Mein Weg – „Mit dem Rollstuhl am Neckar unterwegs“

Heute ist es endlich soweit! Nachdem der erste Versuch meines Weges „Mit dem Rollstuhl am Neckar unterwegs“ regelrecht ins „Wasser gefallen“ war, ist heute das ideale Wetter für mein Vorhaben: Nicht zu kalt und nicht zu heiß! …

Die Frage, warum ich diesen Weg mit anderen zusammen fahre bzw. laufe, ist berechtigt: Im Zuge des Jubiläums meines Wohnortes Edingen-Neckarhausen und dem 40-jährigen Gemeindezusammenschluss beider Ortsteile kam die Idee des Projekts „40 Wege“ auf. Also 40 schöne Wege, die beide Ortsteile verbinden. Als ich davon hörte, kam mir sofort die Idee, einen Weg anzubieten, bei dem Jeder! mitlaufen oder -fahren kann: Rollstuhlfahrer, Senioren, „Läufer“ und Kinder. Natürlich bot es mir auch die Chance, mich einzubringen und etwas Öffentlichkeitsarbeit für mehr Inklusion und meinem Blog zu machen. Als Unterstützer hatte ich bald den VdK-Ortsverband der Stadt im Boot. „Viel besser, als so etwas alleine durchziehen zu müssen“, dachte ich mir.

… etwas Nervosität kann ich an diesem Samstag Morgen kaum verbergen. Als ich und mein Assistent endlich startklar sind, blicke ich hektisch auf die Uhr: Oh Gott, nur noch 10 Minuten bis zum Start, Beeilung ist angesagt! Durchs gekippte Fenster ruft plötzlich ein guter Kumpel herein, dass es jetzt aber langsam Zeit werden würde. Dann klingelt es und ein anderer Kumpel kommt hereinspaziert. Auf meine Bitte hin schnappt er sich einen von zwei Schieberollstühlen, in denen interessierte „Läufer“ den Weg als Rollstuhlfahrer erleben können. Mein Assistent kann es kaum erwarten, endlich mal wieder selbst Rollstuhl zu fahren. Kaum aus der Haustüre draußen, brettert er los, ich schieße mit Vollgas hinterher. Plötzlich macht er aus unerfindlichen Gründen ein Bremsmanöver… jedenfalls so überraschend, dass ich nicht mehr reagieren kann und volle Kanne auf sein linkes Hinterrad drauffahre. Ich lasse einen ziemlich lauten Brüller fahren, komme aber zum Glück mit dem Schrecken davon. Einen Crash mit Folgen schon vor dem eigentlichen Start der Neckartour hätte mir gerade noch gefehlt. Ganz abgesehen von der Peinlichkeit!

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Erfreulich: Ein überraschend großes Teilnehmerfeld freut sich auf den Start

Draußen gebe ich ein recht hohes Tempo vor, mehr als fünf Minuten Verspätung will ich mir nicht leisten, nicht heute! Ich nehme die Abkürzung zum Neckar und fahre dann mit zwei Freunden und meinem Assistent im Schlepptau Richtung Rathaus. Dort haben sich zu meiner Freude schon ein paar Teilnehmer eingefunden, davon ein paar Freunde. Auch eine Assistentin von mir mit ihren zwei kleinen Jungs, der eine im Kinderwagen, der andere mit seinem kleinen BMX-Rädchen. Für ihn ist eine kleine Ausfahrt mit dem Rädchen genau das Richtige. Auch seinen kleineren Bruder hält es nicht die ganze Zeit in seinem Kinderwagen, zwischendurch muss er ein bisschen rennen! Meiner Assistentin war es schon immer wichtig, dass ihre Jungs von klein auf mit Menschen mit Behinderung in Berührung kommen, dass sie es normal finden. Das finde ich klasse und es ist ein wichtiger Aspekt meines Weges.

Vor lauter Aufregung begrüße ich die erfreulich große Runde der „Weg-Teilnehmer“ mehr schlecht als recht. Zum Glück rettet die Reporterin der Rhein-Neckar-Zeitung (RNZ) die Situation und schlägt vor, doch erst einmal ein schönes Foto vom Teilnehmerfeld zu machen. Sehr gute Idee, das lockert die Stimmung nach meinem Empfinden deutlich auf! Dann geht’s los, ich will eigentlich gar nicht als Erster losfahren, aber darum komme ich nicht herum. „Natürlich musst du vorausfahren, wir kennen doch den Weg gar nicht“, macht mein Kumpel mit Rollator deutlich. Also gut, ich setze mich an die Spitze und führe das Feld an. Es klappt erstaunlich gut mit dem „Selbstständig fahren“, was bei mir keine Selbstverständlichkeit ist. Außer dass ich immer mal wieder abbremsen muss. Das bemerkt zwar ein aufmerksamer Teilnehmer und will von meinem Assistenten den Grund wissen. Anscheinend ist die Problematik aber nicht weiter aufgefallen, wie mir mein Kumpel später versichert. Plötzlich kommt die Reporterin nach vornegeprescht, um mir noch ein paar Fragen zu stellen. Ein ganz neues Gefühl, während dem Fahren wurde ich noch nie interviewt.

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Neue Erfahrung: Im Rollstuhl fühlt sich der Weg etwas anders an

Ich fühle mich gut, das Wetter ist super, meine Jacke und mein Heizkasten reichen völlig aus. Da ich von Natur aus ein ziemlich vorsichtiger Mensch bin, habe ich natürlich auch noch das Regencape eingepackt. Mein kleines Gepäcksnetz hinten am Rollstuhl lässt auf eine größere Tour schließen. Aber bei mir sieht es meistens so aus, als würde ich eine Weltreise machen. Hinter mir herrscht gute Stimmung, der kleine Radfahrer ist begeistert bei der Sache und die anderen Teilnehmer unterhalten sich bestens. Es läuft alles wie von allein, auf dem ersten ebenen Abschnitt gebe ich ein paar Meter Vollgas, um dann auf die anderen zu warten. Ein paar Fotos sind angesagt und endlich trauen sich die ersten „Wegbegleiter“, an mir vorbeizuziehen, es geht sowieso immer geradeaus. Jetzt lasse ich mich das erste Mal von meinem Assistenten fahren und genieße das laue Lüftchen. Wenige Meter später erkenne ich den Erfrischungsstand, den die „Grünen“ zur Verfügung stellen. Bald ist das komplette Teilnehmerfeld zusammen beim „Boxenstopp“ und erfrischt sich mit kühlen Getränken, es gibt sogar Sekt. Die Pause kosten wir länger aus wie gedacht. Es herrscht buntes Treiben und alle unterhalten sich angeregt. Ich begrüße noch den einen oder anderen Teilnehmer persönlich und unterhalte mich mit „40 Wege-Projektleiterin“ Conny Mahler, die mit ihrer Familie schon länger in Neckarhausen wohnt. Eine sehr engagierte Bürgerin, deren Idee es war, die schönen Wege rund um unser idyllisches Neckarstädtchen den Bürgern näherzubringen.

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Ausgedehnte Pause: Gute Unterhaltung bei kühlen Getränken

Hans Stahl, langjähriges Gemeinderatsmitglied, berichtet mir über seine Erfahrungen im Schieberollstuhl: „Das ist schon ein spezielles Gefühl, vor allem habe ich gemerkt, wie stark man die Unebenheiten spürt!“ Ich fühle meine eigenen Erfahrungen bestätigt und erkundige mich über neueste Bemühungen der Stadt zur Barrierefreiheit. Da blitzen seine Augen erfreut und er erzählt mir, dass es ihm ein persönliches Anliegen sei, auch die restlichen Hindernisse wie zu hohe Bordsteinkanten noch auszumerzen. Gelder dafür seien vorhanden, für die Verwaltung sei es nur nicht immer einfach zu wissen, wo genau noch Handlungsbedarf bestehe. Dafür freue er sich besonders über Infos aus erster Hand, also von den Bürgern, die solche Maßnahmen hauptsächlich betreffen. Als die Ersten mit den Hufen scharren, besteht kein Zweifel mehr: Ich muss das Signal zur Weiterfahrt geben. Ich bedanke mich noch bei den „Grünen“ und drücke wieder aufs Gaspedal.

Meine persönliche E-rkenntnis des Tages: Es ist eine schöne und nützliche Sache, sich in der eigenen Gemeinde einzubringen, denn der Input wird gebraucht.

Die E-Gebrauchsregel des Tages: Zu einer ausgewogenen inklusiven Gemeinschaft gehören immer zwei: Die nicht-behinderten Menschen und die Menschen mit Behinderung.

Veröffentlicht unter Alltag