich mühsam war. Manchmal konnte man das Wetter schlecht vorhersehen – denn bei Dauerregen mit E-Rollstuhl im Stadion zu sitzen macht keinen Sinn – und hin und wieder habe ich einfach keinen Begleiter gefunden. Irgendwann hat dann der VfB angekündigt, für jeden Rollstuhlfahrer eine Dauerkarte anzubieten. Ich komme deshalb zwar nicht mehr umsonst ins Stadion, aber ich habe endlich meinen gesicherten Stammplatz und meine Ruhe.

An dem besagten Nachmittag lässt mir das ganze keine Ruhe mehr und ich greife zum Telefon. Ich weiß wohl, dass ich einen schwierigen Gesprächspartner habe mit dem Behindertenbeauftragten des VfB. Er ist ehrenamtlich tätig und sicher sehr bemüht, aber halt auch heillos überfordert. Aber ich habe keine andere Wahl, es ist schon der dritte Spieltag und die versprochene Dauerkarte lässt immer noch auf sich warten!
…TutTut… „Heinzelmann, was kann ich für sie tun??“ Ich schildere mit Nachdruck meine Situation und bin voller Hoffnung. Der gute Heinzelmann speist mich mit der 08-15 Aussage ab, da könne er jetzt auch nichts machen und ich bräuchte halt noch etwas Geduld.

Das war eindeutig zu viel, ich bin fassungslos und koche vor Wut. Es gibt kein Halten mehr, ich schreie ihn an, dass dies wohl die größte Verarschung des Jahrhunderts wäre und werde immer lauter. Als plötzlich meine Mutter mit hochrotem Kopf auf der Terrasse erscheint, wird mir bewusst, dass ich übers Ziel hinausgeschossen bin. Erst habe ich den guten Heinzelmann fertig gemacht und nun bin ich dran: Meine Mutter herrscht mich an, was mir eigentlich einfällt, so laut draußen herumzubrüllen. Was sollen da bloß die Nachbarn denken. Das ist mir natürlich in diesem Moment völlig egal, aber ich sage erst einmal nichts mehr! Bis ich wieder vollständig herunterkomme, dauert es noch eine ganze Weile.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Schreie nie zu laut auf der Terrasse herum!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Achtung, auch Fußballfans im E-Rollstuhl können ausrasten!

Veröffentlicht unter VFB

Begrüßen und Verabschieden mal etwas anders

Begrüßen und Verabschieden mal etwas anders

Wie oft passiert es uns heutzutage, dass wir auf der Straße einen Jugendlichen begrüßen und einfach keine Antwort bekommen!? Der Grund: Die meisten sind mit ihrem I-Phone beschäftigt oder hören so laut Musik, so dass sie um sich herum so gut wie nichts mehr mitbekommen. Da ist es doch eine Wohltat, wenn uns bei einer Veranstaltung zur Begrüßung erstmal jemand die Hand reicht.
E-Rollstuhlfahrer wie ich denken da aber etwas anders: „Hoffentlich versucht hier niemand, mir die Hand zu geben!“ Nicht das ich keine Lust hätte, höflich zu sein und mich zu unterhalten. Diese Haltung legen wir einfach nur aus praktischen Gründen und zum Schutz des Gegenübers an den Tag. Ja, richtig gehört, wer E-Rollstuhlfahrern die Hand gibt, lebt gefährlich! In der Regel haben sie die rechte Hand am Steuerknüppel und wenn man versucht, diese zu schütteln, ist klar was passiert. Zumindest bei mir ist das ein riskantes Spiel, da meine Finger dauerhaft am Steuerknüppel sind. Damit alles in der richtigen Position ist, wird der Arm von einer speziellen Armauflage gestützt. Wenn sich irgendetwas durch äußere Einflüsse verschiebt, kann ich gleich nicht mehr so gut steuern und mein Helfer muss meine Hand wieder mühsam nachjustieren.

Salto Mortale InternetBesonders kritisch wird es meistens, wenn ich in meiner Kirchengemeinde bin. Viele der älteren Damen meinen es besonders gut mit mir und denken wohl, sie machen mir eine große Freude, wenn sie meine Hand kräftig tätscheln oder gar meine komplette Hand schütteln. Leider verursacht dies bei mir einen mittleren Albtraum, denn bei meiner Hand stimmt dann gar nichts mehr. Dass ich nebenbei mit dem falschen Namen gegrüßt werde, ist da leicht zu verschmerzen. Na ja, bei den Senioren ist das ja echt verständlich, die kennen sich mit der neuen Technik kein bisschen aus und können die Auswirkungen nicht erahnen. Bei manchem unserer jüngeren Mitmenschen verstehe ich aber manchmal nicht, dass Sie überhaupt nicht überlegen, was sie tun. Anscheinend sehen sie meinen Steuerknüppel nicht oder sie denken, ich steuere meinen E-Rolli irgendwie anders.

Beim Verabschieden vom Leiter des Gottesdienstes kam es jedenfalls schon öfter fast zu einem Frontal-Zusammenstoß. Wenn die Männer voller Tatendrang meine Hand anpacken, machen Sie in der nächsten Zehntelsekunde einen Satz zurück und mein Turbogeschoss schießt um Haaresbreite an ihnen vorbei. Ich bekomm natürlich die Krise und mein Herz rast. Aber seit einem Jahr ist alles besser: Einer meiner Rollstuhl-Experten hat mir einen genialen Handwärmer konstruiert, der meine Hand ab sofort vor Wind und Kälte schützt und natürlich vor fremden Händen, die jetzt gezwungen sind, mich mit einem Klaps auf die Schulter oder auf die andere Hand zu begrüßen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Hab ganz fein acht auf deine heilige Steuerung.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Bitte gib keinem E-Rollstuhlfahrer ohne nachzudenken die Hand!

Immer diese Kirchen(Fuß)gänger

Nach meinem Umzug musste ich einige Wochen mit der Straßenbahn fahren, wenn ich die Gottesdienste meiner Kirchengemeinde besuchen wollte. Da es nie ganz klar ist, ob die geeignete Bahn kommt, bin ich sicherheitshalber mit meinem kleinen Schieberollstuhl – liebevoll auch Stadionrolli genannt – auf Tour gegangen. Naja, war alles halb so schlimm, da es auf den Sommer fiel. Viel schwerer wog, dass ich in meinem kleinen Rolli absolut unbeweglich bin und eine Etage tiefer wie alle Fußgänger dieser Welt sitze. Ich bin also darauf angewiesen, dass die Leute von selbst auf mich zukommen. Eigentlich ja nicht so schwer, sollte man meinen. Außerdem bin ich ein sehr offener und kommunikativer Mensch, der sich über jeden Gesprächspartner freut.

Also, steigen wir ein in die Szenerie: Ich sehe einen alten Kumpel in der Kirchenbank sitzen, der mittlerweile in einer anderen Stadt studiert. Ich freue mich schon auf die Unterhaltung nach der Kirche. Nach dem Schlussgebet kann ich mich leider nicht sofort zu meinem Kumpel umdrehen, also warte ich. Und zum Glück kommt gleich mein Helfer um die Ecke. Sofort gebe ich ihm zu verstehen, dass er mich drehen soll. Da sehe ich auch schon wieder meinen Kumpel und rufe nach ihm. Aber aus irgendeinem Grund registriert er mich nicht und irgendwann geb ichs auf.

Draußen im Vorraum ist es ziemlich voll und ich verzichte darauf, mich zu irgendeinem potenziellen Gesprächspartner hinfahren zu lassen. Ein paar Jugendliche stehen im Kreis zusammen und unterhalten sich angeregt. Leider sehen sie mich nicht und ich friste einsam mein Dasein. Ansonsten wäre ja alles kein Problem: Denn wenn ich mich mal ins Gespräch einschalten kann – sofern die Voraussetzungen gegeben sind, freuen sie sich sofort und hören mir interessiert zu.
Als ich so vor mich hin sinniere kommt einer meiner besten Kumpels und reißt mich aus den Gedanken. Sofort beschließen wir, dass auf jeden Fall noch ein, zwei Bierchen in unserer Stammkneipe drin sind. Ein paar andere Jugendliche kommen ebenfalls mit und es wird doch noch ein gelungener Abend.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Kommunikation ist möglich, wenn die Rahmenbedingungen passen!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Immer schön aufmerksam! Rollstuhlfahrer sind in der Regel tolle Gesprächspartner!

Immer diese Berührungsängste

Heute Abend bin ich bei Freunden zum Geburtstag eingeladen. Es wird gegrillt und ich finde es cool, dass ich einmal nicht der Grillgastgeber bin und nichts vorbereiten muss. Über einen kleinen Holperweg fahre ich in den großen Garten und es ist echt nett dort, ideal für ne Party. Die Stimmung ist gut und wir unterhalten uns alle recht angeregt. Spätestens als die ersten Gäste wieder gehen, fällt mir etwas auf: Alle nehmen sich zum Abschied kurz in den Arm, nur bei macht das niemand. Eigentlich bin ich das gewohnt, aber diesmal fällt es mir besonders auf. Die Leute haben wohl Angst, dass sie meine Atemmaske verschieben oder bei mir etwas zerbrechen könnten, dabei bin ich ein ziemlich zäher Bursche. Ich finde es total schade und könnte mich schon etwas aufregen, aber erstens bringt das nichts und zweitens verstehe ich meine Mitmenschen auch ein bisschen.

Denn wenn sie es genau wüssten wie, würden sie sich mit Sicherheit anders verhalten. Es hat sich als beste Methode erwiesen, dass ich meinen Mitmenschen dabei helfe und offen auf sie zugehe. Dann merken sie plötzlich, dass „der ja voll gut und witzig drauf ist und mit ähnlichen Problemen wie ich selbst zu kämpfen hat“. Dies senkt ihre Hemmschwelle meist gewaltig und sie sind oft beeindruckt, dass stark eingeschränkte Menschen ja ganz normal leben können.

Hauptursache dafür, dass Menschen nicht genau wissen, wie sie sich gegenüber behinderten Menschen verhalten sollen, ist meiner Meinung nach die mangelnde Aufklärung über verschiedene Krankheitsbilder und der fehlende Umgang mit körperlich und geistig Behinderten. Durch meine langjährige Erfahrung weiß ich, dass alle Menschen, die einmal ein Soziales Jahr gemacht, körperbehinderte Familienmitglieder haben oder beruflich mit behinderten Menschen zu tun haben, viel lockerer mit Rollstuhlfahrern, Spastikern, Blinden, etc. umgehen und sie einfach wie normale Menschen behandeln. Scheinbar ganz einfach und doch so schwer!
Natürlich gibt es Menschen, die von Natur aus keine Probleme haben, alle Menschen sofort anzusprechen, und die besonderes Interesse zeigen, wenn jemand außerhalb der Norm ist. Damit man im Umgang mit behinderten Menschen sicherer wird, gibt es eigentlich ein ganz einfaches Rezept: Orientiere dich an Menschen, die das super können und denke dir bei einer behinderten Person einfach, dass es ein Mensch ist wie du und ich.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Sei nicht so streng mit deinen Mitmenschen und ergreife die Initiative, wann immer sich die Chance bietet.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: E-Rollstuhlfahrer brauchen gewöhnlich keine Sonderbehandlung!