Start ins neue Jahr mit Nachwirkung

Ich fahre schon während der Zugabe aus dem Saal, um später nicht in den Menschenmassen steckenzubleiben. Draußen im Foyer fahre ich Richtung Eingang und postiere mich an einer geschickten Stelle, wo ich möglichst nicht im Weg stehe. Meine Assistentin holt unsere Jacken und zieht mich an. Ihre Kollegin, die heute bei mir Nachtdienst hat und sie ablöst, steht schon bereit. Jetzt müssen wir nur noch warten, bis der freundliche Mitarbeiter von vorhin den Aufzug holt. Zum Glück nehmen wir dieses Mal die Lastenhebebühne, die außen am Gebäude hoch- und runterfährt. Die Ladefläche ist schön groß und ich habe nicht jeden Moment Angst, runterzustürzen. Außerdem befindet sich die Plattform der Hebebühne nur wenige Meter neben dem Taxistand, wo mein Abholservice bereits wartet. Da ich mittlerweile ziemlich schief im Rollstuhl sitze und Gefahr laufe, während der Fahrt den Berührungssensor auf meinem Rollstuhltisch neben der Steuerung auszulösen, lasse ich diesen mit einem kleinen Schalter seitlich am Rollstuhl ausschalten. Ziemlich blöd ist, dass man nicht erkennt, falls der Sensor ausgeschaltet ist. Zudem handelt es sich um eine neue Funktion, die meine Helfer noch nicht automatisiert haben. Deshalb kommt es wie es kommen musste: der Sensor ist immer noch aktiviert, was ich nicht ahne. Der Rollstuhl macht genau das, was ich nicht will und beschert mir um ein Haar einen gebrochenen Fuß.

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Ominöser roter Schalter

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Steuerknüppel und silberner Berührungssensor

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Die Neigung meines Rollstuhlsitzes fährt plötzlich von alleine immer weiter hoch und meinen linken Fuß, der an der Ferse etwas mit der Fußstütze verklemmt ist, biegt es mit einer gefühlten gigantischen Kraft immer weiter nach unten. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann, schießt Panik in mir hoch und ich rufe nur verzweifelt: „Mein Fuß, mein Fuß, oh nein mein Fuß…!“ Hätte ich den Rollstuhl einfach schnell ausschalten lassen, wäre vielleicht nichts passiert. Aber das sagt sich hinterher immer leicht. Nach ein paar Sekunden des Schocks lasse ich meinen linken Fuß, der unter einer großen Spannung verklemmt ist, nach vorne ziehen. Zum Glück funktioniert das relativ problemlos und dank meines hohen Adrenalinpegels verspüre ich keine allzu großen Schmerzen. Natürlich pocht der Fuß wie wild… Das in diesem Moment viel größere Problem ist, dass ich komplett nach oben geneigt bin, mein Kopf etwas nach hinten hängt und ich keine Chance mehr habe, an meinen Steuerknüppel zu kommen. Es hilft alles nichts, nun muss meine Assistentin mit meinem Steuerknüppel durch das Menü meiner Rollstuhlsteuerung navigieren. Das ist alles andere als einfach, da die Steuerung auf meinen persönlichen Kraftverhältnisse ausgelegt ist und jeder andere dafür viel zu viel Kraft hat. Nach einigen Fehlversuchen klappt es endlich und mein Rollstuhlsitz fährt wieder nach unten. Nun bin ich abfahrbereit und atme trotz der unangenehmen Begleiterscheinungen tief durch.

IMG_1260IMG_1256                                                                Unser Glück ist, dass die Taxifahrerin sehr geduldig wartet, während sich in ihrem Taxi ein mehr oder weniger übliches Neujahrs-Drama abspielt. Andere Fahrer wären vielleicht panisch geworden und hätten irgendwann rumgenervt, dass sie aber nicht mehr den ganzen Abend Zeit hätten. Die Fahrerin frägt mich, ob sie nicht gleich ins Krankenhaus fahren soll, aber ich lehne sofort ab. Da ich schon relativ lange im Rollstuhl sitze, wären mir geschätzte weitere 3 Stunden definitiv zu viel des Guten. Natürlich hoffte ich insgeheim, dass es nicht ganz so schlimm ist und ich noch einmal um einen Krankenhaus-Besuch herumkomme. Als ich im Bett liege und den Schuh ausgezogen habe, fühlt es sich sogar relativ gut an. Zum Glück hat meine Assistentin kleine Kinder und daher für Notfälle alles Zuhause: Fiebersaft, Schmerzsalbe und Kühlpacks. Wir cremen den Fuß ein, wickeln einen Verband darum und legen ein Kühlpack darauf. Zunächst fühlt sich das sehr gut an und ich gebe meiner anderen Assistentin und Konzert-Begleiterin erste Entwarnung. Später entwickelt sich aber ein ziemlicher Schmerz, was mich angesichts der irrsinnigen Kräfte, die auf meinen Fuß gewirkt haben, eigentlich nicht wirklich wundert. Irgendwann geht es nicht mehr anders und ich greife zum Schmerzmittel, aber die Nacht verläuft trotzdem nicht sehr angenehm. Am nächsten Morgen ist der Fuß ziemlich blau und jede falsche Bewegung tut weh. Meine Assistentin fleht mich förmlich an, die Sache im Krankenhaus abklären zu lassen. Zähneknirschend stimme ich zu.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Mein E-Rollstuhl birgt ein unkalkulierbares Gefahrenpotenzial in sich.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Mit etwas Geduld und Fingerspitzengefühl kann man eine große Hilfe sein.