Politik und Bürokratie

Inklusion: Unwort des Jahres

Bevor das neue Jahr richtig losgeht, möchte ich noch einmal ein Schlaglicht auf das vergangene Jahr werfen. Schon ein paar Jahre ist uns Deutschen die Inklusion ein Begriff. Vergangenes Jahr scheint „Inklusion“ endgültig zum Lieblingsthema vieler Entscheidungsträger in Gesellschaft, Politik und Selbsthilfe geworden zu sein. Allerdings – es ist kaum zu glauben – manche Menschen wissen tatsächlich immer noch nicht, was Inklusion eigentlich bedeutet. Deshalb an dieser Stelle eine kurze Nachhilfe: Inklusion besteht dann, wenn alle! Menschen ganz selbstverständlich in die Gesellschaft mit eingeschlossen sind. Heißt im Klartext, dass die Gegebenheiten im Alltagsleben für die Bedürfnisse von behinderten Menschen geeignet sind und die Bürger ihre Mitmenschen mit Behinderung als normale Partner ansehen und sie ernst nehmen. Der Idealfall wäre, wenn die Umwelt und der Lebensraum so barrierefrei gestaltet sind, dass die Heterogenität der Menschen gar nicht mehr relevant ist.
Traurig also, wer davon noch nichts mitbekommen hat! Aber viel schlimmer sind die Leute, die ständig davon reden, aber nicht danach handeln. Das gilt vor allem für unsere Politiker, die sich oft inflationär solcher Schlagwörter bedienen. Den Begriff „Inklusion“ kann langsam kein Mensch mehr hören! Taten sind gefragt, was angesichts einiger Negativbeispiele durchaus anzuzweifeln ist:

cdu.jpg w=584Da wäre unter anderem Merkels Ansprache zum Tag der Menschen mit Behinderung, worin sie betont, dass wir eine Gesellschaft sein sollen, die Menschen mit Behinderung nicht behindert. Das gilt allerdings auch für den Staat und genau darin liegt oft das Problem. Gesetze, die beispielsweise verhindern, dass Menschen mit Assistenzbedarf etwas ansparen dürfen und im Falle einer Ehe den Partner maßgeblich zur Kostendeckung der Pflege heranziehen, bewirken das glatte Gegenteil. Den eher geringen Stellenwert der Inklusion für die Politik verdeutlicht die Tatsache, dass die Besetzung des Behindertenbeauftragten der neuen Regierung nur zweitrangig war. Bei den Koalitionsverhandlungen in Hessen haben es die Verhandlungspartner nicht einmal geschafft, einen Behindertenbeauftragten festzulegen, es wird lediglich als Option gesehen.

2-format4Die Diskrepanz zwischen „davon sprechen“ und „umsetzen“ wird auch am Beispiel des Fernbusses, Deutschlands neuem Bahn-Ersatzverkehrsmittel Nummer eins deutlich. Auf Betreiben des Bundesverbandes Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) wurde in letzter Minute eine Klausel in das Personenbeförderungsgesetz übernommen, die eine barrierefreie Ausstattung aller ab 2016 neu zugelassenen Fernbusse und ab 2019 aller eingesetzten Fernbusse vorsieht. Bei den momentanen Regelungen gibt es freilich erhebliche Lücken, und sowohl Selbsthilfeverbände als auch Busanbieter bemängeln, dass der Gesetzgeber keine klaren Mindeststandards oder Richtlinien definiert. Auf der anderen Seite gibt es Lichtblicke: So hat der ADAC mit dem Postbus den ersten Vorstoß gewagt und setzt seit November 2013 auf der Strecke Hamburg – Berlin in einer Versuchsphase insgesamt sieben Fernbusse ein, die mit Rollstuhlsitzplätzen und einer Rollstuhlrampe im vorderen Einstiegsbereich ausgestattet sind. Sogar die Deutsche Bahn mischt mit: Sowohl bei den beiden Busbetreibern Haru und BEX innerhalb des BerlinLinienBus als auch beim IC Bus, bei denen sie beteiligt ist, werden bereits jetzt erste rollstuhlgerechte Fernbusse eingesetzt. Die fehlenden rollstuhlgerechten Toiletten kompensieren die beiden Linienbetreiber durch Halte an Raststätten mit rollstuhlgerechten Toiletten. Die Fahrer sind dazu angehalten, beim Ein- und Ausstieg sowie beim Aufsuchen der WCs behilflich zu sein. Wir sehen also, dass es geht und Inklusion in einigen Köpfen schon angekommen ist. Bus_02.jpgBis zu einer vollständig inklusiven Gesellschaft bleibt jedoch noch sehr viel zu tun. An vielen Stellen hakt es noch gewaltig, ABER! – da muss ich Kanzlerin ausnahmsweise mal recht geben – es hat sich schon Einiges getan und es gab im letzten Jahr viele positive Ansätze. Man denke nur an die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention in Baden-Württemberg. Der Behindertenbeauftragte hat die Basis – Menschen mit Behinderung, ihre Angehörigen und Freunde sowie Selbsthilfevereine und -verbände – in vier Regionalkonferenzen (marcel-gibtgas berichtete) angehört, damit die Politik ihre Anregungen in zukünftige Entscheidungen mit einbeziehen kann. Selbsthilfeverbände in Deutschland haben bereits viel bewirkt, indem sie immer wieder öffentlich unermüdlich auf bestehende Mängel hinweisen und somit viel Druck auf die Politik ausüben. Klar können auch sie keine Wunder vollbringen und in vielen Bereichen gibt es noch Nachholbedarf, wenn ich nur an den öffentlichen Nahverkehr denke. Auch wenn wir mit Blick auf manch andere Länder auf hohem Niveau jammern. Inklusion_Logo_weiss_396x274Die wichtigste Aufgabe fürs neue Jahr besteht weiterhin darin, dass die Menschen ihre Barrieren im Kopf beseitigen, welche der Inklusion im Wege stehen. Die Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderung gehören ausgeräumt. Genauso die Befürchtungen, die viele Mitmenschen davon abhalten, sich auf ihre Mitmenschen mit Behinderung einzulassen.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Ärgere dich nicht so sehr, wenn über Inklusion lediglich gesprochen wird. Freue dich vielmehr über die Dinge, die schon inklusiv sind und setze dich mit deiner ganzen Persönlichkeit für mehr Inklusion ein!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Jeder kann etwas zur Inklusion beitragen; es spielt keine Rolle, wie groß dieser Beitrag ist, er bewirkt etwas!

 

Ämter-und Bürokratie-Episode Teil 2 – Die Ineffizienz des Bürokratiemonsters

Es ist schon länger her, dass ich über die schwerfälligen Mühlen der Bürokratie geschrieben habe. Daher scheint es längst überfällig, dass jetzt endlich der nächste Artikel darüber kommt. Ich habe mich entschlossen, eine Serie – die Ämter-und Bürokratie-Episode – daraus zu machen. Trotz allem Ärger über den fast schon normalen Wahnsinn der Bürokratie müssen wir – wie ich damals andeutete – uns immer wieder bewusst machen, dass wir in Deutschland auf einem recht hohen Niveau jammern.
Wie ich ja schon berichtete, habe ich mit etwas Mühe erreicht, dass mir das Sozialamt Kulturfahrten bezahlt und ich so problemlos in die Kirche komme, selbst wenn es Minusgrade hat.

IMG_0168Läuft alles normal, gibt es keine Probleme, aber wehe ich habe mal einen außerplanmäßigen Wunsch… Dann wird es kritisch, weil jederzeit und überall die Fallstricke des bösen und geheimnisvollen Bürokratiemonsters lauern. Entweder kann mein Taxiunternehmen zu der veränderten Uhrzeit nicht fahren oder ich muss erst einmal meinen Extrawunsch vom Sozialamt genehmigen lassen. So geschehen bei meiner längeren Fahrt zum Foreigner-Konzert. Ich wollte ganz unkompliziert ein paar Fahrten sparen und dafür eine lange Fahrt machen. Obwohl mein Taxiunternehmen nicht explizit nur für meine Kirchenfahrten beauftragt ist,  hat der nette Mann von der Rechnungsabteilung Bedenken: Für die lange Fahrt sei ich ja gar nicht versichert, aber insgeheim hat er ja nur Angst vor dem jederzeit und überall lauernden Bürokratiemonster.ch muss also beim Sozialamt anrufen und dem zuständigen Sachbearbeiter verklickern, was mein Plan ist. Der hört gar nicht lange zu und sagt gleich, ich solle es bitte schriftlich machen, das könne er nicht ohne seinen Chef entscheiden. Das ist wohl die gängige Kommunikation bei den Ämtern in Deutschland… Ich setze also kurz ein Schreiben auf und 5 Tage später habe ich die Genehmigung in der Tasche. Dem Bürokratiemonster bin ich somit gerade noch entwischt.

Bürokratiemonster_WebWenn es um Hilfsmittel geht, ist die Sache heikler. Zugegeben, ich bin was Hilfsmittel angeht inzwischen sehr gut ausgerüstet – inklusive Trinkhilfe und Telefonieren mit Bluetooth-Headset. Das i-Tüpfelchen wäre jetzt noch, wenn ich mit meiner Umfeldsteuerung ein spezielles Infrarottelefon ansteuern und damit selbständig Anrufe annehmen und starten könnte. Mit zwei verschiedenen Argumentationsansätzen bin ich bislang bei der Krankenkasse gescheitert, im Moment befindet sich mein Widerspruch in einem schwebenden Verfahren, in einer Warteschleife sozusagen. Auf  Nachfrage bekomme ich lediglich die Auskunft, dass ich nur abwarten und auch niemanden zum aktuellen Stand der Dinge befragen könne.

IMG_0646Wegen diesem Vorfall und noch anderen Hintergründen haben wir als Familie die Krankenkasse gewechselt. Aber deshalb ist natürlich noch nicht alles gut und das Bürokratiemonster leider weiter unbesiegt. Prinzipiell ist es mit dem Wechsel gar nicht so kompliziert, da die neue Kasse, die alte Kasse abfragt und die bestehenden Verordnungen einfach übernimmt. Aber wie befürchtet läuft es natürlich nicht reibungslos ab. Kurz vor dem offiziellen Wechsel häufen sich bei mir die Panikanrufe. Das Sanitätshaus, von dem ich meine Beatmungsgeräte habe, meldet sich. Die Beatmungsgeräte werden ja jetzt bald abgeholt, da sie Eigentum der BKK Bosch sind. Ich entgegne nur, dass sie das ja gerne tun könnten, wenn sie ein Menschenleben auf dem Gewissen haben wollen. Die Frau am anderen Ende der Leitung ist kurz überrascht, geht aber gleich wieder zur Tagesordnung über. Sie teilt mir mit, dass sie bei der neuen Kasse zwei neue Beatmungsgeräte beantragt hat. Ich finde es absolut überflüssig und schwachsinnig, wieso die neue Kasse nicht einfach die bestehenden Beatmungsgeräte übernimmt. Sie funktionieren doch einwandfrei und erfüllen ihren Sinn und Zweck. Auf weitere Diskussionen lasse ich mich überhaupt nicht ein und außerdem will ich auch nicht, dass es dem Bürokratiemonster langweilig wird.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Lasse dich nicht vom Bürokratiemonster ärgern, sondern ziehe einfach dein Ding durch!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Vorsicht, bitte nicht komplett vom Bürokratiemonster vereinnahmen lassen!

 

Behindertenrechtskonvention ganz demokratisch!

Die meisten von Euch haben sicher schon von der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) gehört, die 2009 verabschiedet wurde und die von zahlreichen Ländern unterzeichnet worden ist. Sie enthält grundlegende Bestimmungen, um für Menschen mit Behinderung eine inklusive Alltagsumgebung herzustellen. Das heißt, die staatlichen Institutionen und die Gesellschaft eines Landes schaffen Bedingungen, die sich auf ihre behinderten Mitmenschen einstellen und ihnen ein gleichberechtigtes Leben ermöglichen. Dafür formuliert zur Zeit jede Stadt, jede Kommune, jedes Bundesland und schließlich die Bundesregierung einen Aktionsplan und will diesen umsetzen. Das hört sich jetzt alles ziemlich theoretisch an, ist es aber nicht, wie ich bei der Regionalkonferenz in Mannheim erlebe. Bei der Veranstaltung haben Betroffene, Angehörige, Vertreter von Selbsthilfevereinen, Behindertenwerkstätten und Schulen die Möglichkeit, sich zu den bisher ausgearbeiteten Leitlinien des Landesbehindertenbeirats zu äußeren.

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Das ist für mich echte Demokratie, jeder hat die Chance, mitzureden und seine Erfahrungen einzubringen! Wenn man sich die große Vielfalt unterschiedlicher Behinderungen und Bedürfnisse vor Augen führt, was mir hier in Mannheim so richtig bewusst wird, ist das besonders wichtig. Und Politiker brauchen diese Außensicht ihrer mitten im Alltagsleben stehenden behinderten Mitmenschen, um gute Gesetze zu verabschieden, die möglichst vielen von ihnen gerecht werden. Mir gefällt das wirklich, mitgestalten statt mitjammern mit allen anderen Politikverdrossenen! Zur Konferenz hatte der Landesbehindertenbeauftragte aufgerufen, der die Interessen der Menschen mit Behinderung im jeweiligen Bundesland vertritt. Ich bin im Vorfeld etwas skeptisch, denn solche Bürgervertreter versprechen in schönen Reden oft sehr viel und können kaum etwas davon umsetzen. Letztes Jahr habe ich eher negative Erfahrungen mit dem Behindertenbeauftragten gemacht, als ich bei einem sehr wichtigen Anliegen mit drei Sätzen abgespeist wurde. Natürlich vertritt er eine ganze Menge Menschen und kann sich nicht um alles kümmern, was mich etwas milder stimmt. In seiner Eröffnungsrede gefällt er mir sehr gut: kompakt, prägnant und mit Nachdruck!

Der engagierte dicke Mann

In drei Arbeitsgruppen unterteilt – „Erziehung und Bildung“, „Wohnen und Wohnumfeld, Kultur, Freizeit, Vereine, Tourismus“ und „Gesundheit und Arbeit“ finden sich die Teilnehmer zusammen und diskutieren. Ich bin letzterer Gruppe zugeteilt. Die Diskussion läuft gut und ich habe das Gefühl, dass einige sehr engagierte Anwesende richtig gut vorbereitet sind. Vor allem einige Eltern von Menschen mit geistiger Behinderung, setzen sich nachdrücklich für ihre Kinder ein. Ich merke schnell, dass einige Aspekte durchaus emotional aufgeladen sind. Die meisten Anwesenden legen großen Wert darauf, endgültig mit allen Facetten der Diskriminierung aufzuräumen! Engagement ist sehr notwendig, aber alles hat seine Grenzen, finde ich. Manche nehmen sich schon verdammt wichtig und nehmen sehr viel Diskussionsraum ein. Ein dicker Mann, der sich als Angstpatient vorstellt und an einer Esssucht leidet, schießt den Vogel ab. Ständig gibt er einen Zwischenkommentar ab und ergreift bei jeder passenden Gelegenheit das Wort, um seinen Unmut zu äußern. Er wirft mit Ausdrücken wie „Das kann es echt nicht sein“ und „Das ist unter aller Kanone!“ um sich. Ist ja gut, denke ich irgendwann, finde es aber auch schon wieder amüsant 🙂

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Inklusion in der Praxis will gelernt sein!

Dass auch manche Teilnehmer auf einem Seminar, bei dem Inklusion im Mittelpunkt steht, im Umgang mit E-Rollstuhlfahrern noch dazulernen müssen, merke ich in der Mittagspause. Ich sitze mit meinem Helfer an einem Tisch, gegenüber zwei Herren. Der eine spricht meinen Helfer an und fragt, wieso ich ständig beatmet werden muss und möchte wissen, ob es heute sehr anstrengend für mich ist. Ich bin etwas verwundert und frage mich, wieso er mich nicht selber anspricht. Ein Anfängerfehler und das bei dieser Veranstaltung… Ich sage gerade heraus, dass er schon viel zur Inklusion beitragen würde, wenn er mich einfach selber anspricht. Die anderen Männer grinsen und immerhin befreit sich der Angesprochene umgehend aus seiner Zwangslage. Es entwickelt sich ein angenehmes Gespräch und die drei Herren interessieren sich sehr für meine Tätigkeit. So bekomme ich drei Zeitschriften, in denen ich publiziert habe, an den Mann. Hoffentlich habe ich bleibenden Eindruck hinterlassen.

Emotionen pur

Dann geht es auch schon weiter, jetzt geht es um das Thema Arbeit und die Diskussion gewinnt an Fahrt. Es ist ein hoch emotionales Thema und die meisten finden es absolut nicht in Ordnung, von einem zweiten, nachrangigem Arbeitsmarkt zu sprechen. Dies vermittelt ihnen den Eindruck, Menschen mit Behinderung würden minderwertigere und unprofitable Arbeit abliefern.Die Erfahrungen bezüglich der Unterstützung der Arbeitsagentur sind durchweg negativ und alle Anwesenden wünschen sich als Alternative unabhängige Beratungsstellen. Naja, es gibt eine Ausnahme, ein Reha-Berater, der die Welt nicht mehr versteht. Er finde die Beschwerden haltlos und steht dem Wahrheitsgehalt der Äußerungen in Frage. Die Reha-Berater würden eine super Arbeit machen und könnten auch nichts dafür, wenn die Unternehmen keine Menschen mit Behinderung einstellen würden.

IMG_0191Nachdem ich mich bis zu diesem Zeitpunkt noch einigermaßen im Griff habe, platzt es jetzt aus mir heraus. Ich berichte, dass man der Wahrheit ja wohl ins Auge sehen müsse und ich noch nie ein vernünftiges Job-Angebot vom Jobcebter vermittelt bekommen habe. Das tut gut, ich musste meinem Ärger einfach Luft machen. Danach beruhigt sich die Diskussion etwas, bis die Moderatorin uns mitteilt, dass wir die letzten beiden Punkte auf der Agenda nicht mehr schaffen. Sie provoziert damit den letzten Auftritt unseres Angstpatienten. Er beschwert sich, dass dies ja wohl überhaupt nicht gehe! Zum Glück kann er sich wieder beruhigen, da er eine E-Mail Adresse mitgeteilt bekommt, an die er alle seine offenen Fragen richten kann. Gut, dass ich nicht der Empfänger bin.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Engagement ist gut, übertriebene Polemik weniger!

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Die Teilnahme an einer Diskussion mit behinderten Menschen gewährleistet nicht automatisch inklusives Verhalten.

 

Der ultimative Ämterwahnsinn

Uns Rollstuhlfahrer und anderen Behinderten geht es in Deutschland sehr gut. Wir haben mehr Rechte als wir glauben und bekommen je nach Krankheitsbild und Bedarf eine „Rund um die Uhr“-Versorgung bezahlt. Alles schön und gut, wäre da nur nicht das böse Monster namens Bürokratie in Form der deutschen Ämter. Ein Umzug in einen anderen Zuständigkeitsbereich kann da echt zum Fluch werden: Zunächst einmal muss der Umzug für Hartz 4-Empfänger wie mich vom Jobcenter genehmigt werden. Als E-Rollstuhlfahrer, der mit einer 24 Stunden Alltagsassistenz bekommt, steht einem eine umfangreichere Wohnungsgröße zu. Das weiß ich und ich bin ziemlich verwundert, als die Frau vom Jobcenter unverblümt wissen will, wozu ich eigentlich umziehen will. So nach dem Motto, was fällt dem eigentlich ein, umzuziehen! Aber es gibt ja triftige Gründe, ich lasse mich nicht abwimmeln und bleibe ganz freundlich.

Später analysiere ich mit meinen Freunden die Situation: Im Prinzip geht es dem Amt nur darum, eine Geldleistung zu verhindern oder möglichst lange hinauszuzögern. Wir geben die Parole aus, dass ich den Vorfall abhake und das Amt kontinuierlich nerve, wie weit mein Antrag denn sei. Die Genehmigung lässt zum Glück nicht lange auf sich warten und die Bestätigung durch das neue Jobcenter läuft reibungslos. Tja, Wunder gibt es bekanntlich immer wieder! Aber die Freude währt nicht allzu lange, denn es gibt ja auch noch das Sozialamt, welches einen Teil der Pflegeleistungen und die Alltagsbegleitung bezahlt. Auch hier steht ein Ämterwechsel bevor, wobei die Sozialämter ihren Sitz in der gleichen Stadt haben. Gefühlt sind sie aber ein paar 100 Kilometer voneinander entfernt. Eigentlich müssten die Sachbearbeiter ja nur kurz miteinander reden und eine saubere Aktenübergabe machen. Aber das wäre ja zugegebenermaßen viiieeel zu einfach…

Der Traum, ohne einen Formularkrieg auskommen zu können, ist schnell ausgeträumt. Der Beginn der Antragsprozedur ist noch erträglich, aber irgendwann verkommt die ganze Geschichte zu einer einzigen Farce. Es fehlt immer nochmals ein Formular oder ein Nachweis, so sinnlos er auch ist. Trotz beigefügtem Hartz 4-Bescheid soll ich auch noch ein „Gesamtengagement“, welches ich bei meiner Bank habe, vorlegen. Dafür habe ich absolut kein Verständnis mehr. Als ob ich über Nacht Millionär geworden wäre. Dieses Vorgehen ist eine einzigartige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und hochgradige Geldverschwendung! Hier kann endgültig davon gesprochen werden, dass sich unsere Verwaltungen in den Städten oft nur mit sich selbst beschäftigen. Und das für eine Leistung, ohne die ich nicht leben kann und die absolut verständlich sein muss. Außerdem übernimmt die Krankenkasse einen Großteil der Kosten. Es gibt jedoch auch nach drei Monaten noch keine Zusage, was einem die Sprache verschlägt und ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Aber wer jetzt glaubt, das ist das Ende der Fahnenstange, wird in den nächsten Zeilen eines Besseren belehrt. Als Rollstuhlfahrer ohne Erwerbseinkommen stehen mir so genannte Kulturfahrten zu, damit meine Teilhabe am öffentlichen und kulturellen Leben gewährleistest bleibt. Solange ich in meinem alten Appartement wohne, geht die ganze Sache noch recht erträglich über die Bühne. Zunächst gibt der zuständige und langjährige Vertragspartner des Sozialamts, das Deutsche Rote Kreuz, zu bedenken, dass ich nur bis um 18 Uhr fahren kann und sonntags ja eigentlich nur die Essensausgabe auf dem Pogramm steht. Ein schlechter Witz, seit wann finden nach 18 Uhr oder sonntags keine Kulturveranstaltungen mehr statt? Nicht mal meine Fahrten zur Kirche könnte ich so abdecken. Zu meiner Überraschung einigt sich das Sozialamt mit dem DRK auf eine Ausnahmeregelung und ich kann meine Kirchenfahrten machen.

Dumm nur, dass 3 Kilometer weiter alles zur Makulatur wird. Die Akte Kulturfahrten wird neu aufgemacht mit dem ernüchternden Ergebnis, dass der zuständige DRK-Kreisverband meines neuen Wohnorts zu den gewünschten Zeiten auf keinen Fall fahren kann. Echt der Hammer, da sind die Fahrten genehmigt und ich kann sie nicht nutzen und das jetzt schon einige Wochen. Die zuständige Dame vom Sozialamt ist sehr bemüht und meint, dass die Fahrten auch vom alten Fahrdienst übernommen werden können. Sie verspricht, es abzuklären. Als ich nach einer Woche nachhake, wie der Stand der Dinge ist, erfahre ich zunächst, dass ich jetzt einen anderen Ansprechpartner für diese Sache habe. Ich könnte kotzen: Das ist typisch Sozialamt, aus Prinzip wechseln hier die Zuständigkeiten wahnsinnig häufig, damit „zwischen Sachbearbeiter und Hilfsbedürftigen die Objektivität gewahrt bleibt und keine persönlichen Bindungen entstehen.“ So steht es in den Statuten, wirklich schön formuliert. Leittragender ist der hilfsbedürftige Bürger, da er immer wieder von vorne anfangen muss. Aber es gehört wohl zur beschriebenen Verzögerungstaktik dazu.

Vom neuen Sachbearbeiter werde ich ganz schnell abgefertigt: Der alte Fahrdienst habe keine Kapazität, er habe keine andere Lösung und ich solle selber nach einem geeigneten Fahrdienst suchen. Ach ja, und mehr kosten als beim DRK darf es natürlich auch nicht! Ich komme mir vor wie ein Idiot, denn für diese Antwort musste ich ein paar Anträge stellen und einige Wochen Geduld aufbringen. Als ich höre, wieviel das Sozialamt auf den Kilometer zahlt, fällt mir gar nichts mehr ein: 1 Euro pro Kilometer und 2 Euro Anfahrtspauschale. Total an der Realität vorbei, denn schon mit dem normalen Taxi bezahlt man von meinem Wohnort zur Kirche 18 Euro und das Amt würde lediglich 12 Euro übernehmen. Bei einem Rollstuhltransport ist der Preis natürlich ungleich höher. Es gibt Fahrdienste, die ehrenamtliche Mitarbeiter und Jugendliche mit Freiwilligem Sozialen Jahr einsetzen und dadurch die Kosten begrenzt halten können. Diese kämpfen aber ums Überleben und auf Anfrage bekomme ich entweder die Antwort, dass ich nicht zu ihrem Zuständigkeitsbereich gehöre oder dass sie nicht genügend Kapazitäten frei haben. Zwei andere Fahrdienste würden es eventuell machen, aber zu einem Wahnsinnspreis. Ich finde auch noch ein Taxiunternehmen, das alle Bedingungen erfüllt und im Vergleich recht preisgünstig ist. Dies hieße im Klartext 80 Euro für Hin- und Rückfahrt und zeigt, wie weit das Sozialamt von der Realität entfernt ist. Als letzte Möglichkeit besteht jetzt nur noch, dass ich schriftlich die Situation darstelle und auf eine schnelle Lösung dränge. Denn am Telefon werde ich lediglich mit der Aussage abgespeist, dass das Sozialamt laut Gesetz nicht mehr bezahlen könne. Also ist der Ausgang dieses Bürokratiedramas äußerst ungewiss!

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Die deutsche Bürokratie ist ein mehrköpfiges Monster.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Die Sachbearbeiter in unseren Ämtern brauchen mehr Fingerspitzengefühl und Realitätsbezug.

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